Wirtschaft : "Der Ideologe ist von Bord, nun sind die Pragmatiker dran"

TAGESSPIEGEL: Die erste Stufe der Steuerreform ist seit dem Wochenende perfekt.Freuen Sie sich darüber?

SOMMERLATTE: Kein bißchen.Die sogenannte Steuerreform ist vor allem eines: konfus.Man kann nicht erkennen, was die Bundesregierung damit will.Niemand in der Regierung weiß offenbar, was auf die Unternehmen zukommt - und übrigens auch nicht, was auf die privaten Haushalte zukommt.Es ist nicht mal ein kleiner Anfangsimpuls zu entdecken.Das ist schädlich.

TAGESSPIEGEL: Wieso?

SOMMERLATTE: Es fehlt der Anstoß, der für neue Investitionen sorgt.Nur so entstehen Arbeitsplätze, nur so kommt es zu Wertschöpfung und schließlich zusätzlichen Steuereinnahmen für den Staat.

TAGESSPIEGEL: Klingt simpel.Warum funktioniert es nicht?

SOMMERLATTE: Die Regierung hat das anders herum gemacht.Erst baut sie steuerliche Anreize ab, die wichtig für neue Investitionen gewesen wären.Dann sagt sie ganz vage, vielleicht entlasten wir euch später.Das ist ein Irrweg.

TAGESSPIEGEL: Ist die Politik noch zu retten?

SOMMERLATTE: Die Regierung muß sich in die Lage der Investoren versetzen - wie das in England, Irland und den USA passiert.Auf diese Weise steht der Investitionsanreiz an oberster Stelle.Und der führt automatisch zur Entlastung am Arbeitsmarkt.

TAGESSPIEGEL: Wieso denkt die Regierung nicht unternehmerisch?

SOMMERLATTE: Die Wirtschaftspolitik der Regierung ist vorgeprägt durch Ideologie.Sie schrieb sich auf die Fahnen, das nachholen zu müssen, was die Regierung von Helmut Kohl veräumt habe - die soziale Ausgewogenheit nämlich.Aber die Maßnahmen, die die neue Regierung nun verfolgt, beeinträchtigen die soziale Ausgewogenheit eher, indem sie die Arbeitslosigkeit vergrößern.Die Regierung sollte sich an Ludwig Erhard erinnern und nicht allein an die Verteilung des Kuchens denken.Sondern erstmal dafür sorgen, daß unternehmerische Initiative unseren Kuchen vergrößert.

TAGESSPIEGEL: Gerhard Schröder als Erbe von Ludwig Erhard?

SOMMERLATTE: Wieso nicht? Erhard schuf vor allen Dingen Spielraum für die natürlichen Kräfte des Marktes, Spielraum für unternehmerische Initiative und Risikobereitschaft, mit dem Arbeitsplätze durch Investitionen und Wachstum entstehen.

TAGESSPIEGEL: Die Regierung wollte doch alles besser machen.

SOMMERLATTE: Die Steuerpläne der alten Koalition von CDU/CSU und FDP hatten wenigstens Hand und Fuß.Aber seinerzeit blockierte die jetzige Regierung die Reform mit ihrer damaligen Bundesrats-Mehrheit.Sie behauptete, wir machen das besser.Der Slogan der SPD vor der Bundestagswahl lautete: Wir sind bereit.Heute wissen wir, daß der Satz noch weiterging: Wir sind bereit, Mist zu bauen.Die Steuerreform von SPD und Bündnisgrünen ist ein Sammelsurium widersprüchlicher Dinge.

TAGESSPIEGEL: Könnte das nach dem Rücktritt von Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine besser werden?

SOMMERLATTE: Sicher.Aber eine wertvolle Chance ist vertan, die Steuerreform erstmal durch.Das Steuerentlastungsgesetz vom Freitag bringt keinen neuen Impuls, die neuen Belastungen fressen die Entlastung für den Mittelstand auf.Die sofortige Revision der Lafontaine-Pläne und eine vernünftige Steuerreform hätten die Stimmung der Wirtschaft aufgehellt und eine halbe Million Arbeitsplätze geschaffen.Das geht ganz schnell.Investitionen legen gleich los, sobald die Gesetzesvorlage da ist.Und die gute Laune ist dann auch schnell an der Börse zu erkennen.Bisher ist die Laune mäßig.Deshalb bleiben Investitionen und Jobs aus - und deshalb gibt es auch keine Kursrallye an der Börse.

TAGESSPIEGEL: Mit Lafontaines Rücktritt schossen die Kurse doch gleich in die Höhe.

SOMMERLATTE: Immer noch ist die deutsche Börse dramatisch unterbewertet, während die amerikanische überbewertet ist.Auch deutsche Spekulanten wagen nicht, hierzulande Geld anzulegen, sobald der Dax (Deutsche Aktien-Index) über die 5000 Punkte geht.Die legen ihr Geld zur Zeit lieber in Amerika an, obwohl die Aktien da gemessen an den Gewinnen viel teurer sind und die Gefahr eines konjunkturellen Wendepunkts besteht.

TAGESSPIEGEL: Wo steht der Dax Ende des Jahres?

SOMMERLATTE: Wenn die Steuerreform mit der richtigen Entlastung vorangetrieben wird - etwa mit einer Körperschaftsteuer von 35 Prozent und einem deutlich niedrigeren Spitzensatz bei der Einkommensteuer -, dann wird der Dax durchstarten.Das könnte den Dax dieses Jahr auf 6000 Punkte bringen - ein Plus von 20 Prozent.Im kommenden Jahr könnten wir dann auf 6500 Punkte kommen.In den USA bin ich etwas pessimistischer, weil die Anlagemöglichkeiten in Europa und Asien sich bessern.Damit wird die US-Börse vergleichsweise weniger attraktiv.

TAGESSPIEGEL: Welche Personen im Kabinett machen Sie so optimistisch, daß nach Lafontaine alles besser wird?

SOMMERLATTE: In erster Linie Schröder selbst.Er hat unter Lafontaine regelrecht gelitten.Er ist ein Pragmatiker, so wie Kanzleramtsminister Bodo Hombach und der designierte Finanzminister Hans Eichel.Mit Lafontaine ist der letzte Ideologe von Bord gegangen, jetzt geben die Pragmatiker das Kommando.

TAGESSPIEGEL: Die ersten deutschen Unternehmen drohen damit, den Standort zu verlassen.Sind die Firmen in Deutschland allesamt vaterlandslose Gesellen?

SOMMERLATTE: Ja.Aber das ist nichts Negatives.Ein Unternehmen muß schauen, wo sich Investitionen lohnen.Es will ja expandieren und Arbeitsplätze aufbauen.Es muß sie aber da aufbauen, wo das Unternehmen wettbewerbsfähig ist.Wer anderes empfiehlt, rät den Firmen zum Selbstmord.

TAGESSPIEGEL: Der Vorwurf ist, daß Unternehmen hier in Deutschland Geld verdienen und deshalb die Beschäftigung im Land sichern müssen.

SOMMERLATTE: Mancher Politiker scheint mir zu blauäugig zu sein.Er kann nicht auf der einen Seite konfuse Wirtschaftspolitik machen und auf der anderen Seite den Firmen vorwerfen, wenn sie anderswo nach verläßlichen Bedingungen suchen.Deutschland ist heute ein risikoreicher und teurer Standort.Unternehmen weichen aus, um Sicherheit und einen guten Preis zu bekommen.

TAGESSPIEGEL: Ist Lafontaine ein Opfer der Wirtschaft gewesen?

SOMMERLATTE: Nein.Aber fast wäre die Wirtschaft ein Opfer von Lafontaine geworden.Der Standort Deutschland ist kein autarkes Gebiet, sondern steht mitten im Wettbewerb um Investitionen.Die verwirrende Wirtschaftspolitik hat dazu geführt, daß die deutsche Wirtschaft gesagt hat: Diesen Standort müssen wir mit großer Vorsicht genießen.

TAGESSPIEGEL: Hat die Politik generell ein Problem mit den Unternehmen?

SOMMERLATTE: Ja.Sowohl die alte als auch die neue Regierung haben ein ernsthaftes Problem damit, die volkswirtschaftlichen Zusammenhänge richtig einzuschätzen.Ganz wichtig ist die Stabilität, die ein Unternehmen braucht, um richtig zu entscheiden.Jegliches Hü und Hott ist schädlich.Aber genau das haben wir jetzt.Das Gefährliche ist, daß Investitionsentscheidungen einen Vorlauf von ungefähr zwölf Monaten haben.Die derzeitige Verwirrung und das ewige Abwarten führen dazu, daß Investitionen für ein ganzes Jahr ausfallen werden.Dabei geht es in Deutschland vorrangig darum, neue Unternehmen in dieses Land zu locken.Wenn das nicht passiert, haben wir ein großes Problem.

TAGESSPIEGEL: Und: Haben wir jetzt ein großes Problem?

SOMMERLATTE: Sogar massiv.Die Deutschen investieren im Ausland, um dicht an ihren Märkten zu sein.Aber die Ausländer investieren kaum in Deutschland.Dabei ist der deutsche Markt sehr attraktiv.Was wir dringend brauchen, sind nicht in erster Linie neue Investitionen von deutschen Unternehmen in Deutschland, sondern Investitionen von ausländischen Unternehmen in Deutschland.

TAGESSPIEGEL: Warum wirbt niemand dafür?

SOMMERLATTE: Bis zur Wiedervereinigung investierten die deutschen Unternehmen kaum im Ausland und ließen Chancen in Asien und Nordamerika verstreichen.Dann haben sie gelernt und die Märkte auf anderen Kontinenten entdeckt.Aber in Deutschland haben wir das Interesse der Ausländer abgebügelt - allen voran die Treuhandanstalt, die deutsche Investoren in den neuen Bundesländern bevorteilt hat und ausländische Investoren so dauerhaft abgeschreckt hat.

TAGESSPIEGEL: Was sind die Folgen?

SOMMERLATTE: Es fehlen 200 bis 300 Mrd.DM Investitionen.Dazu kommen die negativen Wirkungen, daß die Treuhand die Ost-Unternehmen oft falsch geführten Wettbewerbern verkauft hat.Die längliche Debatte um die Steuerreform hat gewiß noch mehr Investoren abgeschreckt.

TAGESSPIEGEL: Ist die Wirtschaft zu mächtig?

SOMMERLATTE: Sie hat insgesamt nicht an Macht gewonnen.Sie hat nur in Deutschland mehr zu sagen, weil sie wegen der Globalisierung nicht mehr so abhängig ist von der deutschen Politik.

TAGESSPIEGEL: Trotzdem erscheint die deutsche Industrie vielen zu träge.

SOMMERLATTE: Das sehe ich anders.Beispiel Automobil- und Autozulieferer-Industrie - sie ist in Deutschland absolute Spitze und wächst schneller als ihre Konkurrenz.Sicherlich gibt es auch einige Fälle, wo deutsche Unternehmen im weltweiten Wettbewerb Fehler gemacht haben.Ich denke zum Beispiel an einige Unternehmen, die im Ausland expansive Unternehmen gekauft haben, aber dann versucht haben, denen ihre deutsche Hierarchie aufzudrücken - nach dem Motto: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.Das ging gründlich daneben, die besten Leute sind weggerannt, und der ganze Kauf war für die Katz.Aber inzwischen haben die Deutschen gelernt, wie die Fusion von Daimler-Benz und Chrysler zeigt.

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