Wirtschaft : "Der Internationale Währungsfonds stößt an Grenzen"

Vor dem Hintergrund der Krisen in Asien, Rußland und Lateinamerika sind die zum Teil zweifelhaften Rettungsversuche des Internationalen Währungsfonds (IWF) in die Kritik geraten.Die radikalsten Kritiker fordern die Abschaffung des IWF, gemäßigte Stimmen plädieren für eine Reform.Rolf Obertreis sprach mit Commerzbank-Vorstandssprecher Martin Kohlhaussen, der derzeit auch Präsident des Bundesverbandes Deutscher Banken ist, über das Ausmaß der Krisen, die Eingriffe des IWF und mögliche Konsequenzen für den Fonds.

TAGESSPIEGEL: Vor einem Jahr war die Finanzwelt noch weitgehend in Ordnung.In Asien kriselte es zwar leicht, aber IWF und auch die Banken bezeichneten die Probleme als beherrschbar und zeitlich begrenzt.Was ist seitdem schiefgelaufen? Wer hat sich getäuscht?

KOHLHAUSSEN: Unterschätzt worden ist vielfach die rasche Ausbreitung der Krise.Die über einen langen Zeitraum aufgebauten Fehlentwicklungen lassen sich eben nicht von heute auf morgen korrigieren.Das sind unter anderem finanzielle Übersteigerungen, sogenannte Asset bubbles, z.B.bei Aktien- und Immobilienpreisen.Und die überzogenen Wertsteigerungen dienten wiederum als Sicherheit für weitere Kredit- vergaben.Diese Kette ist jetzt auf dramatische Weise unterbrochen worden.

TAGESSPIEGEL: Waren nicht auch die Probleme in Rußland absehbar?

KOHLHAUSSEN: Uns und vielen anderen war zumindest klar, daß Rußland noch einen sehr langen Reformweg vor sich hatte.Wir haben uns daher konsequent auf die finanzielle Begleitung des Außenhandels konzentriert und uns nicht an dem spekulativ übersteigerten Wertpapiergeschäft, speziell mit russischen Staatsanleihen, beteiligt.Es zeigt sich inzwischen aber auch, daß Rußland einerseits Reformen zu lange verzögert hat, andererseits im Falle der Kapitalverkehrsliberalisierung zu schnell war.

TAGESSPIEGEL: Auch der IWF hat die Lage nicht erkannt oder nicht deutlich genug gewarnt.Warum?

KOHLHAUSSEN: Die Informationen, die der IWF erhält, sind offenbar nicht immer verläßlich.Wenn es Hinweise auf Fehlentwicklungen gibt, sollte zuerst dem betroffenen Land die Gelegenheit gegeben werden, Korrekturen einzuleiten.Bleibt dies jedoch aus, sollte unverzüglich Öffentlichkeit hergestellt werden.Die aktuelle Krise zeigt ja gerade, daß Zuwarten die Situation nur verschärft.Davon abgesehen war zumindest in bezug auf Asien das Ausmaß der Krise nicht richtig eingeschätzt worden.

TAGESSPIEGEL: Der IWF hat in den abgelaufenen zwölf Monaten angeschlagenen Volkswirtschaften gut 75 Mrd.Dollar bereitgestellt.Geholfen haben die Mittel kaum.Oder gibt es wenigstens in einzelnen Ländern Besserungstendenzen?

KOHLHAUSSEN: Besserungstendenzen gibt es in einigen asiatischen Emerging markets sehr wohl.Insgesamt wird aber das Bruttoinlandsprodukt der betroffenen Länder 1998/99 merklich schrumpfen; das ist eine wesentlich ungünstigere Perspektive als noch zu Beginn des Jahres.Um zu beurteilen, was die Kredite des IWF bewirkt haben, müßten wir uns vorstellen, wie es ohne internationale Hilfe ausgesehen hätte - zweifellos viel ungünstiger.Es ist aber offensichtlich, daß nicht immer die unabdingbaren Korrekturen in den betroffenen Ländern entschlossen umgesetzt werden.

TAGESSPIEGEL: Muß der IWF noch stärker auf die "richtige" Verwendung seiner Mittel dringen, die Vergabe an noch härtere Auflagen binden, noch schärfer kontrollieren?

KOHLHAUSSEN: Kontrolle ist immer notwendig.Die Kritik am IWF kam bisher oft aus einer anderen Richtung: Die Auflagen seien zu hart.Vielleicht wurde in dem einen oder anderen Fall auch nicht immer den kulturellen und sozialen Gegebenheiten in den Empfängerländern hinreichend Rechnung getragen.

TAGESSPIEGEL: Kritiker behaupten, mit dem IWF komme in den Entwicklungsländern erst recht der Niedergang: Die von ihm propagierten Reformen brächten noch größere Armut.Wie sehen Sie das?

KOHLHAUSSEN: Dieser seit Jahrzehnten gängigen Kritik stehen die Fakten gegenüber: Bis 1997 haben die Entwicklungs- und Schwellenländer insgesamt kräftig aufgeholt.Hier und da hat der IWF unterstützend gewirkt oder dafür gesorgt, daß nicht weitere Länder angesteckt werden.Über die Sanierungsauflagen kann man im Einzelfall sicherlich geteilter Meinung sein.

TAGESSPIEGEL: Die ganze Malaise gipfelt seit Jahren in wiederholten Forderungen, den IWF zu reformieren.Mehr Transparenz, mehr Offenheit, eine bessere Kooperation mit anderen Organisationen sind ein paar Schlagworte.Manche fordern auch die Abschaffung des Fonds.Was sollte passieren?

KOHLHAUSSEN: Es ist offenkundig, daß die Politik des IWF heute deutlich an Grenzen stößt.Kreditzusagen im Umfang der letzten Jahre sind nicht vertretbar und wohl auch nicht zu finanzieren.Von der Therapie zur Prophylaxe sollte die Leitlinie des IWF lauten.Auf Hilfe durch den IWF sollten künftig nur Länder rechnen dürfen, die institutionelle Mindestanforderungen im Bereich Banken und Kapitalmärkte sowie bei der Rechnungslegung der Unternehmen erfüllen.

TAGESSPIEGEL: Welche Rolle sollte die Weltbank spielen.Verliert sie, wenn sie zu stark eingebunden wird, nicht ihr eigentliches Ziel aus den Augen, die Entwicklung der armen und ärmsten Länder voranzutreiben?

KOHLHAUSSEN: Die Weltbank muß weiterhin eine eigenständige Rolle spielen, auch wenn sie eng mit dem IWF zusammenarbeitet.Für die Entwicklungsländer mit besonders niedrigem Pro-Kopf-Einkommen steht die Weltbank-Tochter Internationale Entwicklungsorganisation (IDA) mit praktisch zinslosen Krediten zur Verfügung.

TAGESSPIEGEL: Was können die Banken tun, um Krisen zu vermeiden oder schon im Ansatz zu erkennen?

KOHLHAUSSEN: Die bankinternen Methoden zur Risikoerkennung und -kontrolle werden weiter verfeinert.Bankgeschäft wird aber immer mit Risiken verbunden bleiben.Wir werden uns auch nicht aus einem Land völlig zurückziehen, weil dort mit Schwierigkeiten zu rechnen ist.Wir wünschen uns eine engere Zusammenarbeit mit dem IWF.

TAGESSPIEGEL: Was halten Sie von Vorwürfen, Spekulanten wie Soros seien für die Krisen mitverantwortlich? Wären Kapitalverkehrskontrollen ein Ausweg?

KOHLHAUSSEN:Sie sollten als ultima ratio in Erwägung gezogen werden.Jedes Land, das solche Kontrollen einführt, muß sich im klaren sein, daß damit private Investoren für lange Jahre abgeschreckt werden.Im Fall Rußlands wird aber auch deutlich, daß eine völlige Freigabe von Kapitalverkehr und Devisenhandel erst möglich ist, wenn institutionelle Voraussetzungen erfüllt sind: Ein solides Bankensystem, eine Finanzmarktaufsicht und eine effiziente Geld- und Finanzpolitik.

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