Wirtschaft : Der Käse meldet sich an der Supermarktkasse

Handel setzt auf Funketiketten – Tagung in Berlin

Cornelia Wagner

Berlin - Eine Kundin schiebt einen voll beladenen Einkaufswagen zum Ausgang, ohne an der Kasse zu stoppen. Was wie ein dreister Diebstahl aussieht, könnte das Einkaufen der Zukunft sein. Die RFID-Technik (Radiofrequenz-Identifikation) soll es möglich machen: Jedes Produkt wird mit einem Chip ausgestattet. Die im Chip gespeicherten Warendaten, zum Beispiel der Preis, das Haltbarkeitsdatum, der Herstellungsort und vieles mehr, werden per Funkwellen an ein Lesegerät übertragen. Bezahlt wird ebenfalls automatisch, der Betrag wird vom Kundenkonto abgebucht.

Noch steht die RFID-Technologie am Anfang – und bis vollautomatische Einkaufsvisionen Wirklichkeit werden, dauert es wohl noch fünf bis zehn Jahre.

Bei der Erforschung und Entwicklung nimmt Deutschland eine führende Position ein. Bundesweit gibt es rund 60 Unternehmen, die vor allem im Rahmen von Pilotprojekten die neue Technologie einsetzen. Dazu zählen neben Metro auch SAP, Henkel, IBM oder Siemens. Bei der Cebit 2006 werden die Chips einen Schwerpunkt bilden. Am heutigen Donnerstag diskutieren Unternehmen und RFID-Experten in Berlin über die Chancen der Technologie.

Getestet wird schon jetzt, beispielsweise im „Future Store“ der Supermarktkette Extra, die zum Handelskonzern Metro gehört. Hier im nordrhein-westfälischen Rheinberg tragen Philadelphia-Käse und Gilette-Mach-3-Rasierklingen einen RFIDChip. „Es sind nur wenige Produkte mit einem Chip ausgestattet, um unterschiedliche Funktionen zu testen“, sagt Metro-Sprecher Albrecht von Truchseß. So gibt der Chip am Frischkäse dem Personal ein Signal, sobald das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist.

„Bis jetzt ist es eher die Ausnahme, dass Verbraucher im Handel mit einem RFID-Chip in Berührung kommen“, sagt Andrea Huber vom Informationszentrum RFID. Ein RFID-Chip ist kleiner als 0,5 Quadratmillimeter und kann auf jeder Transport- und Produktverpackung angebracht werden. Die Daten können aus einer Distanz von wenigen Zentimetern bis zu mehreren Metern gelesen werden.

Bislang werden die RFID-Chips vor allem in der Logistik und Lagerwirtschaft eingesetzt. So auch bei der Metro. „In der Logistik versehen wir Paletten mit den Chips, um zum Beispiel den Weg der Ware zurückverfolgen zu können“, sagt von Truchseß. „In diesem Jahr werden wir einen Schritt weitergehen und einzelne Kartons mit den Chips versehen.“

Aber nicht nur im Handel wird die RFID-Technik genutzt. „In Skipässen und Mitgliedskarten von Fitness- und Wellnessclubs kommen sie auch zum Einsatz“, sagt RFID-Expertin Huber. Und beim Berlin-Marathon hat jeder Läufer einen solchen Chip am Schuh, der dann Start- und Zielzeit erfasst.

Allerdings sind die RFID-Chips noch zu teuer. „Die Stückkosten liegen momentan bei 30 bis 50 Cent“, sagt Huber. „Ein flächendeckender Einsatz wird erst ab einem Stückpreis von einem Cent interessant.“ Zudem gibt es noch ungelöste technische Probleme. So ist das Lesen vieler Chips auf einem Haufen noch zu ungenau. und Chips, die auf Metall angebracht sind, machen Schwierigkeiten.

Dennoch glaubt Huber, dass sich die RFID-Chips durchsetzen werden, weil sie möglich machen, dass Gegenstände miteinander kommunizieren. „Das Internet der Dinge“, nennt sie das. So wird zum Beispiel der heimische Medikamentenschrank Informationen von den mit einem Chip ausgestatteten Schachteln und Flaschen lesen und anzeigen, wenn Medikamente unverträglich sind.

Doch so vielfältig die Einsatzmöglichkeiten der RFID-Chips sein werden, so gefährlich sind sie aus Sicht der Datenschützer. Die Technologie lässt den Verbraucher leicht zum gläsernen Kunden werden, der unbemerkt vieles von sich preisgibt, bis zur Farbe seiner Socken, wo er sie gekauft und was er dafür bezahlt hat. „Gefahr entsteht, wenn unbemerkt und dauerhaft ein Bezug zwischen Kunden und gekauften Waren hergestellt wird“, sagt der Berliner Datenschützer Hanns-Wilhelm Heibey.

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