Wirtschaft : Der Kampf ums Revier

Gute Chancen für Wechsler: Beratungs- und Wirtschaftsprüfer sind nach der Krise in vielen Branchen gefragter denn je. Davon profitieren Akademiker mit Berufserfahrung

Frank Burger
Kostbares Gut.
Kostbares Gut.

Wer seine Karriere in Richtung Unternehmensberatung oder Wirtschaftsprüfung lenken möchte, hat jetzt gute Wechselchancen. Zum einen weil die Dienste dieser Berufsgruppen dank guter Konjunktur wieder vermehrt nachgefragt werden und sie Verstärkung suchen. Zum anderen weil sich beide Branchen strukturell verändern, wovon gerade Akademiker mit Berufserfahrung profitieren.

Wie gut sich die Beratungsunternehmen von der Finanzkrise erholt haben, zeigt die jüngste Marktstudie des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater (BDU). Demnach konnten die Beratungsunternehmen ihren Umsatz 2010 um 6,9 Prozent auf 18,9 Milliarden Euro steigern und damit den Einbruch aus 2009 mehr als wettmachen.

BCG etwa, in Deutschland die Nummer zwei hinter McKinsey, steigerte sich in Deutschland und Österreich um sechs Prozent. Der Umsatz von Bain & Company ist im gleichen Zeitraum „sogar zweistellig gewachsen“, sagt Deutschland-Chef Rolf-Magnus Weddigen. Klaus-Peter Gushurst von Booz & Company hat sein eigenes Geschäftsklima-Barometer: „Wenn ich morgens ins Büroparkhaus fahre und unsere Parkplätze leer sind, weiß ich, dass wir voll ausgelastet sind.“ Momentan liege der Umsatz 15 Prozent über dem des Vorjahrs.

Auslöser des Branchenwachstums, so BDU-Präsident Antonio Schnieder, sei besonders die Nachfrage der Schlüsselindustrien wie Maschinenbau, Chemie oder Automobil, die wieder gezielte Beratung in Strategie und Markterschließung suchten. Profitieren können davon sowohl die großen Beratungskonzerne als auch die kleinen Spezialisten – wenn sie ihr Geschäftsmodell fokussieren. Denn der Wettbewerb der Firmen wächst. Rund 14 000 Unternehmensberatungen buhlen um Kunden, die immer anspruchsvoller werden und oft keine exorbitanten Tagessätze mehr zahlen wollen.

Unter diesen Umständen wird es nach Ansicht von Schnieder zu einer Zweiteilung des Marktes kommen: „Schwergewichte wie McKinsey, BCG oder Roland Berger wollen und müssen weiter wachsen, um ihre Internationalität auszubauen und Beratung auf allen Gebieten anzubieten.“ Und da ein ständig wachsender Beratungsapparat viel Geld verschlinge, werde es in absehbarer Zeit vermutlich auch zu Fusionen oder Übernahmen unter den größten Zehn der Branche kommen, um Kosten zu sparen. Die zweite wesentliche Gruppe, die eine solche Konsolidierung des Marktes hervorbrächte, sind kleinere mittelständische Unternehmensberatungen, die sich konsequent auf einzelne Branchen oder Beratungsfelder konzentrieren und sich einen Expertise-Vorsprung gegenüber den Vollsortimentern erarbeiten.

„Extrem tiefgehendes Fachwissen von Spezialisten wird in Zukunft begehrter sein als allgemeine Strategieberatung“, sagt Wolfgang Habelt, Professor für Europäisches Management, Unternehmensorganisation und Führung an der Munich University of Applied Sciences. In der Spezialisierung sieht auch Carsten Suntrop, der selbst Gesellschafter einer Unternehmensberatung ist, die Chance für kleine Firmen: „Methoden-Know-how, die Sozial- und die Branchenkompetenz der schlagkräftigen Spezialisten sind so ausgeprägt, dass sie auch für Großunternehmen, die sonst eher auf die renommierten Namen der Branche setzen, eine echte Alternative sein können.“ Kleine und mittelständische Klienten wenden sich nach Suntrops Erfahrung ohnehin eher an kleinere, spezialisierte Firmen – Klient und Berater begegnen einander dort auf Augenhöhe.

Stellenwechslern spielen beide Tendenzen in die Karten, sowohl die Spezialisierung der Kleinen als auch das Erweiterungsstreben der Großen. Bei Booz beispielsweise ist die Rekrutierungsrate von Nachwuchsberatern mit Branchenerfahrung deutlich gestiegen: „Früher kamen von unseren neu eingestellten Beratern nur etwa zehn Prozent aus der Industrie“, sagt Klaus-Peter Gushurst, „im vergangenen Jahr dagegen waren es 45 Prozent.“ Ein Grund für diese Verschiebung ist der starke allgemeine Druck auf die Beraterhonorare. „Klienten sind viel eher bereit, einen hohen Tagessatz zu bezahlen, wenn sie von einem Experten mit Industrie-Erfahrung beraten werden.“

Aber nicht nur die umsatzstärksten Unternehmensberatungen setzen zunehmend auf Erfahrung. Die kleineren, spezialisierten Unternehmensberatungen, die laut Antonio Schnieder das am stärksten wachsende Segment der Branche sind, bevorzugen ohnehin Nachwuchs mit Vorkenntnissen, weil sie nicht so viel Zeit und Geld in deren Ausbildung investieren wollen. Und weil sie vor allem Mittelständler beraten, die Wert auf praktische, anwendungsorientierte Hilfe legen und mit einem Consultant, der im Idealfall selbst aus dem Mittelstand ins Beratungsgeschäft gewechselt ist, eher zurechtkommen. Auch Kommunikationsstil oder Auftreten sind in einer engen Klienten-Berater-Beziehung wichtig.

Dasselbe gilt für die Branche der Wirtschaftsprüfung: Mandant und Prüfer sollten zueinander passen. Die Karrierechancen sind in beiden Fällen gut, denn die Wirtschaftsprüfungsbranche insgesamt befindet sich im Aufwind. Das Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) rechnet mit steigenden Umsätzen. Zwar rekrutieren die Firmen ihren Nachwuchs in erster Linie direkt von der Uni – aber auch Quereinsteiger haben gute Chancen, gerade solche, die ihr Wirtschaftsprüfer-Examen bereits abgelegt haben. Sie können punkten, wenn sie sich in einer Branche besonders auskennen. Gefragt sind auch Wirtschaftswissenschaftler, Juristen und Mathematiker mit Kenntnissen in Steuern und Finanzen, die als Prüfassistent einsteigen und bereit sind, sich parallel auf das anspruchsvolle Examen vorzubereiten – die Kandidaten werden dabei oft von ihren Arbeitgebern finanziell und durch Freistellungen unterstützt. (HB)

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