Wirtschaft : Der Klassiker verliert seinen Charme

HEINZ-JOSEF SIMONS

Es wird Gelassenheit demonstriert, doch in den Chefetagen der Versicherer brodelt es gewaltig. Zum ersten Mal will eine Bundesregierung offenbar ernst machen und die "heilige Kuh" der deutschen Versicherungswirtschaft zur Schlachtbank führen. Geht es nach den rot-grünen Finanzexperten, soll demnächst Schluß sein mit einer liebgewonnenen, weil sehr lukrativen Eigenheit von Kapital-Lebensversicherungen und privaten Rentenversicherungen.Beide Spielarten des Vermögensaufbaus zur privaten Altersvorsorge sind mit rund sechs Prozent Rendite im Jahresschnitt zwar längst nicht so rentabel wie Aktien und Aktienfonds. Doch weil es die Rendite bislang steuerfrei gibt, haben Versicherungs-Policen in der Netto-Betrachtung Charme. Lieber sechs Prozent ohne Finanzamt als zehn Prozent, von denen der Fiskus mindestens die Hälfte verlangt.Dieses "Steuerprivileg" gibt es allerdings auch bislang nicht zum Nulltarif. Mindestens zwölf Jahre lang muß eine Police schon laufen, damit das Finanzamt sich zurückhält. Außerdem muß der Assekuranz-Kunde mindestens fünf Jahre lang Beiträge in seinen Vertrag einzahlen. Schließlich darf die bei herkömmlichen Kapital-Policen vereinbarte Garantiesumme (Leistung im Todesfall) nicht weniger als 60 Prozent der gesamten Beiträge ausmachen.Diese Regularien sind für Anleger, die reichlich Vermögen haben und deshalb ihre Kapitaleinkünfte mit dem Fiskus teilen müssen, seit jeher ein Klacks. Kapital- und private Renten-Policen mauserten sich deshalb zu legalen Steueroasen, in denen Zinsen und Dividenden am Fiskus vorbeigeschleust wurden.Für viele eine Ungerechtigkeit, da Alternativ-Anlagen wie Investmentfonds, Aktien oder Festverzinsliche aller Art, die ebenfalls der privaten Altersvorsorge dienen, kein solches "Steuerprivileg" haben. Da kommt der geplante Umbau des Rentensystems, verbunden mit dem Zwang, 30 Mrd. DM einzusparen, gerade recht. Noch sind die wahren Absichten von Rot-Grün nebulös, doch einige Eckpunkte zeichnen sich ab. Die beiden wichtigsten: Der Staat wird in Zukunft zur eigenen Altersvorsorge zwingen. Außerdem scheint Ziel, die unterschiedlichen Formen privater Vorsorgeinstrumente unter steuerlichen Gesichtspunkten anzugleichen.Ungeachtet der verlockenden Gewinne, die Anleger in den vergangenen Jahren an der Börse erzielen konnten, sind Versicherungs-Policen weiterhin die beliebteste Form der privaten Altersvorsorge. Rund 85 Mill. Verträge schlummern in deutschen Haushalten. Jeder, ob Greis oder Kleinkind, hat statistisch gesehen mehr als eine Police.Die Bonner Finanzexperten diskutieren derzeit eine neue, 25prozentige Besteuerung der Überschüsse in den Ablaufleistungen beziehungsweise Kapitalabfindungen von Versicherungspolicen. Die denkbaren Szenarien für die individuelle Anlagestrategie sehen wie folgt ausEs gibt steuerlich in Zukunft keinen Unterschied mehr zwischen den einzelnen Anlageformen, sofern sie dem Zweck der privaten Altersvorsorge dienen. Ob Versicherungsprodukte, Aktien oder Festverzinsliche: Alle Instrumente der Vermögens-bildung werden steuerlich gleich behandelt. Die Folge: Der Sparer und Vorsorger sollte sich auf Anlagen konzentrieren, die die höchsten Renditen versprechen. Das sind aller Erfahrung nach Aktien und Aktienfonds.Offenbar noch nicht klar ist, in welcher Phase Steuervorteile wirken und die Besteuerung von Kapitalerträgen sowie Überschüssen greift. Denkbar: Der Gesetzgeber begünstigt den Investitionszeitraum. Will heißen, Sparbeträge bis zu einer bestimmten Höhe, die für die Kapitalbildung zur privaten Altersvorsorge gedacht sind, bleiben steuerfrei. Ob sich der Gesetzgeber für eine monatliche "Zwangsabgabe" entscheidet, ist noch völlig offen. Zum Ausgleich für das steuerbegünstigte Sparen müßte die "Verzehrphase" des Vermögens der vollen Besteuerung unterliegen. Der Zugriff des Fiskus würde bei dieser Strategie auf die Zukunft verlagert. Folge wäre auch die endgültige Abschaffung des Steuerprivilegs von Lebensversicherungen.Im umgekehrten Fall verliefe der Kapitalaufbau ohne staatliche Hilfe, demnach aus bereits versteuerten Einkünften. Stattdessen würde sich der Fiskus in der künftigen Konsumphase völlig zurückhalten. Das Privatvermögen, das zur Aufstockung der gesetzlichen Versorgung gedacht ist, dürfte der Anleger brutto für netto aufbrauchen. Dieses Modell hat für den Finanzminister Charme, da es kurzfristig nicht mit hohen Einnahmeausfällen verbunden ist. Aber: Beide Modelle, Steuern heute oder später, rücken erneut die Brutto-Renditen alternativer Anlagen in den Vordergund. Und da schneiden Policen schlecht ab.Mehr als zehn Mrd. DM zusätzlicher Einnahmen soll, so ist zu hören, die Besteuerung der Policen-Überschüsse bringen. Doch diese Mehreinnahmen dürften nicht aus dem Stehgreif zu verwirklichen sein. Grund: Steuerexperten glauben, daß es für Altverträge Vertrauens- und Bestandsschutz geben muß. Folge: Sollte das Steuerprivileg enden, würde diese Verschlechterung nur für Verträge gelten, die ab einem bestimmten Stichtag neu abgeschlossen werden. Diese Rechtsauffassung ist jedoch umstritten.Denkbar ist auch eine "Ja-Aber"-Lösung. Sofern Kapital- und private Renten-Policen ausschließlich zur Altersvorsorge gedacht sind, bleiben die Steuervorteile erhalten. Das setzt voraus, daß der Gesetzgeber für die Finanzverwaltung einen Kriterienkatalog entwickelt, anhand dessen sich die Zweckbestimmung eindeutig erkennen läßt. Denkbar ist beispielsweise, daß die Verträge eine längere Laufzeit als die aktuellen zwölf Jahre haben müssen, das Versorgungskapital nicht als Einmalzahlung überwiesen, sondern verrentet wird, und der Anleger erst ab einem bestimmten Alter, beispielsweise dem 60. Lebensjahr, über sein Vermögen verfügen darf. In allen anderen Fällen könnten die Steuervorteile aufgehoben werden.Voraussichtlich am 30. Juni, vielleicht eher, wird sich die Bonner Koalition zu ihren Renten- und Steuerplänen äußern. Bis dahin wird die Versicherungs-Lobby nichts unversucht lassen, ihre Steuerprivilegien vollständig oder wenigstens größtenteils zu erhalten. Solange die Reform aber in der Planungsphase steckt, können Anleger und Vorsorger immer noch nicht zuverlässig disponieren. Solide Strategien für die private Altersvorsorge lassen sich wahrscheinlich erst nach der Sommerpause entwickeln, wenn in Bonn Nägel mit Köpfen gemacht werden.

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