Wirtschaft : Der kleine Casino-Kapitalist

Wie ein Händler der französischen Großbank Société Générale fast fünf Milliarden Euro verzockt hat

Rudolf Balmer

Paris - Es war die schlimmste Stunde in der Karriere des Bankiers Daniel Bouton und ein schwarzer Tag für Frankreichs Banken. Am Donnerstagmorgen musste Bouton an einer überraschend einberufenen Pressekonferenz im Bürohochhaus im Businessviertel La Défense am westlichen Stadtrand von Paris ein historisches Debakel eingestehen. Vor der versammelten Weltpresse der Welt entschuldigte sich Daniel Bouton, der Vorsitzende der Großbank Société Générale, schriftlich und mündlich bei Aktionären und Personal im Voraus für die schlechte Botschaft, die er ankündigen musste: Ein einzelner Aktienhändler hat die Bank um fast fünf Milliarden Euro ärmer gemacht. Das ist fast so viel wie die Bank im gesamten Jahr 2006 verdient hat und der größte Einzelbetrug in der Geschichte der Finanzwelt.

Der Händler soll im Namen der Bank Scheingeschäfte getätigt und dabei den normalerweise üblichen Rahmen deutlich gesprengt haben. Seine Aufgabe war es, mit Finanztermingeschäften, so genannten Futures, die Risiken des normalen Aktienhandels abzusichern. Dabei häufte er offenbar unbemerkt riesige Summen an, die erst auffielen, als die riskanten Geschäfte platzten und einen Verlust von 4,9 Milliarden Euro hinterließen.

Insgesamt musste die Société Générale, die zu den drei größten französischen Banken gehört, am Donnerstag sogar Belastungen von rund sieben Milliarden Euro bekanntgeben. Denn zu den verzockten 4,9 Milliarden kommen noch einmal zwei Milliarden Euro Abschreibungen im Zuge der US-Immobilienkrise hinzu.

Der Name des Aktienhändlers wurde am Montag nicht bekannt. Der Mann soll Mitte 30 und seit dem Jahr im Konzern tätig sein. Mit einem Jahresgehalt von rund 100 000 Euro gehörte er nicht zu den Top-Verdienern. Der Mann habe aber offenbar nicht zur persönlichen Bereicherung gehandelt, hieß es. „Er hat einfach nur gespielt“, sagte ein Gewerkschafter der betroffenen Bank nach Bekanntwerden des Skandals am Donnerstagmorgen. Vizechef Philippe Citerne sprach von einem „nicht zu erklärenden Akt der Böswilligkeit“.

Der Händler wurde auf der Stelle entlassen. Vier weitere Beschäftigte, unter ihnen der erst im Dezember ernannte Verantwortliche für Aktiengeschäfte, Luc François, müssen gehen. Ein Interessenverband von Aktionären hat eine Klage wegen Betrugs und Veruntreuung eingereicht. Die Banque de France ermittelt ihrerseits über die Fakten und Hintergründe dieses Skandals. Bouton hatte sofort dem Aufsichtsrat der Bank seinen Rücktritt angeboten, was dieser aber ablehnte. Bouton fühlte sich aber zu einer Geste verpflichtet: Zusammen mit seinem Vize will er bis mindestens Ende Juni auf sein Gehalt verzichten, um so den angerichteten Schaden ein bisschen zu verringern.

Gemäß der Analyse der deutschen Orsus Consult GmbH könnte „diese Wahnsinnstat“ eines Händlers sogar der Auslöser für den Kurssturz beim Dax am Mittwoch gewesen sein.

Der Skandal erinnert an den Ex-"Golden Boy" Nick Leeson, der 1995 mit seinen Spekulationen in Singapur der Bank Barings einen Verlust von 860 Millionen Pfund Sterling (rund eine Milliarde Euro) verursacht und damit dieses ehrwürdige Bankhaus zum Untergang verurteilt hatte. Dass dreizehn Jahre später ein weiterer Händler in ähnlicher Weise für seinen Arbeitgeber gleich fünf Mal mehr Geld verspielt, hält Axel Pierron vom Beratungsbüro Celent zunächst für eine „haarsträubende Geschichte“: „Dies beweist aber nur, dass die Banken trotz der Einführung ausgeklügelter Systeme der Risikobekämpfung nicht vor einem Angestellten sicher sind, der diese Mechanismen gut genug kennt, um seine Verluste zu verheimlichen.“ Rudolf Balmer

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