Wirtschaft : Der Kleinere muss nicht nachgeben (Leitartikel)

Christoph von Marschall

Ein großer Bruder kann richtig nerven. Meist weiß er alles besser, mischt sich in Dinge ein, die den Geschwistern vorbehalten sind, und will ihnen seinen Willen aufzwingen - mit dem Recht des Erfahreneren und Stärkeren. So ergeht es Europa bei der Besetzung des Chefpostens beim Internationalen Währungsfonds (IWF). Die USA lehnen den Deutschen Caio Koch-Weser ab. Teils mit Argumenten, die man nicht teilen muss, aber nachvollziehen kann, teils unter fadenscheinigen Vorwänden.

Koch-Weser soll zu wenig Durchsetzungsvermögen und Erfahrung haben? Immerhin war er jahrelang bei der Weltbank, stieg zum Managing Director auf und erwarb sich den Ruf eines ehrlichen Maklers gegenüber der Dritten Welt. Genau da liegt wohl die Wurzel der amerikanischen Bedenken. Die USA wollen eine Reform des IWF an Haupt und Gliedern, wollen mehr Härte gegenüber Krisenländern, damit die IWF-Milliarden möglichst effektiv eingesetzt werden. Koch-Weser ist ihnen zu weich, ihm trauen sie die Reform und die Härte nicht zu. Ist es da nicht besser, jetzt den offenen Konflikt zu riskieren als später einen weit größeren Eklat: Dass der US-Kongress dem IWF eines Tages Milliardenbeiträge vorenthält, wie er das seit Jahren mit den UN praktiziert?

Nun geht ein Hagel der Kritik auf Kanzler Schröder und seinen Berater Steiner nieder: Sie hätten die Personalie falsch eingefädelt, die Warnungen der USA überhört und verlangten jetzt den EU-Partnern Nibelungentreue in einer Schlacht ab, die Europa nur verlieren könne. Am Ende werde wohl ein anderer Kandidat nominiert. Optimal vorbereitet hat das Kanzleramt die Kür nicht. Doch das heißt noch lange nicht, Europa hätte besser vorauseilend gekuscht. Im Kern geht es aber nicht um Koch-Weser, sondern um das Verhältnis Europa-USA.

Die Zeiten, in denen man Interessengegensätze tunlichst unterdrückte, weil Kritik an Washington meist von der falschen Seite kam und oft von Antiamerikanismus gespeist wurde, sind vorbei. Heute darf Europa selbstbewusster auftreten - so wie die USA das längst tun. Seit dem Zusammenbruch des Ostblocks fehlt ihnen ein Gegengewicht. Sie verlieren allmählich das Gespür für begründete Kritik und drohen zu einer unkontrollierten Supermacht zu werden. Bei den Handelskonflikten um Futtermittel und Gen-Food kämpfen sie mit harten Mitteln bis hin zu Importverboten. Bei den Plänen für eine Raketenabwehr setzten sie sich über alle Bedenken der Verbündeten hinweg und muten ihnen die Gefahr eines neuen Rüstungswettlaufs zu. Im Kosovo-Krieg waren die Europäer zwar mit Überzeugung dabei, aber kaum mehr als Befehlsempfänger.

Auch im IWF agiert Washington keineswegs unfehlbar. Die Harvard-boys haben in der Mexico- oder Asienkrise nicht immer Augenmaß bewiesen für die richtige Mischung aus ökonomischer Härte und sozialpolitischer Rücksicht. In manchen Ländern haben sie die Not verschärft. Andere, wie Malaysia, sind besser gefahren, als sie nicht auf den IWF hörten. Und wer hat die Milliarden-Kredite für Russland durchgesetzt, die zum Teil in dunklen Kanälen verschwanden?

Angesichts einer veränderten Weltlage ist es gut, wenn Europa zu einem gleichberechtigten Partner wird, auch wenn der große Bruder militärisch noch der stärkere ist. So wie die Dinge liegen, wird es auf absehbare Zeit niemand sonst geben, der den USA ein wenig Kontrolle und Absprache abfordern kann. Das muss nicht gleich bei allen Streitfällen gut gehen. Auch unter Geschwistern gibt es ein gleichwertiges Verhältnis erst, wenn sich der Kleinere ein paar Mal Respekt verschafft hat.

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