Wirtschaft : Der König der Putzfrauen will mehr Bewegung sehen

GREG STEINMETZ

Peter Dussmann fordert Reform des Arbeitsrechts und Lohnsenkung / "Es ist besser, Fußböden zu schrubben, als arbeitslos zu sein"VON GREG STEINMETZ BERLIN.Peter Dussmann bekommt keine Anerkennung.Ein Gewerkschaftsführer nannte ihn einmal einen Sklavenhändler.Kürzlich beschimpfte ihn der Autor eines Leserbriefs an ein deutsches Magazin als Dummkopf.Und das Verbrechen von Dussmann? Er ist überzeugt, daß es besser ist für die Menschen, wenn sie Schuhe putzen, als wenn sie daheim sitzen und Arbeitslosenunterstützung kassieren.Dussmann ist der deutsche König der Raumpflegerinnen.Er ist Gründer und Besitzer der Pedus AG und damit Deutschlands führender Arbeitgeber im Service-Bereich.Dussmann beschäftigt eine ganze Armee von Putzfrauen, sowie Sicherheitskräfte, Cafeteria-Beschäftigte und Flugzeug-Reinigungspersonal.In einer Zeit, in der die Arbeitslosigkeit auf seit den 30er Jahren nicht mehr erlebte Höhen klettert, stellt Dussmann neue Leute ein.Dussmann sieht nichts Erniedrigendes darin, seinen Lebensunterhalt mit Putzen zu verdienen.Als er sein Unternehmen vor 30 Jahren gründete, hat er selbst noch die Böden geschrubbt."Mit solchen Jobs können Sie das Geschäftsleben richtig kennenlernen", sagt er.Es gebe genügend Chancen am unteren Ende des Dienstleistungssektors - dazu müßten allerdings die Löhne sinken und die Arbeitsgesetze geändert werden."Das ist die einzige Möglichkeit die wir haben, um Arbeitsplätze zu schaffen", sagt er.Für amerikanische Ohren hört sich das wie eine Selbstverständlichkeit an, so bedauerlich es auch sein mag.Doch in Deutschland, wo der Wohlfahrtsstaat erfunden wurde und das die Geburtsstätte von Karl Marx war, sind solche Gedanken ketzerisch.Es ist Allgemeingut , daß das Einkommen eines Arbeiters ausreichen muß, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.In der Praxis bedeutet das, daß die Arbeitgeber mit Gewerkschaften verhandeln, denen eine hohe Arbeitslosigkeit lieber ist als niedrige Löhne.Die Gewerkschaften können sich diese Haltung leisten, weil der Staat für die Arbeitslosen aufkommt.Die staatliche Hilfe hört in den USA nach einer bestimmten Zeit auf; in Deutschland - wie im Großteil Westeuropas - zahlt der Staat so lange, wie der Arbeitslose sich nach einer Stelle umschaut.Der Staat kümmert sich auch um die Krankenversorgung.Die Allgemeinheit drängt nicht gerade nach Veränderungen.Das geht sogar so weit, daß die Partei vor dem Ende steht, die auf eine freie Wirtschaft drängt - nämlich die Freien Demokraten.Die Christdemokraten von Helmut Kohl befürworten nur wohldosierte Reformen.Und die oppositionellen Sozialdemokraten treten für Lösungen ein, wie sie die Linke überall auf dem Kontinent vertritt: Höhere Löhne, um die private Kaufkraft anzukurbeln, und eine verkürzte Wochenarbeitszeit.Dussmann kann dazu nur den Kopf schütteln."Die Politiker sind das Problem", sagt Dussmann, eine drahtige Persönlichkeit mit adrett geschnittenem Bart."Es ist einfacher mit einem Hund zu reden als mit diesen Leuten." Kritiker sind überzeugt, daß Dussmann völlig falsch liegt."Schuhputzer können keine Autos, Kühlschränke oder neue Kleider kaufen", sagt Dagmar Opozynski, Sprecherin der IG Metall.Wenn sich Deutschland an seinen Rat halten würde, "würde die Wirtschaft zusammenbrechen".Deutschland konnte sich früher eine solche Höchnäsigkeit leisten.Nach dem Krieg war das frühere West-Deutschland so erfolgreich, daß es mehr Jobs schuf, als es Westdeutsche gab.Um die freien Stellen zu füllen, importierte das Land zunächst Arbeiter aus Jugoslawien und Italien, später dann aus der Türkei.Als die Deutschen unter verschiedenen Jobs aussuchen konnten, begann das Anspruchsdenken, sagt Joachim Fels, Ökonom bei Morgan Stanley in London.Mit der Wiedervereinigung von 1990 brach das System zusammen.Die ostdeutschen Fabriken hielten im Wettbewerb nicht mit und entließen vier Fünftel ihrer Arbeiter.Im Westen zwang der härter werdende Wettbewerb Firmen dazu, Stellen abzubauen.Die deutsche Arbeitslosigkeit liegt nun bei über zwölf Prozent, früher waren es sechs Prozent.Fast fünf Millionen Deutsche haben keinen Job - ein Nachkriegsrekord.Weil die Arbeitslosigkeit so hoch ist, finden die Ansichten von Menschen wie Dussmann jetzt Gehör.Im Dienstleistungsbereich gibt es sicher noch einiges zu tun.Die Deutschen putzen ihre Schuhe selber, parken ihre Autos selbst, schleppen ihr Gepäck auf dem Flughafen und geben ihre Wäsche selten außer Haus.Ein Hemd kostet in einer Wäscherei in Berlin 3,30 Dollar (rund 6 DM), verglichen mit nur einem Dollar in New York City.Wenn ein Deutscher Supermarkt einen Packer einstellt, muß er ihm den gewerkschaftlichen Lohn von mindestens sieben Dollar (rund 12,60 DM) pro Stunde bezahlen.In den USA liegt der Mindestlohn bei 5,15 Dollar.Der deutsche Arbeiter bekommt darüber hinaus fünf Wochen Urlaub und Kündigungsschutz.Deutsche Teenager gehen nach der Schule nach Hause, weil es sich niemand leisten kann, sie anzustellen.Sicher, der 59jährige Dussmann kritisiert das System.Aber es hat ihn sicherlich nicht im Stich gelassen.Er lebt in einer 80 Jahre alten Villa mit Blick auf einen See östlich von Berlin.Vor dem Krieg gehörte das Anwesen einem Warenhaus-Besitzer.Nach dem Krieg nutzte es die ostdeutsche Geheimpolizei als Gästehaus.Dussmann hat sie restauriert und mittlerweile erstrahlt sie im alten Glanz, mit Möbeln aus der Zeit Napoleons und lebenden Pfauen auf dem Rasen.Ölgemälde seiner Familie hängen an den Wänden.Zur vollen Stunde schlägt eine ganze Sammlung antiker Uhren.Dussmanns Faszination für Uhren erstreckt sich auch auf Armbanduhren.Er trägt seine zweite Patek Phillipe - für 6000 Dollar (rund 11 000 DM).Die erste haben sie ihm in Brasilien geraubt.Eine andere Trophäe ist ein Haus im kalifornischen Malibu.Dorthin fährt er immer, wenn er von Deutschland genug hat."Ich gehe nach Amerika, um von dem ganzen Zeug wegzukommen", sagt Dussmann."Nach ein paar Wochen ist mein Frust dann weg."Vor 30 Jahren hatten die Firmen alle noch eigene Reinigungskräfte.Dussmann konnte sie überzeugen, daß er das Putzen mit seinen spezialisierten Mitarbeitern schneller schaffen könnte.Seine Putzfrauen konzentrieren sich jeweils auf eine Aufgabe - die eine saugt, während die andere wischt.Und er war billiger: Siemens heuerte Dussmann an, weil damit die hohen Gewerkschaftslöhne umgangen werden konnten.Alle Siemens-Beschäftigten - was immer sie tun - werden von der IG Metall vertreten.Dussmanns Leute gehören einer anderen Gewerkschaft an - und die hat niedrigere Löhne ausgehandelt als die IG Metall.Natürlich haben die Gewerkschaften Dussmann angegriffen.Anfang der 80er Jahre hat Gewerkschaftsboß Heinz Klunker ihn einen "Sklavenhändler mit Telefon genannt".Klunker, der in Harvard studierte und die USA während seiner Laufbahn öfters besucht hat, betrachtet den Trend hin zu Privatisierung und Outsourcing als gefährlichen Weg."Eine Firma schert sich nicht um die Vollbeschäftigung.Nur um ihre Gewinne", sagt Klunker.Dussmann beschäftigt weltweit 36 000 Mitarbeiter, davon 20 000 in Deutschland.Vergangenes Jahr hat er in der Bundesrepublik 600 Stellen geschaffen.Es könnten noch mehr sein, sagt er, wenn die Führer des Landes nur seinen Rezepten folgen würden.Er möchte die Löhne senken, den Urlaub verkürzen und den Kündigungsschutz aufweichen.Er würde auch gerne die Betriebsräte abschaffen."Diese Leute sind den ganzen Tag auf dem Weg zu irgendwelchen Treffen.Das kostet mich eine Mill.DM jedes Jahr", kocht Dussmann vor Wut.

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