Wirtschaft : Der Kurs zum Casino-Kapitalismus (Leitartikel)

Heik Afheldt

Alea iacta est - die Würfel sind gefallen. Für einen Tag teilt sich dieses Land nicht in Ost und West, in Arbeitende und Arbeitslose, sondern in wenige Glückliche, die bei der Verlosung der Infineon-Aktien zum Zuge gekommen sind, und die Vielen, die leer ausgingen. Nur jeder sechste Privatzeichner hat mitspielen und für seinen Einsatz von 35 Euro pro Aktie am selben Tag mehr als das Doppelte erlösen können. Eine wundersame Geldvermehrung. Enttäuschung und Ärger herrschen dafür bei den Millionen, die eine Niete gezogen haben. Nicht nur bei ihnen bleibt ein schaler Geschmack zurück.

Heftig kritisiert wird das Verfahren, mit dem diese Aktie an die Börse gebracht worden ist. Mit Recht. Die mehr als dreißigfache Überzeichnung ist ein Beweis dafür, dass entweder der Ausgabepreis zu niedrig oder die Zeichnungsfrist zu lang war. Siemens hat so zu Lasten seiner alten Aktionäre nach dem aktuellen Kurswert mehr als sechs Milliarden Mark an die neuen Aktionäre "verschenkt". Eine unsinnig große Zahl von Anträgen mit nur noch geringen Erfolgschancen hat die Banken überschwemmt. Die Spätzeichner konnten wenigstens darauf hoffen, dass vor dem Los alle Menschen gleich sind. Aber die Lottofee war womöglich ein wenig voreingenommen, wenn man den Meldungen über "Mauschelaktionen" glauben darf. Die besseren Kunden hatten anscheinend nicht selten auch die besseren Chancen.

So stellt sich mit diesem Mega-Börsengang erneut die Frage nach der Gerechtigkeit in unserer Wirtschaftswelt. Es geht nicht nur darum, ob es bei der Verteilung des Infineon-Goldregens mit rechten Dingen zugegangen ist. Es geht viel grundsätzlicher um die Millionengewinne, die heute in kurzer Zeit an den Börsen möglich sind, sei es für die vielen gelegentlichen oder professionellen Zocker, die ungewöhnlich große Gewinne einstreichen, oder für den Unternehmer, der ein wohlklingendes Hightech-Venture an den Markt bringt. Schon 24 Unternehmen mit einem gesamten Emissionsvolumen von 1,5 Milliarden Mark sind in den ersten Wochen dieses Jahres in Deutschland neu an die Börse gegangen. Jetzt, nur Wochen später, bewertet der Markt sie schon mit 3,3 Milliarden Mark.

In einem Land, in dem in den Tarifrunden um jedes Lohnprozent gekämpft und heftig darüber gestritten wird, ob das Kindergeld um einige Mark im Monat angehoben werden soll, geben die Aktien-Börsen einer kleinen Gruppe (kaum zehn Prozent aller Haushalte in Deutschland besitzen Aktien) die Chance, ein riesiges Vermögen zusammen zu "traden". Sie - und mehr noch die neuen Gründer - haben für ihr Leben ausgesorgt, selbst wenn die neuen Unternehmen sich als Luftschlösser erweisen sollten - und viele werden das. Sie haben vorher längst an den Aktien und ihren Phantasiekursen prächtig verdient. Ist das die kapitalistische Gesellschaft, die wir wollen - oder doch mehr ein Casino-Kapitalismus, der die Sitten verdirbt, der diejenigen, die noch richtig arbeiten, lächerlich erscheinen lässt, der Wohlstand nicht mehr über Leistung, sondern über Geschicklichkeit und Spielermut verteilt? Dann müßte einem angst und bange werden, wenn die Quote der Aktionäre in Deutschland noch weiter steigt. Aber die Bonanza an den Börsen wird eines Tages zu Ende gehen. Und dann bleibt es ein Mehr an Gerechtigkeit, wenn möglichst viele als Aktionäre Miteigentümer der Wirtschaft sind - und von realen Wertsteigerungen profitieren, auch wenn sie nur einen Bruchteil der heutigen Übertreibungen erreichen.

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