Wirtschaft : Der Kurseinbruch verunsichert die Anleger, doch es zeigt sich: Die Börse funktioniert (Kommentar)

Bernd Frank

An den Börsen geht die Angst um. Weltweit befinden sich die Aktienmärkte auf Talfahrt. Vor kurzer Zeit herrschte noch Euphorie, nun ist die Verunsicherung groß. Besonders betroffen sind die Märkte, deren Kurse zuvor am höchsten nach oben geschossen waren. So ist die Goldgräberstimmung am Neuen Markt einer wachsenden Skepsis gewichen, viele Aktienkurse haben sich dort schon mehr als halbiert. Das verunsichert nicht nur die Anleger, sondern auch neue Börsenkandidaten. Der Boom am Neuen Markt zeigt seine Schattenseiten. Vereinzelt verschieben junge Unternehmen ihre Börsengänge.

Gespeist wird die weltweit schlechte Börsenstimmung vor allem aus zwei Quellen. Da ist zum einen die verbreitete Einschätzung, dass viele Technologietitel viel zu hoch bewertet waren, und dass viele Unternehmen angesichts einer dünnen Kapitaldecke und noch weit entfernter Gewinne nicht überleben werden. Vor allem die Internet-Werte trifft es jetzt hart, nachdem der britische Online-Modehändler Boo.com zusammengebrochen ist. Experten gehen davon aus, dass letztlich nur etwa 20 Prozent der Internet-Unternehmen im Wettbewerb bestehen werden. Ein Teil wird von anderen übernommen werden, ein anderer Teil in Konkurs gehen. Und Boo.com wirkte für manche als ein Signal, dass dieser Ausleseprozess nun unweigerlich in Gang kommt.

Im vergangenen Jahr gaben mehr als 150 Unternehmen ihr Debüt am Neuen Markt. Die Banken, die die Börsengänge begleitet haben, freuten sich zwar über das Emissionsgeschäft. Aber es wurden teilweise Firmen an die Börse gebracht, die nicht reif dafür waren. Und Anleger kauften Papiere von Unternehmen, deren Geschäftsinhalt sie nicht kannten. Das trieb die Kurse übermäßig nach oben. Diese Spekulationsblase verliert derzeit an Druck.

Hinzu kommt: Die Angst vor weiter steigenden Zinsen geht um. Hier sind die USA Vorreiter. Konsumboom und steigende Löhne am amerikanischen Arbeitsmarkt haben die Inflation auf rund vier Prozent hochgetrieben. Die amerikanische Notenbank muss gegensteuern. Es herrscht die Sorge, die US-Wirtschaft könnte zu stark gedämpft werden und sogar in eine Rezession abgleiten, wenn die Notenbank zu stark auf die Zinsbremse treten muss. Das würde auch die Investitionen in neue Technologien dämpfen, die hochgesteckten Gewinnerwartungen vieler Technologiefirmen wären dann Makulatur. Auch von der Europäischen Zentralbank werden weitere Zinserhöhungen erwartet - allein schon weil der Euro nicht zu schwach werden darf.

Die gegenwärtige Korrektur an den Aktienmärkten muss man nicht nur bedauern. Es findet sowohl ein Lern- als auch ein Marktbereinigungsprozess statt. Nach aller Euphorie machen viele Neu-Anleger jetzt die Erfahrung, dass die Börse keine Einbahnstraße ist. Für langfristige Investoren ergeben sich auf niedrigerem Kursniveau bald wieder Chancen zum Einstieg. Auf dem Technologiemarkt werden die Firmen ausgesondert, die außer Fantasie wenig bieten. Das ist eine gesunde Entwicklung.

Die Börse erfüllt ihre Kontrollfunktion, auch wenn sie vorübergehend zu Übertreibungen neigt. Niemand muss nun befürchten, dass nach der Marktbereinigung kein Wettbewerb mehr stattfindet. Eine Vielzahl interessanter Neugründungen wird übrig bleiben, sofern sie ein dauerhaft tragendes Geschäftskonzept haben. Das wird deren Kunden mehr Verlässlichkeit und den Aktionären wieder mehr Sicherheit geben.

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