Wirtschaft : Der lange Abschied von der Bewag

Vattenfall Europe wird drei Jahre alt. Der Konzern erreicht gute Zahlen, doch Mitarbeiter, Aktionäre und Verbraucher sind skeptisch

Anselm Waldermann

Berlin - Der Energiekonzern Vattenfall Europe wird in diesen Tagen drei Jahre alt – doch nicht jedem ist nach Feiern zumute. Denn die Bilanz des bisher Geleisteten fällt, je nach Betrachter, äußerst unterschiedlich aus: Während das Unternehmen selbst auf eine erfolgreiche Konsolidierung und steigende Gewinne verweisen kann, haben sich Mitarbeiter, Aktionäre und Verbraucher mit dem in Berlin ansässigen Konzern noch immer nicht ganz angefreundet. „Gesellschaftsrechtlich hat die Fusion bilderbuchmäßig geklappt“, sagt Unternehmenssprecher Johannes Altmeppen. „Aber natürlich braucht die Integration von 20000 Mitarbeitern ihre Zeit.“

Vattenfall Europe war im August 2002 aus der Fusion der ostdeutschen Unternehmen Veag und Laubag mit der Hamburger HEW hervorgegangen. Wenige Monate später wurde auch die Berliner Bewag in den Konzern eingegliedert. Heute ist das Unternehmen der größte private Arbeitgeber in Ostdeutschland und der drittgrößte Energieversorger Deutschlands nach Eon und RWE. Zum Unternehmen gehören zahlreiche Kohle- und Kernkraftwerke, die Braunkohle-Tagebaue in der Lausitz und das gesamte Stromübertragungsnetz in Ostdeutschland. Daneben steht Vattenfall Europe auch im direkten Kontakt zu Kunden: Über die Bewag und die HEW versorgt der Konzern drei Millionen Verbraucher mit Strom und Wärme. Nach anfänglichen Schwierigkeiten ist Vattenfall Europe mittlerweile gut aufgestellt: Das operative Ergebnis stieg 2004 um 50 Prozent auf 545 Millionen Euro.

Dennoch sind nicht alle mit den Folgen der Fusion zufrieden. „Aus Sicht der Mitbestimmung war die Verschmelzung eine einzige Katastrophe“, sagt Hartwig Willert. Er vertritt die Gewerkschaft Verdi als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender bei der Bewag. „Bei der alten Bewag waren die Mitarbeiter anderes gewohnt – vor allem was das Klima betrifft.“ Heute würde der Vorstand oft Anweisungen des schwedischen Mutterkonzerns vorschieben, um unangenehme Entscheidungen durchzudrücken.

Immerhin: Betriebsbedingte Kündigungen hat es nicht gegeben. Stellen wurden dennoch – sozialverträglich – abgebaut. So sind bei der Bewag von den rund 5000 Arbeitsplätzen vor der Verschmelzung heute noch knapp mehr als 4000 übrig. „Nun ist der Personalabbau aber im Wesentlichen beendet“, sagt Vattenfall-Personalvorstand Martin Martiny.

Problematischer ist derzeit die Frage der Gehälter: Denn noch werden Bewag- und HEW-Mitarbeiter nach West-Tarif bezahlt, die alten Veag- und Laubag-Kollegen hingegen erhalten Ost-Löhne. Bis zum 1. Januar 2006 soll nun ein einheitlicher Konzerntarifvertrag ausgehandelt werden. Dabei müsse man „Abschied nehmen von gewohnten Tariflösungen“, sagt Martiny. In Zukunft müsse der individuellen Leistung eine größere Bedeutung zukommen – und dem Dienstalter dafür eine geringere. „Da wollen wir einen mutigen Schritt nach vorne gehen.“ Außerdem müssten sich die Beschäftigten an eine konzernweite Mobilität gewöhnen: „Bei Bedarf muss ein Mitarbeiter akzeptieren, dass er in Hamburg vielleicht nicht gebraucht wird, dafür aber in Berlin – oder umgekehrt.“ Bei den Mitarbeitern stößt das nicht gerade auf Zuspruch: „In Berlin fühlen sich die meisten immer noch als Bewager“, sagt Verdi- Mann Willert.

Auch Verbraucherschützer sehen die Fusion im Rückblick skeptisch. „Durch einen Großkonzern wie Vattenfall haben sich die monopolistischen Strukturen verstärkt“, sagt Detlef Bramigk von der Gesellschaft für rationelle Energieverwendung. Schließlich müsse in Ostdeutschland jeder Anbieter seinen Strom durch das Netz von Vattenfall leiten. „Da ist doch klar, wer die Höhe der Duchleitungsentgelte bestimmt.“

Kritische Töne kommen auch von Aktionärsvertretern. „Die Fusion war zwar ein erfolgreicher Prozess“, sagt Malte Diesselhorst von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Allerdings hätten die Aktionäre nicht viel davon: Schließlich kündigte der schwedische Mutterkonzern vor kurzem an, die restlichen Anteile der ehemaligen Bewag-Aktionäre zu übernehmen. Ein solches Squeeze-out ist möglich, weil die Schweden mehr als 95 Prozent an Vattenfall Europe besitzen. „Das Angebot kommt ausgerechnet jetzt, da sich Vattenfall zu einem profitablen Unternehmen gewandelt hat“, klagt Diesselhorst. Bei der Bewag sei der Umgang mit Kleinaktionären angenehmer gewesen. „Früher herrschte ein offenes Klima. Das hat sich nach der Fusion leider geändert.“

Der vorerst letzte Schritt der Fusion soll nun im Januar 2006 erfolgen: Die Bewag und die HEW sollen ihre Namen verlieren und künftig wie der Rest des Konzerns „Vattenfall“ heißen.

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