Wirtschaft : Der letzte Agnelli ist tot

Umberto Agnelli hatte das Familienunternehmen Fiat im vergangenen Jahr aus der Krise gezogen

Paul Kreiner[Rom]

Rom - Es scheint wie bei den Kennedys in Amerika ein Fluch auf dem Hause zu liegen. So jedenfalls kommentiert man in Italien die Schicksalsschläge in der Familie Agnelli, die schon in den 30er Jahren begannen. Damals überschlägt sich Edoardo mit dem Wasserflugzeug. Seine Mutter wird von einem Lastwagen überfahren, ein möglicher Erbe stürzt sich von der Brücke, der jüngste Kronprinz stirbt 1997 an Krebs. 2003 schließlich erliegt Gianni Agnelli, der letzte große Industrie-Patriarch, einem Krebsleiden. Und nun, in der Nacht zum Freitag, starb auch sein jüngster Bruder Umberto – ebenfalls an Krebs. Dieser hatte erst im Februar vergangenen Jahres die Führung in Familie und Konzern übernommen.

Schon bei der Fiat-Hauptversammlung vor zwei Wochen fehlte der 69-jährige Umberto Agnelli. Die Erfolg versprechenden Zahlen, die der Konzern dank seines Sanierungsplanes schreibt, konnte er nicht mehr selbst verkünden.Damit blieb ihm die große Genugtuung versagt: Zwar hatte ihn die Familie in den 70er Jahren schon einmal kurz zum Geschäftsführer der Fiat-Gruppe bestellt, ihn dann aber wegen angeblicher Unfähigkeit in die Wüste geschickt. Von den höchsten Weihen im Konzern wurde Umberto Agnelli fern gehalten. Machtlos musste er mit ansehen, wie sein älterer Bruder Gianni seinen Sohn Giovanni Alberto zum Nachfolger aufbaute. Und als „der kleine Giovanni“ mit 33 Jahren starb, ging Umberto wieder leer aus. Dem großen Bruder gefiel es, seinen eigenen Enkel als Nachfolger auszuwählen.

Die großen Abgesänge auf die Agnelli- Dynastie sind schon bei Giannis Tod im Januar 2003 gesungen worden: Es waren Trauerhymnen auf ein Jahrhundert italienischer Industrie, auf die gesamte Wirtschaftsidentität des Landes, deren Inbegriff Fiat war, und auf die von einem „Padrone“ geführten Familienunternehmen. Als Gianni starb, strahlten die staatlichen Fernsehprogramme stundenlange Nachrufe aus – das haben sie bei Umbertos Tod nicht für nötig gehalten.

Gianni der Große, das war der Lebemann. Umberto, der jüngere Bruder, das war der Rechner, ohne große Ausstrahlung zwar, aber auf seine Weise erfolgreich. In den 70er Jahren, während Gianni in seiner efeuberankten Villa über Turin thronte, da verheizte man Umberto im täglichen Kleinkrieg mit den Gewerkschaften. Danach betraute man Umberto mit der Mehrung des Familienvermögens, genauer gesagt mit den Holdings, in denen die Agnellis ihre weit verzweigten Aktivitäten und Beteiligungen gebündelt haben. Die kinderreichen Agnellis hatten nie einen Grund, sich über Umbertos Verwaltung der Familienkasse zu beschweren: Ihr Wert soll von 400 Millionen auf 4,8 Milliarden Euro gestiegen sein.

Und als Umberto im Februar 2003 endlich zum Präsidenten des Konzerns aufstieg, da hatte er genügend Kapital zur Verfügung, um den in die tiefste Krise seiner Geschichte abgestürzten Konzern wieder hochzuziehen. Nun, nach einem Jahr, läuft der Laden sogar noch ein wenig besser als erwartet. Schon im laufenden Jahr, sagt Unternehmenschef Morchio, werde der Konzern ausgeglichen bilanzieren.

Aber jetzt? Die Familie Agnelli hat kein Oberhaupt mehr. Wird die Ära Agnelli endgültig zu Ende gehen – nach 105 Jahren italienischer Industriegeschichte?

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