Wirtschaft : Der Letzte seiner Art

Nach dem aktuellen Frühjahrskatalog von Neckermann gibt es keinen neuen mehr. Eine Rezension.

Maximilian Vogelmann
Auslaufmodell.
Auslaufmodell.

Aus, Schluss, vorbei, Feierabend. Endgültig. Nach knapp 62 Jahren klassischem Versandhandel wird der aktuelle Katalog der Firma Neckermann der letzte bleiben. Es ist eine Ära, die hier zu Grabe getragen wird.

Zweimal jährlich kam mit dem Katalog das ganze Sortiment frei Haus, präsentiert in bunten Bilder. Dabei war alles, was das Konsumentenherz begehrte oder schlicht brauchte: Von der Unterhose über das Fahrrad bis hin zur Waschmaschine, ein ganzes Warenhaus in Buchform. Doch im Katalog schmökern und mit dem Kugelschreiber in der Hand von der Couch aus einkaufen – das ist nun vorbei.

Der Letzte seiner Art wiegt ein knappes Kilo und zählt 706 Seiten. In Hochglanz leuchtet die Edition Frühjahr/Sommer, das Papier ist dünn und seidig. Auf dem Cover strahlt eine junge Frau mit Hut in der Sonne, einen weißen Hund im Arm. Spießiges Familienidyll? Fehlanzeige. So modern ist Neckermann dann doch, obwohl der ganze Katalog eine Biederkeit atmet, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheint. Die Präsentation ist einfallslos, die Körper der Models stets züchtig bedeckt. Dafür gibt es acht „Welten“ zu erforschen. Von der „Sportwelt“ über die „Wohnwelt“ bis zur „Wäschewelt für Sie“. Für „Ihn“ existiert keine eigene Wäschewelt, aber fairerweise gibt es trotzdem 15 Seiten Unterbekleidung und Schlafanzüge für Männer. Mit 25 Wäscheseiten liegt die Damenwelt allerdings deutlich vorne.

Vorbei an bunten Outdoorjacken, vergoldeten Deckenlampen und geblümten Gartenmöbelpolstern arbeiten wir uns weiter in die „Technikwelt“. Hier scheint es bezeichnend, dass nicht Smartphones oder Laptops den Beginn der Produktstrecke bilden, sondern Fernseher. Der klassische Versandhandel richtet sich eben nicht an Zwanzigjährige, die deshalb wohl auch einige Orientierungsprobleme mit dem Kompendium haben dürften.

Doch der Neckermann-Katalog hilft wie eine gutmütige Großmutter. Zum Beispiel gibt es eine Maßtabelle, die erklärt, mit welchen Hals- und Bauchumfängen welche Größen bestellt werden sollten. Für alle, die beim Hemdenkauf nie wissen, welche der Zahlen auf dem Etikett denn nun die richtige ist, ist so etwas Gold wert. Es gibt auch eine „Servicewelt“ mit einem Symbolsystem, das erklärt, welche Produkte wann zu welchem Preis wohin geliefert werden – Wohnung oder nur Bordsteinkante, 24-Stunden- oder 48-Stunden-Service.

Auch textlich ist der Katalog reichlich retro. In der „Wohnwelt“ lesen wir neben Betten und Bücherregalen einmal „3–5 Speisezimmermöbel, ab 199,99 Euro“. Diese Nüchternheit, diese altbackene Fremdheit in der Namensgebung: Speisezimmermöbel. Wer will, kann das Nostalgie nennen – Trutschigkeit wäre allerdings auch eine Option.

Ansonsten regiert präsentatorische Askese. Auf den Seiten 185 bis 187 zum Beispiel. Hier kann der Kunde wählen zwischen Arbeits-, Freizeit- und Funktionssocken. Zwischen Feinstrick und Vollplüsch. Ein paar bestrumpfte Füße, dazu Kaufhausprosa wie diese: „6 Paar Frottee-Socken für Sport und Freizeit in einer Packung. Material: 85 % Baumwolle, 15 % Polyester. Farben: 6x Weiß (09), 6x Schwarz (01)“. Da weiß man, was man kriegt. Was bei den Socken mit dem Versprechen „Kein Fußgeruch“ weniger klar ist. Riechen die anderen etwa nach Käse?

Atemberaubend normal ist die „Modewelt für Ihn“. Auch hier weht noch der Geist der Gründerjahre der Republik: Keine Experimente! Stattdessen gibt es brave Schnitte, Farben und Materialien. Bunte Karos, beige Hosen, hoch sitzende Jeans. Die sportlicheren Textilien tragen sinnfreie Aufdrucke wie „Automobile Company“, „Speed Racing“ oder „Authentic Summer.“ In der Damenabteilung finden sich weniger Aufdrucke, dafür viele Frühlingsfarben. Aber auch hier mangelt es insgesamt an Originalität.

Bis vor kurzem hat Neckermann noch selbst Kleidung hergestellt. Mittlerweile wollen die Kunden aber anscheinend keine No-Name-Ware mehr. Das Eigentextilgeschäft wurde im Zuge der Sanierung des Versandhändlers eingestellt, gemeinsam mit dem Katalog, für den fotografiert, getextet und gestaltet werden musste. Mehr als 1300 Arbeitsplätze sollen mit der Umstellung verschwinden.

Das Geschäft aber geht weiter. Neckermann macht mittlerweile 80 Prozent seines Umsatzes über den Online-Shop. Hier läuft das Geschäft schneller. Mehrere Male die Woche werden Kollektionen gewechselt, Preise gar mehrere Male am Tag. Kleidungsverkauf läuft jetzt über Vertriebspartner wie S. Oliver oder Marco Polo.

Die Idee des Homeshoppings lebt also in der digitalen Zeit weiter, auch wenn es statt analoger Tausendseiter jetzt digitale Fotostrecken gibt. Wobei nur die Frage bleibt, ob ochsenblutrote Ledergarnituren moderner werden, wenn sie nicht mehr auf Hochglanzpapier sondern auf der Oberfläche eines Tablet-PCs erscheinen.

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