Wirtschaft : Der Lokführer-Chef wird persönlich

Manfred Schell beschimpft Bahn-Manager als „Außerirdische“

Bernd Hops

Berlin - Die Lokführergewerkschaft GDL hat schwere Vorwürfe gegen die Deutsche Bahn erhoben. In einem Interview mit dem Magazin „Stern“, das am Dienstag vorab veröffentlicht wurde, sagte Gewerkschaftschef Manfred Schell, der Konzern betreibe im Tarifstreit „Volksverblödung“ sowie „Psychoterror“ gegenüber den Lokführern. Konzernchef Hartmut Mehdorn und Personalvorstand Margret Suckale seien „Außerirdische“. Ein Bahn-Sprecher wies die Angriffe zurück: „Außer immer neuen Beschimpfungen fällt den GDL-Funktionären gar nichts mehr ein.“ Schell bleibe „bei seinem Stil der Beleidigungen“.

Auch der Logistikvorstand der Bahn, Norbert Bensel, sagte in Berlin: „Die GDL hat sich disqualifiziert mit der Art und Weise, in der kommuniziert und unter die Gürtellinie geschlagen wird.“ Eins müsse klar sein: „Es wird keinen eigenständigen Tarifvertrag geben, das geht nicht.“

Ein eigenständiger Tarifvertrag ist die Hauptforderung der GDL – neben einer kräftigen Gehaltserhöhung. Die Gewerkschaft will künftig losgelöst von den Konkurrenzgewerkschaften Transnet und GDBA für alle Lokführer des Konzerns eigene Lohn- und Arbeitszeitbedingungen aushandeln. Bisher darf die GDL zur Durchsetzung nur den Regionalverkehr bestreiken. Diese Einschränkung könnte das Landesarbeitsgericht Sachsen am kommenden Freitag aufheben. In dem Fall will die GDL bald den Güterverkehr der Bahn bestreiken, um mehr Druck zu machen.

Die Bahn warnte vor den verheerenden Folgen für die Wirtschaft. „Die Produktion bei unseren Kunden ist relativ schnell gefährdet“, sagte Logistikvorstand Bensel. Zum möglichen Schaden für den Konzern selbst verwies Bensel lediglich auf den Umsatz der Güterbahn von 12 bis 17 Millionen Euro pro Tag. Durch Streiks würde aber die Verlässlichkeit der Schiene als Transportweg infrage gestellt. „Wir haben in den vergangenen Jahren viele Güter von der Straße auf die Schiene umgestellt“, sagte Bensel. Der Schienentransport habe mittlerweile einen Marktanteil von 17,7 Prozent – im Vergleich zu 15,4 Prozent im Jahr 2002. Jetzt drohe eine Rückverlagerung auf die Straße, und die werde nachhaltig sein, warnte Bensel. Gleichzeitig seien einige Branchen – etwa die Energiewirtschaft oder die Autohersteller – auf einen funktionierenden Schienentransport angewiesen. Zudem sei der Herbst die Hochsaison beim Gütertransport in Deutschland.

Hiesige Streiks hätten auch große Auswirkungen im Ausland, ergänzte Bensel. „60 Prozent unserer Transporte sind grenzüberschreitend.“ Die Bahn werde mithilfe beamteter Lokführer, von Partnerbahnen und Notfahrplänen versuchen, trotz Streik etwa jeden zweiten Güterzug im Vergleich zu normalen Tagen zu fahren. „Je länger aber ein Streik dauert, desto schwieriger wird es, einen Notfahrplan zu steuern.“ Bernd Hops

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