Wirtschaft : Der Mann mit der Maus

Burhan Gözüakças Agentur entwirft Werbung für Deutschtürken. Er selbst schätzt beide Kulturen

Karin Schädler
Burhan Gözüakça ist im Job Stratege durch und durch. Umso mehr ärgert ihn die Migrationsdebatte: „Man muss doch Lösungen finden, gemeinsam etwas entwickeln.“Foto: Paul Zinken
Burhan Gözüakça ist im Job Stratege durch und durch. Umso mehr ärgert ihn die Migrationsdebatte: „Man muss doch Lösungen finden,...

Die kleine bunte Maus auf dem Lesezeichen liest in einem dicken Buch. Darüber steht der Name der Kampagne: „Lesen macht Spaß“. Gemalt hat die Maus nicht etwa ein professioneller Grafikdesigner, sondern die elfjährige Beyza. „Zeichnungen von Erwachsenen sind ganz anders strukturiert als die von Kindern“, weiß ihr Vater Burhan Gözüakça. Und weil die Lesezeichen Kinder ansprechen sollen, habe er eine Zeichnung seiner Tochter verwendet.

Gözüakça hat die Werbeagentur Beys 1998 mit seinem damaligen Partner gegründet, mittlerweile ist auch sein Bruder Yilmaz Geschäftsführer. Seine Frau Mehtap ist für Einkauf und Buchhaltung zuständig. Bei dem Gedanken daran, ein Familienbetrieb zu sein, muss Gözüakça dennoch grinsen. Eigentlich sehen sie sich nicht so, sagt er, schließlich gebe es auch noch neun andere Mitarbeiter. Doch eine „familiäre Atmosphäre“ herrsche schon.

Gözüakça hat Freude an Kommunikation, das ist ihm deutlich anzumerken. Der 39-Jährige breitet die Broschüren verschiedener Werbekampagnen auf seinem Schreibtisch aus und beginnt zu erzählen – über Strategien, Zielgruppen, Stilmittel. Wie man Menschen für ein Produkt oder eine Dienstleistung begeistern kann, fasziniert Gözüakça. Der Schwerpunkt seiner Agentur liegt auf dem deutschen Markt, er hat aber auch englische und österreichische Auftraggeber – und fasst in letzter Zeit immer mehr auf dem türkischen Markt Fuß. Für die Fluggesellschaft Sun Express erledigen Gözüakça und seine Mitarbeiter die gesamte Kommunikation in der Türkei. In den letzten zwei Jahre konnten fünf neue Mitarbeiter eingestellt werden.

Gözüakça ist Betriebswirt und hat sich die Marketingfähigkeiten im Betrieb seines Vaters angeeignet. Der kam Anfang der 70er Jahre als Gastarbeiter nach Deutschland, war Fabrikarbeiter und machte sich dann in Berlin selbstständig – mit der Käsemarke Yasar, die mittlerweile einer dänischen Firma gehört. Gözüakça arbeitete dort jahrelang mit und sammelte viel Erfahrung, zuletzt als Marketingleiter. Bruder Yilmaz machte seine Ausbildung zum Mediengestalter in der Werbeagentur und stieg vor zwei Jahren in die Geschäftsleitung ein. Beide bezeichnen sich als Deutschtürken. „Türkischstämmig ist mir zu wenig, da fehlt ja das Deutsche“, sagt Gözüakça. Dabei sei er doch „mehr deutsch als türkisch“. Seinem Bruder werde etwa eine penible Art nachgesagt. „Was ja nicht unbedingt schlecht sein muss“, sagt Gözüakça lachend. Er versuche, sich die besten Seiten beider Kulturen anzueignen. Dass auch die Mitarbeiter der Agentur die deutschtürkische Kultur sehr gut kennen, ist ein großer Vorteil. Denn Beys ist spezialisiert auf Werbung für die Zielgruppe der Deutschtürken. So betreuen Gözüakça und seine Kollegen eine PR-Kampagne, die ein größeres deutschtürkisches Publikum für die Deutsche Oper begeistern soll.

Bei seiner Arbeit ist Gözüakça durch und durch Stratege. Umso weniger kann er verstehen, wie derzeit über Migranten debattiert wird: „Es muss doch darum gehen, Lösungen auszuarbeiten und gemeinsam etwas zu entwickeln.“ Was passiere, sei dagegen eine „Verleumdung“ der Migranten insgesamt. Mittlerweile befinde er sich ständig in der Situation, sie gegen falsche Behauptungen verteidigen zu müssen. Als „Ausnahme“ möchte der Unternehmer nicht wahrgenommen werden. Um ihn herum gebe es Hunderte wie ihn. „Und viele, die noch besser ausgebildet oder noch intelligenter sind.“ Er frage sich natürlich schon manchmal, warum er in einem Land leben solle, das ihn nicht wirklich haben will. Vor allem denke er dabei an seine Kinder. Von Berlin ist er aber begeistert. „Diese Stadt hat etwas liebenswürdiges.“

Als Gözüakça gerade auf ein anderes Motiv zeigt, das seine Tochter gemalt hat, kommt Beyza herein und fragt, ob sie sich ein Video auf Youtube ansehen darf. Weil sie Ferien hat, darf sie einige Zeit am Arbeitsplatz der Eltern verbringen. Ihr Vater berichtet derweil, dass sie seit kurzem eine „umweltfreundliche Agentur“ seien. Mülltrennung, geringer Stromverbrauch und umweltfreundliche Produkte – das sind nur einige der Kriterien des türkischen Umweltvereins Grüner Kreis. Bevor Gözüakça und seine Kollegen für ihn Werbung machen, lassen sie sich zunächst einmal selbst zertifizieren. Karin Schädler

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