Wirtschaft : Der Mensch ist entziffert: Biotech-Firmen hoffen auf neuen Goldrausch

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Die Gen-Revolution erreicht einen neuen Höhepunkt: Wenn US-Unternehmer Craig Venter und der Chef des öffentlichen Humangenom-Projektes, Francis Collins, am heutigen Montag ihre neueste detaillierte Karte des menschlichen Erbguts vorstellen, dann ist das auch für die Biotech-Wirtschaft ein willkommenes Signal. "Die Biotechnologie hat sehr unter der allgemeinen Skepsis am Neuen Markt gelitten", sagt Peter Heinrich, Chef der Münchener Biotech-Firma Medigene. "Sie braucht neue Aufmerksamkeit. Und die wird sie jetzt zweifellos bekommen."

Die Euphorie in der Gen-Branche war zum Jahresende ein wenig abgeflaut, nachdem Venter und Collins im vergangenen Frühsommer die fast vollständige Entschlüsselung des menschliche Genoms verkündet hatten. Der Goldrausch, der Unternehmer und Anleger in Erwartung befallen hatte, war ohne Beispiel: Der 17 Werte umfassen Amex-Biotechologie-Index war im Jahresverlauf um 62 Prozent gestiegen, der breiter getreute Nasdaq Biotechnologie-Index legte um 23 Prozent zu. Von dem schwindenden Vertrauen der Anleger in die High-Tech-Werte blieben zwar auch die Biotechnologie-Werte nicht verschont, konnten sich im Vergleich zu Internet- und Medienwerten aber sehr passabel schlagen. Dass die Gen-Industrie zu Beginn des Jahres besser positioniert ist denn je, verdankt sie aber nicht nur der Euphorie an den Finanzmärkten, sondern auch den Fortschritten im Labor. Anders als Anfang der neunziger Jahre, als die Branche einen ersten, nur kurzen Boom erlebte, ist die Entwicklung von gentechnisch hergestellten Pharmaprodukten auch in Europa weiter vorangekommen - auch wenn sich das an den Zulassungen bislang kaum niedergeschlagen hat. In Europa sind mittlerweile etwa 40 bis 50 Produkte in der klinischen Testphase, die der Marktzulassung vorangeht. Die Entwicklung eigener Produkte ist für die Biotech-Firmen eine wichtige Existenzgrundlage. "Nur, wenn wir Umsätze erwirtschaften können wir die Abhängigkeit vom Kapitalmarkt verringern", sagt Medigene-Chef Heinrich. "Wir brauchen Produkte am Markt, um in derselben Liga mitspielen zu können wie Briten oder Amerikaner.

US-Unternehmen haben bereits mehr als 70 Biotech-Medikamente auf den Markt gebracht. Das bekannteste ist wohl das auch als Doping-Mittel im Sport benutzte Epogen ("Epo"). Der Vorsprung gegenüber deutschen Firmen beträgt rund zehn Jahren. Und während die rund 280 deutschen Biotech-Unternehmen 1999 einen Umsatz von 517 Millionen Euro erwirtschafteten, brachten es die rund 1270 US-Unternehmen auf einen Umsatz von 22 300 Millionen Euro, wie der 2. Biotechnologie-Report von Ernst & Young feststellt. Auch die Zahl der Arbeitsplätze in der deutschen Gen-Industrie ist mit 8100 noch verschwindend gering. Zum Vergleich: In den USA ernährt die Biotech-Industrie bereits 162 000 Menschen. Obwohl die Zahl der kleineren und mittleren Biotech-Unternehmen in Deutschland 1999 einen neuen Höchststand erreichte und erstmals vor den lange führenden Briten liegt, fehlt es den Unternehmen noch an Reife.

Eines haben die deutschen Gen-Unternehmer im Lauf des vergangenen Börsenjahres begriffen: "Wir haben gesehen, dass wir noch so gut arbeiten können - die Börse interessiert das nicht", sagt Medigene-Chef Heinrich. "Die braucht Signale anderer Art, von außen. Darum kann ich nur hoffen, dass über die heutige Pressekonferenz lange geredet wird." Nach dem ersten Auftritt der Genomforscher vor der Weltöffentlichkeit hatten die Unternehmen ihre Chance genutzt und die Kassen kräftig gefüllt. Allein neun Unternehmen sind im vergangenen Jahr an die Börse gegangen - 1999 waren es gerade drei.

Branchenbeobachter sind davon überzeugt, dass die Entwicklung anhalten wird. "Als Schlüsseltechnologie des neuen Jahrtausends ist und wird die Biotechnologie aus dem täglichen Leben sowie auch aus dem Börsengeschehen nicht wegzudenken sein", sagt Ingo Köhler, Vizepräsident der Unternehmensberatung Cap Gemini Ernst & Young. Allerdings geht Köhler auch davon aus, dass es zu einer Konsolidierung kommen wird. "Viele der neu gegründeten Biotech-Firmen werden dem internationalen Konkurrenzdruck nicht standhalten."

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