Wirtschaft : Der milde Winter bringt mehr Wachstum

Der Bau arbeitet durch, die Arbeitslosenzahlen sinken und die Verbraucher sparen Energie / Langfristig überwiegen Schäden

Carsten Brönstrup

Berlin - Durch den bislang ungewöhnlich milden Winter könnte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr noch kräftiger wachsen als bislang angenommen. Wirtschaftsforscher erwarten zusätzlich bis zu 0,3 Prozentpunkte – vorausgesetzt, die Temperaturen bleiben im Schnitt auf dem gegenwärtigen Niveau. „Der milde Winter gibt der Konjunktur einen zusätzlichen Schub“, sagte Holger Bahr, Leiter der Abteilung Volkswirtschaft bei der Deka-Bank, dem Tagesspiegel. Langfristig werde die Klimaerwärmung aber weltweit Milliarden kosten, warnte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Die meisten Prognosen gehen derzeit noch von anderthalb bis zwei Prozent Wachstum aus. Der warme Winter könnte diese Berechnungen Makulatur werden lassen. Im Januar ist es in Berlin und Brandenburg in normalen Wintern durchschnittlich 0,7 Grad warm. In diesem Jahr liegt der Mittelwert nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes aber schon bei 5,2 Grad. Für die meisten witterungsabhängigen Berufe – Bauarbeiter, Gärtner, Landwirte – ist die übliche Winterpause daher ausgefallen. In den vergangenen Monaten fielen die Arbeitslosenzahlen entsprechend gut aus. Sie gingen zum Teil bundesweit um 100 000 zurück – üblich ist ein deutlicher Anstieg zwischen November und März.

Das liegt vor allem am Bau. „Wir konnten bislang in einem Zug durcharbeiten“, freut sich Heiko Stiepelmann vom Hauptverband der Deutschen Bauindustrie. „Das ist ein Vorteil angesichts des hohen Auftragseingangs im Herbst.“ Die Branche hat die jahrelange Rezession überwunden, das gute Wetter kommt den Firmen gelegen, um die Aufträge abzuarbeiten. Damit es allerdings mehr Wachstum gibt, muss es neue Aufträge geben. „Sonst arbeiten wir die Aufträge einfach früher ab und stehen dann im Sommer mit weniger Arbeit da“, so Stiepelmann.

Die Verbraucher sparen zudem eine Menge Geld durch das warme Wetter – sie müssen weniger für Heizöl, Erdgas und Strom ausgeben. Dies ist der gesamtwirtschaftlich bedeutendste Faktor, sagt Jürgen Pfister, Chefökonom der Bayern LB. „Das ist eine Nettoentlastung für jeden und angesichts der Steuererhöhung seit Neujahr ein Geschenk des Himmels.“ Für die Versorger – Vattenfall, Eon, RWE und EnBW – ist dies natürlich ein Minderposten. „Dies wiegt gesamtwirtschaftlich den Vorteil für die Verbraucher aber nicht auf“, ist sich Gerd Hassel von der BHF-Bank sicher. Ohnehin sind die Energiepreise derzeit so niedrig wie lange nicht mehr. Seit Anfang November purzelten die Rohölpreise um zehn Prozent. Hierfür ist aber nicht nur das warme Wetter verantwortlich, sondern auch die gute Angebotslage.

Die Leute haben also mehr Geld in der Tasche. Das freut den Handel. Zwar bleiben die Kaufhäuser auf Wintermänteln sitzen. „Dafür können sie die Frühjahrsmode schon früher verkaufen“, sagt Deka-Experte Bahr. Dass die Arbeitnehmer dank der milden Temperaturen gesünder sind und seltener fehlen, glaubt dagegen kaum ein Experte. „Der Krankenstand ist ohnehin auf einem Rekordtief, da gibt es nicht mehr viel Spielraum nach unten“, sagt Bahr.

Kurzfristig werde mithin das Wachstum Ende 2006 und Anfang 2007 um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte stärker ausfallen als angenommen, „vorausgesetzt, es bleibt warm und der Ölpreis liegt noch eine Weile nicht höher als 55 Dollar“. Da kommt eine stolze Summe zusammen, sagt Pfister. „Bei einem Inlandsprodukt von 2300 Milliarden Euro wären das rund sieben Milliarden.“

Auf lange Sicht bringt eine zu starke Klimaerwärmung aber wirtschaftliche Verluste, hat die Umweltexpertin Claudia Kemfert vom DIW ausgerechnet. „Die Erwärmung bringt mehr Wetterextreme, Stürme und Dürreperioden, zudem steigt der Energieverbrauch wegen der Klimageräte.“ Hinzurechnen müsse man die Verluste der Landwirtschaft oder der Tourismusindustrie in den Alpen, wenn der Wintersport unmöglich wird. Diese Effekte zehrten die Gewinne des milderen Klimas auf. „Ab einer dauerhaften Erwärmung von zwei Grad wird es kritisch – dann überwiegen die Verluste die Einsparungen“, warnt Kemfert. Ihren Berechnungen zufolge könnten sich die Schäden in Deutschland in diesem Fall bis 2050 auf 800 Milliarden Euro summieren.

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