Wirtschaft : Der Mühe Wert

Der Mindestlohn beschäftigt die Koalition. Politik und Gewerkschaft streiten darüber. Die Betroffenen erwarten eine Lösung

Yasmin El-Sharif

Berlin - Heidemarie Danzer ist nervös. Sie sitzt am Steuer eines Lieferwagens. Der Verkehr ist dicht, die Zeit wird knapp. Die 57-Jährige ist Menübotin und soll so schnell wie möglich die geladenen Speisen ausliefern. Würde sie von ihrem Arbeitgeber nach Stunden bezahlt, wäre sie viel ruhiger. Doch bei Heidemarie Danzer ist es anders. „43 Cent bekomme ich für jedes ausgelieferte Essen. Wenn ich gut in der Zeit liege, verdiene ich etwas mehr als vier Euro in der Stunde“, sagt die zierliche Frau. „Meistens ist es aber weniger.“

Hungerlöhne gibt es in Deutschland nicht, meinen viele. Doch rund 3,5 Millionen Beschäftigte verdienen weniger als 7,50 Euro in der Stunde, schätzt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. Zu den typischen Niedriglöhnern gehören Kassiererinnen und Wachmänner, Floristinnen und Friseure, Fleischer und Zimmermädchen. Ihre Arbeit reicht kaum zum Leben. In der Woche arbeiten sie oft mindestens 35 Stunden und erhalten dafür kaum mehr erhalten als ein Arbeitslosengeld-II-Empfänger. Das hat dafür gesorgt, dass der Ruf nach einem gesetzlichen Mindestlohn lauter geworden ist. Bei den Gewerkschaften, bei den Betroffenen und in der gesamten Bevölkerung. Auch die Politik befasst sich mittlerweile mit dem Thema (siehe Kasten). So dreht sich am heutigen Montag auch im Koalitionsausschuss in Berlin alles um den Mindestlohn.

Heidemarie Danzer mag ihren Job eigentlich. „Hätte ich bloß nicht immer diesen Zeitdruck“, sagt sie. Das Essen, das sie ausfährt, bringt sie älteren Menschen. Leuten, die viel Zeit haben und gerne mit ihr plaudern würden. Aber das kann Heidemarie Danzer nicht. „Fünf Minuten habe ich für einen Kunden, die Fahrtzeit inbegriffen. „Wenn ich mich länger aufhalte, lohnt sich das ja gar nicht mehr“. Heidemarie Danzer und ihr Mann sind auf das wenige Geld, das sie verdient, angewiesen. Am Ende eines Monats bleiben dem Ehepaar mal 100, mal 150 Euro übrig. „Wenn wir frischen Spargel kaufen können, dann ist das bei uns schon was Besonderes“, sagt sie. Größere Anschaffungen oder gar etwas für das Alter beiseitezulegen, das können die Danzers schon lange nicht mehr. Die gelernte Apothekenhelferin Danzer erinnert sich noch an andere Zeiten. Damals, als sie noch bei einem großen Pharmakonzern arbeitete, da hatte sie diese Sorgen nicht. Auf ihre Lohnabrechnungen aus dieser Zeit mag sie heute gar nicht mehr schauen. „Das ist deprimierend“, sagt sie.

Für Inga Krüger sind vor allem die Tage deprimierend, an denen sie ihren Kindern wieder einmal kein Taschengeld zahlen kann. Die 38-jährige Krankenpflegehelferin arbeitet in einem privaten Seniorenheim in Berlin-Mitte. 40 Stunden in der Woche wäscht sie alte Menschen, hilft ihnen beim Anziehen, füttert sie. Das alles im Schichtdienst. Ihr Stundenlohn: 6,62 Euro. Am Ende des Monats hat sie etwa 860 Euro auf ihrem Konto. Ein Single könnte davon leben, aber Inga Krüger hat drei Kinder, zwei davon wohnen bei ihr. Trotz Vollzeitberuf ist Inga Krüger deshalb noch auf ergänzendes Arbeitslosengeld II angewiesen, so wie hunderttausende andere Vollzeitbeschäftigte in Deutschland. 196 Euro stehen ihr monatlich zusätzlich zu. „Alle sechs Monate muss ich zum Amt. Jeden Schritt muss ich dort rechtfertigen, jeden einzelnen Lohnzettel vorlegen. Da fühlt man sich richtig nackt“, sagt Krüger. „Manchmal habe ich den Eindruck, dass Menschen, die gar nicht arbeiten wollen, besser behandelt werden als ich.“

Warum in so vielen Betrieben nicht einmal 7,50 Euro pro Stunde bezahlt werden, erklären die Arbeitgeber sehr unterschiedlich. Meist wird der scharfe Wettbewerb als Grund genannt. Niedrige Gewinnmargen ließen eine vorgegebene Lohnuntergrenze überhaupt nicht zu.

Das sieht auch Marco Meichßner so, der seit einem knappen Jahr einen Friseursalon in Berlin-Prenzlauer Berg betreibt. Seinen Angestellten zahlt er 6,45 Euro die Stunde. „Die geforderten 7,50 Euro sind in unserem Geschäft ziemlich weit hergeholt“, sagt Meichßner. „Im Friseurhandwerk entwickeln sich die Preise einfach zu langsam, als dass ich mehr zahlen könnte.“ Sollte der Mindestlohn tatsächlich kommen, müsste er die Preise schlagartig um ein Vielfaches erhöhen, neue Leute könnte er sicher gar nicht mehr einstellen, meint er.

Solche Argumente werden wohl auch heute im Koalitionsausschuss besprochen werden. Das Ergebnis der Gespräche ist zwar noch offen. An eine Einigung auf einen flächendeckenden Mindestlohn glauben aber die wenigsten.

Für Heidemarie Danzer und Inga Krüger wäre das eine große Enttäuschung. Danzer hat ihren Job inzwischen verloren, nachdem sie sich öffentlich darüber geäußert hatte, unter welchen Bedingungen sie arbeitet. Sie sucht nun etwas anderes und hofft, dass ihre nächste Beschäftigung besser bezahlt wird. „Wenn noch nicht einmal der Mindestlohn kommt, welchen Wert hat Arbeit dann eigentlich noch“, fragt sie.

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