DER NEUE BÖRSEN-BOOM Ist diesmal alles anders? : Zittern vor dem Gipfel

Der Dax nimmt Kurs auf seinen alten Höchststand. Anders als zur Jahrtausendwende droht kein Absturz. Einigen wird die gute Stimmung allerdings trotzdem langsam unheimlich

Stefan Kaiser,Henrik Mortsiefer

Der Gipfel ist gerade mal 325 Punkte entfernt – gut vier Prozent. In einem atemberaubenden Tempo nähert sich der Deutsche Aktienindex Dax in diesen Tagen seinem historischen Höchststand von 8064 Punkten. Damals, am 7. März des Jahres 2000, hatte der Dax einen ähnlich rasanten Anstieg hinter sich: Von 5000 auf 8000 Punkte in anderthalb Jahren. Hausfrauen und Arbeiter waren im Aktienfieber. Der Kiosk um die Ecke verkaufte plötzlich Anlegermagazine und die Börsenmeldungen wurden fester Bestandteil der Tagesschau. Die Party schien nie zu Ende zu gehen. Drei Jahre später, im März 2003, waren die großen deutschen Aktienwerte nur noch gut ein Viertel der alten Kurse wert (siehe Grafik).

Mit dem steigendem Aufwärtstempo am Markt werden jetzt die Stimmen der Skeptiker lauter, die vor einer erneuten Übertreibung am Aktienmarkt warnen. Doch Experten, die beide Hochphasen mitgemacht haben, weisen vor allem auf die Unterschiede hin.

Die Chancen: Viel Geld und hohe Gewinne

„Das Umfeld ist ungleich günstiger als vor sieben Jahren“, sagt Rüdiger von Rosen, Vorstand des Deutschen Aktieninstituts (DAI). „Zwischen den Bewertungen damals und heute liegen Welten.“ Die Dax-Firmen seien heute deutlich ausgeglichener aufgestellt und erzielten die Hälfte ihrer Erträge im Ausland. „Der Anstieg der Aktienkurse macht mir keine Sorgen“, sagt von Rosen.

1999 und 2000 verdankte der Aktienmarkt seinen Aufschwung vor allem einer Branche: Alles, was mit Technologie, Medien und Telekommunikation zu tun hatte, wurde blind gekauft. „Heute ist der Aufschwung breiter“, sagt Karl Fickel, Gründer und Partner von Lupus Alpha Asset Management und ehemaliger Star am Neuen Markt, dem besonders riskanten Börsensegment für junge Unternehmen. „Es ist viel mehr Geld unterwegs", sagt Fickel heute. In der Tat wissen vor allem die Finanzinvestoren oft gar nicht wohin mit dem Kapital, das sie bei privaten und institutionellen Investoren eingesammelt haben. Geschätzte 1400 Milliarden US–Dollar verwalten mittlerweile allein die Hedge-Fonds.

Susan Levermann, Fondsmanagerin für deutsche Aktien bei der Deutsche-Bank-Tochter DWS, ist optimistisch: „Es ist nicht so relevant, was der Markt früher gemacht hat“, sagt sie. Entscheidend sind die sehr guten aktuellen Rahmenbedingungen: hohe Liquidität, verglichen mit dem Rentenmarkt attraktive Aktienbewertungen und eine hervorragende Wirtschaftslage. „Alle drei Ampeln stehen auf hellgrün“, meint Levermann. Sie glaubt, dass der Dax sein Allzeithoch noch in diesem Sommer erreichen wird.

Auch die Stimmung bei den Anlegern ist heute eine andere als zur Jahrtausendwende. Sie kaufen nicht mehr blind alles, was ihnen angeboten wird. „Wir haben bei weitem noch nicht diese Euphorie, die wir damals hatten, als einem jeder Taxifahrer erzählen wollte, wie leicht man an der Börse Geld verdient“, erinnert sich Florian Weber, Chef des Wertpapierhandelshauses DKM. „Damals wurde ja so getan, als gäbe es bald keine Aktien mehr.“

Die Risiken: Öl, Zinsen und die China-Blase

So weit wie damals sei man noch nicht wieder, versichert Weber. Doch es gebe erste Anzeichen. „Wir stellen schon wieder fest, dass Leute Aktien kaufen ohne Sinn und Verstand.“ Weber berichtet von dubiosen E-Mails, in denen Privatanleger der Kauf nahezu wertloser Aktien wie der des gescheiterten Zeppelinbauers Cargolifter empfohlen werde.

Mit den Kursen am Aktienmarkt ist auch die Gier der Anleger wieder gestiegen. Sie wittern das große Geld. „Viele Anleger werden immer unkritischer“, sagt Weber. „Momentan werden einige Risiken einfach ignoriert.“ Dabei sind diese durchaus sichtbar: In Europa steigen die Zinsen, das macht die Investition in Aktien allmählich unattraktiver. Der hohe Ölpreis drückt das Wachstum der Weltwirtschaft. Und in China droht die Spekulationsblase am Aktienmarkt zu platzen. Davor warnte in der vergangenen Woche sogar der ehemalige Chef der US-Notenbank, Alan Greenspan. Doch die Märkte ließen sich vom Altmeister nur wenig beeindrucken. „In China sind wir heute so weit wie hier 1999“, meint Aktienhändler Weber. „Wir glauben, dass es dort in absehbarer Zeit zu einem Crash kommt.“ Und das hätte dann auch Auswirkungen auf Europa. Weber hält einen Rückschlag auf 7200 Punkte beim Dax für wahrscheinlich.

Auch Fondsmanager Fickel mahnt zur Vorsicht. „Nach dem Börsencrash 1987 schrieb eine Zeitung: ,Die Kurse klettern am besten in einer Wand aus Angst’. Das gilt auch heute noch“, sagt er. „Man sollte der Euphorie nicht das Wort reden. Die letzten Börsengänge zeigen, dass teilweise zu viel Geld für neue Aktien bezahlt wird.“ Fickel warnt vor übertriebenen Erwartungen und setzt auf langsameres Wachstum. „15 oder 20 Prozent Kursgewinn pro Jahr können nicht nachhaltig sein“, sagt er. „Acht Prozent sind ja auch keine Katastrophe. Man darf die steigende Kurve nicht einfach nach oben verlängern.“

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