Wirtschaft : Der neue Chef kommt bald - aber nicht aus der Familie

Heike Jahberg

Europas Textilkönig, Klaus Steilmann, tritt ab. Schon in wenigen Wochen wird der Mann, der mit seiner "Mode für Millionen" aus dem Nichts zu einem der größten Massenkonfektionäre in Europa aufgestiegen ist, die Geschäfte an seinen Nachfolger übergeben. Doch anders als es der Self-Made-Man eigentlich wollte, wird das Familienunternehmen nicht von seinen Töchtern, sondern von einem Externen geleitet. Der Vertrag steht kurz vor der Unterschrift, schon im September will Firmengründer Steilmann bekannt geben, wer künftig in der Wattenscheider Firmenzentrale das Sagen hat: "Wir stehen kurz vor dem Abschluss", sagte Steilmann dem "Tagesspiegel".

Damit scheint Steilmann sein Ziel, sich in diesem Jahr aus dem aktiven Geschäft zurückzuziehen, doch noch zu erreichen. Wenn auch anders, als gedacht. Eigentlich wollte der Boss die Firma - sein Lebenswerk - an seine drei Töchter Britta, Cornelia und Ute übergeben, aber Anfang des Jahres krachte es gewaltig im Drei-Mädel-Haus. Selbstbewusst scharte Britta, das Glamour-Girl der Familie, eine Schar von Managern um sich, mit denen sie neue Wege gehen wollte. Statt wie bisher nur für die großen Handelshäuser zu schneidern, wollte die jung-dynamische Truppe das Haus Steilmann stärker in den Vordergrund rücken - mit mehr eigenen Marken und eigenen Läden. Ein Kurs, der in der Restfamilie auf wenig Gegenliebe stieß.

Hinzu kam Brittas Führungsanspruch. "Man braucht eine Person, die die Richtung angibt", sagte Britta, die einst als Ökomanagerin des Jahres und Mitglied im Beraterteam des einstigen Kanzlerkandidaten Scharping Furore machte. Doch die Schwestern und Mutter Ingrid, die mit Britta gemeinsam in der Geschäftsführung saßen, wollten Britta nicht die alleinige Führung überlassen. Die Öko-Unternehmerin zog die Konsequenzen und ging.

Seitdem sucht der Chef nach Alternativen. Mitte Juni wurde der Mann, der im Nachkriegsdeutschland Unternehmergeschichte geschrieben hat, 70 Jahre alt - Zeit, abzutreten. Dass er mit 70 das Feld räumen will, hatte Steilmann schon vor Jahren gesagt. Kein Wunder: Kaum einer kann über ein derart erfülltes Unternehmerleben zurückblicken wie er. Ende 1958 war der heutige Modekönig nach einer Lehre bei C & A mit geliehenen 40 000 DM gestartet, inzwischen leitet er einen Konzern mit rund 1,45 Mrd. DM Umsatz und über 18 000 Beschäftigten weltweit. Klaus Steilmann sitzt im "Club of Rome" und macht sich dort für eine ökologische Politik und für umweltbewusstes Wirtschaften stark. Er unterstützt den Reformprozess in Osteuropa, hat dort zahlreiche Produktionsstätten aufgebaut und ein deutsch-russisches Ausbildungsprogramm für Unternehmer an der staatlichen Lommonossov Universität gegründet. Nebenher ist der Wahl-Wattenscheider auch noch Honorarkonsul der Ukraine. Doch Stress und Anspannung machen sich zunehmend bemerkbar, Kettenraucher Steilmann möchte es gerne ruhiger angehen. Den Chefsessel will der bekennende Fußball-Fan daher mit dem beschaulicheren Vorsitz im Beirat oder Aufsichtsrat tauschen. Und wieder mehr Zeit für sein großes Hobby - den Fußball und die SG Wattenscheid 09 - gewinen.

Lange gedulden muss er sich nicht mehr. Der Neue ist bereits gefunden und soll schon im Herbst die Geschäfte übernehmen - als Sprecher der Geschäftsführung. Hand in Hand damit geht der Umbau des Familienunternehmens Klaus Steilmann GmbH & Co. KG. Neu gegründet wird eine Holding, die über die verschiedenen Firmentöchter wachen soll. Die Eigentümer der neuen Holding sind identisch mit den Eigentümern der alten Kommanditgesellschaft - die Familienmitglieder bringen ihre Anteile in die Holding ein. Die neue Dachgesellschaft soll später in eine Familien-AG umgewandelt werden. Auch der Gang an die Börse ist nicht länger ausgeschlossen. Doch das ist Zukunftsmusik, ein Zeitpunkt für den Börsengang steht noch nicht fest.

Obwohl künftig ein Externer die Geschäfte führen wird, bleibt die Familie im Boot und in der Geschäftsführung. Auch Britta könne jederzeit in den heimischen Betrieb zurückkehren, betont Klaus Steilmann. Ausschließen will der Vater die Rückkehr der verlorenen Tochter nicht - doch ob und wann Britta wieder Einzug in die Zentrale im Herzen des Ruhrgebiets halten wird, weiß niemand. Nur eines ist klar: "Jetzt noch nicht", sagt der Vater. Und der muss es wissen.

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