Wirtschaft : Der neue Konzern wird nach der Fusion zur Spitzengruppe deutscher Industriekonzerne zählen

ews/jsn

Der Vorstandsvorsitzende der Viag, Wilhelm Simson, zeigt sich optimistisch, dass die ausserordentlichen, vorsorglich für zwei Tage einberufenen Hauptversammlungen (HV) von Viag und ihrem Fusionspartner Veba im Februar grünes Licht zur Verschmelzung geben werden. Durch eine umfassende Berichterstattung würden die Aktionäre ausführlich informiert, sagte der Viag-Chef im Gespräch mit dem Handelsblatt. Die Veba-HV findet am 10. Februar in Düsseldorf, die von Viag vier Tage später in München statt. Der neue Konzern wird mit 150 Milliarden Mark Umsatz und über 200.000 Beschäftigten zur Spitzengruppe deutscher Industriekonzerne zählen.

"Wir wollen ein integrierter Energiedienstleister werden, der eine aktive führende Rolle im europäischen Konsolidierungsprozess spielt," definiert Simson die Unternehmensziele. Das bedeutet Abschied von der Konglomerats-Idee bei beiden Partnern. "Wir können nun einmal nicht alle Gebiete gleichzeitig ausbauen, um überall erste Positionen zu besetzen", betonte Simson weiter. Der Viag-Chef gibt aber auch zu Bedenken, dass in Zeiten des Umbruchs nicht alles auf eine Karte gesetzt werden dürfte. Deshalb werden neben den Kerngeschäften - Energie und Chemie - auch die Aktivitäten in der Telekommunikation (Viag Interkom) und im Immobilienbereich (Viterra) weiter entwickelt. Auch die Sparte Aluminium werde weiterhin gepflegt.

In der Chemie, für die Simson im neuen Holdingvorstand verantwortlich sein wird, soll die Integration schneller als geplant durchgezogen werden. In den ersten beiden Monaten 2000 werde mit der Unternehmensberatung Roland Berger die neue Chemiestruktur ausgelotet. "Wir wollen das feinste Feinchemieunternehmen der Welt werden. Wir haben uns vorgenommen, den Integrationsprozess von SKW-Goldschmidt und Degussa-Hüls beschleunigt zu starten," erläuterte Simson.

Ob die Rütgers AG, Essen, die über die RAG AG (früher Ruhrkohle), Essen, zum Beteiligungskreis der Veba gehört, in diesen Verbund eintreten könne, wollte der Viag-Chef nicht als "erste Option" einstufen. Das sei auch angebracht, weil die RAG-Beteiligungsverhältnisse kompliziert seien und angesichts der Kohle-Subventions-Problematik nicht einfach zu zerschlagen seien.

Die Telekommunikationssparte der Viag habe in der letzten Zeit zu einem steilen Höhenflug angesetzt. Die Europastrategie werde voll aufgehen, erklärte Simson. Wenn in der Schweiz die Orange-Anteile übernommen werden, könne ein geschlossenes Gebiet mit 100 Millionen Einwohnern abgedeckt werden. Schon jetzt stünden 1,6 Millionen Kunden in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein in den Karteien. "Dies hätte uns vor kurzem noch keiner zugetraut."

Kräftig zulegen muss der fusionierte Konzern, dessen Name noch immer gesucht wird, in der Energiesparte. "Wir wollen im Strom und Gas wachsen", so Simson. Auf dem Weg zum "European Power House" müsse der Zugang zur Primärenergie Gas noch geschaffen werden. Hier böten sich Joint Venture mit internationalen Partnern an. Dagegen bestehe beim Gas schon eine gute Positionierung im Endverbrauchergeschäft. Ein Drittel der deutschen Haushalte würde durch den neuen Konzern erreicht.

Zu den Gesprächen mit den Kartellbehören in Brüssel und Bonn gehen die Fusionspartner optimistisch. Liege eine Genehmigung des Bundeskartellamtes oder der EU-Kommission nicht bis Ende August vor, könne jeder der beiden Partner von dem Vertrag zurücktreten, teilten die beiden Konzerne in den Einladungen zu den außerordentlichen Hauptversammlungen Mitte Februar mit. Dies gelte auch, wenn es unerwartete Auflagen der Kartellbehörden gebe. Ein Rückzug sei auch möglich, wenn der Zusammenschluss nicht bis zum 31. Dezember 2000 wirksam geworden sei. Wie aus den Einladungen weiter hervorgeht, wird mit fusionsbedingten Einsparmöglichkeiten bei Energie und Chemie in Höhe von 1,5 Milliarden Mark im Jahr gerechnet.

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