Wirtschaft : Der niedrige Wechselkurs passt zur derzeitigen wirtschaftlichen Lage (Kommentar)

Bernhard Herz

Der Euro hat seit seiner Einführung rund 19 Prozent an Wert gegenüber dem US-Dollar verloren. Es sind vor allem drei Faktoren, die für die Abwertung verantwortlich gemacht werden. Erstens ist die Euro-Schwäche nach Ansicht vieler Skeptiker ein Zeichen dafür, wie problematisch das ganze Projekt einer gemeinsamen europäischen Währung ist. Dahinter steht der weit verbreitete Trugschluß, dass ein hoher Wechselkurs ein Zeichen für ökonomische Leistungskraft ist. Ein Blick zurück zeigt aber, dass die Abwertung des Euro teil einer Kurskorrektur ist.

Vor zwei Jahren, im Mai 1998, hatten die europäischen Regierungen offiziell den Start der Europäischen Währungsunion beschlossen. Danach gewannen die künftigen Eurowährungen innerhalb weniger Monate rund zehn Prozent gegenüber dem Dollar an Wert. Der Euro startete daher zum Jahresbeginn 1999 mit einem relativ hohen Wechselkurs. Die laufende Abwertung ist somit auch eine Korrektur des damaligen hohen Ausgangsniveaus.

Nach einer zweiten Sichtweise ist die teilweise wechselhafte und nicht immer verständliche Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) für die Abwertung des Euro verantwortlich. Sicherlich hat die EZB noch einen Nachholbedarf, was Transparenz und Stimmigkeit ihrer Politik angeht. Sie ist aber in vielerlei Hinsicht klarer in ihrem Ziel und in ihrer Politik als die US-Notenbank, die Hüterin des harten Dollar.

Schließlich wird der schwache Euro auch damit erklärt, dass Europa mittel- und langfristig schlechtere Wachstumsperspektiven habe als die Vereinigten Staaten. Offensichtlich hat Europa eine Reihe tiefgreifender Probleme, etwa strukturelle Defizite auf dem Arbeitsmarkt und bei den Staatsfinanzen. Da diese Faktoren sich jedoch nur sehr langsam ändern, können sie nicht die Euro-Schwäche der vergangenen Monate erklären.

Dagegen spricht viel dafür, dass die Euro-Schwäche mehr kurzfristiger Natur ist, also eher zyklische als strukturelle Ursachen hat. So wird im laufenden Jahr die amerikanische Volkswirtschaft schneller wachsen als Euroland und auch die Preise werden in den USA schneller steigen. Daher wird die amerikanische Notenbank die Zinsen wahrscheinlich schneller anheben als die EZB. Der Dollar bleibt eine attraktive Anlagewährung.

Wer aber hat eigentlich Probleme mit dem schwachen Euro? Ein niedriger Wechselkurs des Euro mag zwar nicht gut sein für das europäische Selbstwertgefühl. Aber der niedrige Wechselkurs passt zur derzeitigen weltwirtschaftlichen Lage. Noch immer ist die Güternachfrage in Euroland vergleichsweise gering und die Produktionskapazitäten sind nicht ausgelastet, auch wenn sich die konjunkturellen Aussichten zunehmend aufhellen. In den USA ist die Lage genau umgekehrt. Der sehr hohen Güternachfrage stehen voll ausgelastete Kapazitäten gegenüber. In dieser Situation wirkt der schwache Euro ausgleichend. Europäische Produkte werden billiger und damit konkurrenzfähiger. Umgekehrt wird die Nachfrage nach amerikanischen Gütern gebremst, wenn der starke Dollar amerikanische Exporte verteuert.

Soll die Europäische Zentralbank nun einen höheren Wechselkurs des Euro ansteuern? Nein. Aus gutem Grund ist das einzige Ziel der EZB die Sicherung der Geldwertstabilität. Gerade auch die deutschen Erfahrungen mit der D-Mark haben wieder und wieder gezeigt: Die beste Geldpolitik ist eine Politik der stabilen Preise. Deshalb soll die Europäische Zentralbank für einen stabilen inneren Wert des Euro sorgen, die Preise dürfen nicht steigen.

Konkret heißt das, die Inflationsrate in Euroland soll unter zwei Prozent bleiben. Von einem schwachen Euro könnte allenfalls die Gefahr einer "importierten Inflation" ausgehen. Gestiegene Importpreise könnten über höhere Lohnabschlüsse und zunehmende Kosten das Preisniveau nach oben treiben. Nur in einer solchen Situation sollte die Zentralbank die Zinsen anheben und eine restriktive Geldpolitik verfolgen - nicht, weil ihr Ziel ein starker Euro ist, sondern weil eine Abwertung inflationär wirken kann. Ein starker Euro ist also kein Ziel an und für sich, sondern allenfalls ein Mittel zum Zweck stabiler Preise.

Wie lange bleibt der Euro schwach? Euroland hat weniger gesamtwirtschaftliche Ungleichgewichte als etwa die Vereinigten Staaten. Das zunehmende amerikanische Leistungsbilanzdefizit wird den Dollar schwächen. Dagegen ist die Leistungsbilanz in Euroland im Überschuss. Die Inflationsraten sind in den USA höher als in Euroland, was mittelfristig ebenfalls Druck auf den Dollar bedeutet.

Schließlich dürfte sich die konjunkturelle Lücke zwischen den Vereinigten Staaten und Euroland in diesem und im nächsten Jahr weiter schließen. Alle vorliegenden Daten deuten darauf hin, dass das amerikanische Wirtschaftswachstum an Tempo verlieren wird, während der europäische Konjunkturzug weiter an Fahrt gewinnen wird. Dann passt auch ein schwacher Euro nicht mehr zur weltwirtschaftlichen Lage und entsprechend wird der Euro spätestens dann wieder aufwerten. Langfristig sind die Aussichten für die Währung der Europäer also deutlich besser als in der kurzen Frist. Das "Problem" des schwachen Euro wird sich von selbst lösen.Bernhard Herz ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bayreuth.

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