Wirtschaft : Der oberste Fährtensucher im Internet-Dickicht

Bernd Matthies

Bertelsmann ernennt den unauffälligen Medienprofi zum "Chief Creative Officer" - der Coup zur CebitBernd Matthies

Die beste Karriere-Strategie: sich unentbehrlich machen. Rolf Schmidt-Holtz beherrscht sie, das hat er spätestens bewiesen, als damals, 1990, beim "Stern" mal wieder in krisenhafter Schieflage ein Chefredakteur gesucht wurde. Herausgeber war er schon - warum also den anderen Job nicht gleich mitmachen? Zwar hatte niemand den Eindruck, man habe nun endlich Henri Nannens lang gesuchten Nachfolger gefunden; aber die Geräuschlosigkeit, mit der sich Schmidt-Holtz den Hamburger Schleudersitz passend machte und den notorischen Heckenschützen der Redaktion auswich, sprach dennoch für ihn.

Gemessen an Einfluss und Bedeutung war der heute 53-jährige Jurist und Ex-Journalist auf nahezu jeder Karrierestufe nach außen stets merkwürdig unauffällig, obwohl er als Vorstandschef der luxemburgischen TV-Holding CLT-Ufa zuletzt durchaus schon eine der Schlüsselpositionen der internationalen Medienszene besetzt hielt. Die meisten Schlagzeilen widmete ihm die Presse auf dem Nebenschauplatz Fußball - etwa, als er einen missratenen Putschversuch Untergebener beim Ufa-gesponsorten HSV zu reparieren hatte und sich im kleidsamen Büßergewand auf den Weg nach Hamburg machte. Da der Bertelsmann-Konzern ihn aber nun zum Vorstandsmitglied und obersten Fährtensucher ernannt hat, wird es mit der relativen Unauffälligkeit wohl endgültig vorbei sein.

Der Zeitpunkt der Beförderung markiert eine wichtige Zäsur: Schmidt-Holtz hat gerade eine zentrale Aufgabe zur Zufriedenheit seiner Auftraggeber gelöst. Die Fusion der Bertelsmann-Fernsehtochter Ufa mit der Luxemburger CLT zur größten europäischen Radio- und TV-Holding ist vollbracht, und die Übernahme der Mehrheit am TV-Sender Vox nach Murdochs Rückzug, von ihm maßgeblich in trockene Tücher gebracht, steht als Schlussstein für die endgültige Zweiteilung des deutschen Privatfernsehmarktes. Hier Bertelsmann, dort Kirch - das ist nun klar, und der Erwerb oder Verkauf gewisser Minderheitsanteile an RTL 2 und tm3 birgt kaum noch strategisches Potenzial.

Indessen fügte es sich gut und war gewiss kein Zufall, dass die Ernennung präzise zum Aufgalopp der "Cebit" in Hannover verkündet wurde. Die unentwegt expandierende Computer-Messe, die am Donnerstag beginnt, hat praktisch nur ein Thema: die Perspektiven der Kommunikation, drahtlos und per Internet. Und Schmidt-Holtz, der sich mit dem bescheidenen Titel "Chief Creative Officer" schmückt, soll Bertelsmann den Weg durch dieses Dickicht zeigen. Er ist, wie die Redakteure der Nachrichtenagenturen gestern etwas ratlos formuliert haben, "für die Strategie der Inhalte des viertgrößten Medienkonzerns der Welt verantwortlich".

Was das in der Realität bedeuten könnte, ist zumindest in Umrissen erkennbar. Bertelsmann wird beispielsweise versuchen, weitere Bestandteile seines Imperiums an die Börse zu bringen. Für Lycos und den Internet-Buchhändler Bol hat der Konzern entsprechende Absichten bereits bestätigt; weitere Kandidaten könnten die Hotelreservierungsfirma Trust sein und die EPS Electronic Systems, ein Software-Anbieter für Landkarten und Kataloge. Der vermutlich wichtigste Zukunftsmarkt aber ist in den nächsten Tagen Hauptthema der Cebit: die Aufrüstung des Handys zum universellen Kommunikationsinstrument.

Dies ist keinesfalls nur eine Frage verbesserter Computer-Chips, sondern berührt elementar politische Fragen, beispielsweise die der Frequenzvergabe. Denn die gegenwärtig genutzten Mobilfunknetze nach dem GSM-Standard sind zur Übertragung dicker Datenpakete kaum geeignet und zeigen ihre Grenzen schon, wenn es nur um simple E-Mails geht. Andererseits besetzen die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ein weites Frequenzspektrum, in dem enorme technische Möglichkeiten stecken - doch auf dem Weg dorthin sind politische Tabus großen Gewichts zu überwinden.

Schon seine Biografie prädestiniert Schmidt-Holtz zum Problemlöser auf diesem unübersichtlichen Terrain. 1977 begann er seine Laufbahn als Chef vom Dienst im Bundespresseamt unter Helmut Schmidts Regierungssprecher Klaus Bölling. Dann wechselte er mit Gespür für Karrierechancen die Seiten und wurde ARD-Fernsehkorrespondent im Studio Bonn. Mit diesem Job wurde er bundesweit bekannt, und es fiel wenig auf, dass er später als Leiter des Vorstandsbüros Information von Bertelsmann bereits eine wichtige Funktion bei seinem späteren Arbeitgeber übernahm. 1986 kehrte er zum WDR zurück, schien insofern als Fernseh-Chefredakteur die Weichen in Richtung einer späteren Pensionierung als Intendant und ARD-Vorsitzender gestellt zu haben - und verließ die Öffentlich-Rechtlichen doch schon zwei Jahre später, um Herausgeber beim "Stern" zu werden, der über das Verlagshaus Gruner + Jahr mehrheitlich Bertelsmann gehört.

1989 rückte Schmidt-Holtz in den Verlagsvorstand auf und sammelte erste Management-Erfahrungen, wurde 1990 auch "Stern"-Chefredakteur und wechselte schließlich 1994 als Vorstandsmitglied für TV/Film Europa zur neu geschaffenen Bertelsmann-Entertainment, in der die bisherigen Aktivitäten der Bereiche Bertelsmann Music Group (BMG) und Elektronische Medien zusammengefasst wurden. Wieder zwei Jahre später wurde er zusammen mit Remy Gresser Vorstandschef der CLT-Ufa-Gruppe, die mit inzwischen 22 Fernseh- und 19 Radiostationen in neun europäischen Ländern der größte kommerzielle Fernsehveranstalter Europas ist. In dieser Funktion baute der auffällig Unauffällige gegen die Kirch-Gruppe die Free-TV-Senderfamilie mit den Sendern RTL, RTL 2 und Super RTL auf, die er jüngst durch die Mehrheitsübernahme bei Vox arrondierte.

Das wäre genug für ein Managerleben. Aber gegenwärtig weiß niemand genau, wie es weitergeht auf dem Milliarden-Markt der Telekommunikation, auch Schmidt-Holtz nicht. Aber man traut dem Unentbehrlichen zumindest zu, die Wegweiser richtig zu lesen. Die ersten stehen auf der Cebit.

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