Wirtschaft : Der Ölpreis fällt wieder

Experten rechnen mit weiterem Rückgang, wenn sich die Lage im Irak und bei Jukos stabilisiert/Börsen legen deutlich zu

Bernd Hops

Berlin - Der Ölpreisanstieg ist gestoppt. Am Donnerstag fielen die Notierungen den fünften Handelstag in Folge. Experten rechnen mit einem weiteren Rückgang. Die Börsen reagierten mit Kursgewinnen. Der Dax legte um 1,15 Prozent auf 3832,28 Punkte zu. „Im Prinzip hat sich an der Lage bei der Ölversorgung nichts geändert. Aber es scheint endlich durchzudringen, dass keine Engpässe zu befürchten sind, selbst wenn die Lieferungen aus dem Irak für ein paar Tage unterbrochen werden“, sagte Barbara Meyer-Bukow, Sprecherin des Mineralölwirtschaftsverbands (MWV), dem Tagesspiegel. Laut BP-Aral gaben auch die Tankstellenpreise wieder etwas nach. Ein Liter Super kostete im Bundesschnitt 1,189 Euro, einen Cent weniger als am Vortag.

Ein Barrel Öl (159 Liter) zur Auslieferung im Oktober kostete am Donnerstag in New York 43 Dollar. Das sind 0,50 Dollar weniger als am Vorabend und rund 13 Prozent unter dem historischen Höchststand von 49,40 Dollar Ende vergangener Woche. Damals rechneten die meisten Analysten damit, dass der New Yorker Ölpreis bald die Marke von 50 Dollar knacken würde. Doch am vergangenen Freitagabend begann die Blase, Luft zu verlieren. In den letzten Handelsminuten gab der Ölpreis deutlich nach – und hat seitdem jeden Tag weiter an Boden verloren. Mittwochabend geriet er besonders stark unter Druck, weil die Wochendaten zu den US-Öl- und Benzinvorräten besser ausfielen als erwartet.

„Von einem Trend zu sprechen, wäre noch etwas zu früh“, sagte Helmut Buchmann, Marktexperte des Fachdienstes Oil Market Report (OMR). „Aber wir haben einen Riesenschritt gemacht.“ Und die Chancen auf einen – begrenzten – Preisrückgang seien gut, weil wichtige Kursmarken, an denen sich spekulative Käufer wie Hedge Fonds oft orientieren, unterschritten worden seien. Jetzt hänge alles davon ab, ob es neue Negativschlagzeilen zur Ölversorgung gebe und wie sich vor allem die zuletzt sehr aktiven US-Investmentfonds verhalten werden, sagte Buchmann. Noch sind überdurchschnittlich viele spekulative Anleger auf den Ölmärkten aktiv. Darauf deutet die Zahl der offenen Ölkontrakte sowohl an der New Yorker Warenterminbörse als auch in London hin.

Eine weitere Entspannung beim Öl dürfte auch den Aktienmärkten helfen. Tammo Greetfeld, Aktienstratege der Hypo-Vereinsbank, sagte: „Der Ölpreis war der zentrale Belastungsfaktor für die Aktienmärkte. Eine Entspannung wirkt sehr positiv auf die Kurse.“ Angesichts der verbesserten Lage am Ölmarkt sei zum Beispiel beim Dax „noch etwas Luft nach oben drin“. Doch müsse sich die Situation weiter stabilisieren. Es fehle noch das Vertrauen, dass der Ölpreisrückgang anhält, sagte Greetfeld. Denn dafür fehlten noch fundamentale Nachrichten – wie eine Einigung zwischen dem russischen Staat und dem Ölkonzern Jukos oder verstärkte Aussichten darauf, dass sich der Irak politisch stabilisiert. Auch Anschläge im Vorfeld der bevorstehenden US-Präsidentschaftswahlen würden von einigen befürchtet, was zu einer weiteren Terrorprämie beim Ölpreis führe.

Etwas optimistischer äußerte sich Claude Mandil, Direktor der Internationalen Energieagentur (IEA) in Paris. Er sagte in einem Interview mit der französischen Wirtschaftszeitung „La Tribune“, die Befürchtungen der Ölmärkte über die möglichen Auswirkungen des Steuergezerres um Jukos und die politischen Schwierigkeiten des wichtigen Ölexporteurs Venezuela hätten sich als „übertrieben“ erwiesen. Deshalb seien die jüngsten Preissteigerungen „teilweise nicht gerechtfertigt“ gewesen, da das weltweit geförderte Öl immer noch den Bedarf übersteige. Mandil sagte, der Markt brauche nicht mehr Erdöl, sondern „mehr Vertrauen und Ruhe“.

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