Wirtschaft : Der Osten kommt: Mit Stein und Mörtel ins weltweite Netz

Dagmar Rosenfeld

Wie ein Oktopus, der mit seinen acht Fangarmen jede Beute erwischt, die sich in seinem Umkreis bewegt, greift die Mühl AG nach jeder Chance, die der Markt bietet. Und wie kaum ein anderes Unternehmen in der krisengeschüttelten Bauwirtschaft ist die Mühl AG seit Jahren auf Wachstumskurs: In 2000 setzte der thüringische Baustoffhändler, der rund 4000 Mitarbeiter beschäftigt, 1,3 Milliarden Mark um und steigerte seinen Vorsteuergewinn von 29,1 Millionen auf 39,3 Millionen Mark.

Während die deutsche Bauindustrie, die erst vor wenigen Wochen ihre Konjunkturprognosen nach unten schrauben musste, in diesem Jahr einen Umsatzrückgang von fünf Prozent erwartet, rechnet der Vorstandsvorsitzende der Mühl AG, Thomas Wolf, mit weiterem Wachstum: "2002 erreichen wir zwei Milliarden Mark Umsatz." Dass das 1990 im thüringischen Kranichfeld gegründete Unternehmen trotz der seit Jahren anhaltenden Baukrise heute die Nummer drei im deutschen Baustoffhandel ist, geht auf das Konto des umtriebigen Vorstandsvorsitzenden: Der Abwärtstrend machte aus Wolf den Entdecker der Möglichkeiten. "Wir haben die Dienstleistungen rund um unser Produkt ausgeweitet und so der Krise getrotzt", erklärt Wolf. Nicht nur Unternehmenschef Wolf, sondern auch Analysten sehen hierin den Grund für den Erfolg der Mühl AG. "Durch den kontinuierlichen Ausbau der Dienstleistung konnte Mühl stets Ergebniszuwächse aufweisen", urteilen die Analysten der Sachsen Landesbank. Derzeit liegt die Aktie bei 8,30 Euro. Aber das 2002er Kurs-Gewinn-Verhältnis von neun und eine Dividendenrendite von 3,6 Prozent sollten den Kurs auf über 20 Euro steigen lassen, prognostiziert die Sachsen LB.

Begonnen hat die deutsch-deutsche Erfolgsgeschichte 1989 als sich Thomas Wolf gegen die Vereinigten Staaten und für das vereinte Deutschland entschied: Anstatt eine Dozentenstelle für Betriebswirtschaft in den USA anzunehmen, übernahm er den elterlichen Baustoffhandel mit 30 Mitarbeitern in Wölfersheim bei Gießen. Beim Aufbau Ost wollte Wolf ganz vorne mit dabei sein, und so wurde Wölfersheim zur Basisstation für seine Expedition ins ehemalige Honecker-Reich. Im Schatten der Niederburg, dem Wahrzeichen der thüringischen Stadt Kranichfeld, entdeckte Wolf dann die riesigen Lagerhallen der Bäuerlichen Handelsgenossenschaft (BHF), die bis unters Dach mit Baumaterialien gefüllt waren. "Der Standort war ideal", erinnert sich Wolf. Er kaufte das BHF-Gelände samt Lagerbestand und gründete mit 14 Mitarbeitern den Thüringischen Baustoffhandel. Eine blaue Windmühle wurde damals zum Firmenzeichen des ersten deutsch-deutschen Joint Ventures und ein schwarzer Koffer zum Markenzeichen des Unternehmenschefs. "Die Mühle verkörperte Kraft und Stärke, der Koffer meine Verbindung zur Außenwelt", erklärt Wolf. Denn Anfang der 90er Jahre waren Mobiltelefone noch unhandliche schwarze Kästen, aber im Festnetz-freien Ostdeutschland unerlässlich.

Fünf Jahre später war Wolfs Betrieb zwar ans Telefonnetz angeschlossen, doch musste Mühl nun um den Anschluss an den wirtschaftlichen Aufschwung fürchten: Der ostdeutsche Baumarkt brach um 20 Prozent ein. Gab es 1995 in der ostdeutschen Baubranche fast 11 200 Betriebe mit mehr als 20 Mitarbeitern, so waren es ein Jahr später nur noch 10 700. Heute zählt die Bauwirtschaft in den neuen Bundesländern gerade 8600 Unternehmen. Kein Wunder, dass im vergangenen Jahr in Ostdeutschland 40 Prozent der Insolvenzen auf das Konto der Bauwirtschaft gingen - ein Spitzenwert. Zum Vergleich: Im Westen liegt der Anteil bei 20 Prozent.

Die Krise erwischte 1995 auch den thüringischen Baustoffhändler. "Für mich gab es zwei Möglichkeiten - abwarten oder mit neuen Ideen durchstarten", erinnert sich Wolf. Er entschied sich für die letztere Variante. Während andere Betriebe mit Stellenabbau und Kostenreduzierung der Baukrise zu trotzen versuchten, ging Wolf auf Einkaufstour. Sein Ziel: Standorte in der ganzen Republik zu erwerben, um ein Vertriebsnetz für den Internethandel mit Baustoffen aufzubauen. Das nötige Geld verschaffte sich Wolf, indem er sein Unternehmen 1995 an die Börse brachte.

Rund 200 000 Baustoffe bietet Mühl mittlerweile im Internet an. Die Handwerker können die Artikel online bestellen und bekommen sie dann von der Mühl-Tochter E-Logistic direkt zur Baustelle geliefert. "Die Produkte via Internet zu verkaufen ist nicht schwer", sagt Wolf. "Die eigentliche Herausforderung liegt im Transportwesen." Und das sei für sein Unternehmen mit deutschlandweit 140 Standorten kein Problem. Zudem werde durch das Tochterunternehmen E-Logistic das gesamte Prozessmanagement aus einer Hand abgewickelt - vom Wareneingang bis zur Auslieferung.

1997 wechselte die Mühl AG dann an den Neuen Markt und Wolf machte aus dem traditionellen Old-Economy-Betrieb eines der führenden Technologieunternehmen im deutschen Bauwesen. Die Entwicklung von Ausschreibungs- und Kalkulationssoftware gehört heute zu den wichtigsten Geschäftsfeldern der Mühl AG. Denn Wolf nutzt das World Wide Web nicht nur als virtuellen Handelsplatz, sondern auch als Treffpunkt für die gesamte Baubranche.

Auf der Mühl-Internetplattform kann der Architekt seine Ausschreibungen machen, der Handwerker errechnet mit der Kalkulationssoftware die Preise, schickt dem Architekten den Kostenvoranschlag online zu und kann dann die Baustoffe direkt bei Mühl bestellen. So wird das Bauen nicht nur schneller, sondern auch billiger. "Die Baukosten können um ein Drittel reduziert werden", betont Wolf. Dass die eigenen vier Wände nicht teuer sein müssen, beweist er auch mit seinem jüngsten Produkt "Volkshaus": Für 50 000 Mark erhält der Kunde das komplette Material zum Selbstbauen eines Einfamilienhauses - von der Bodenplatte bis zur Tapete.

Es scheint fast so, als ob durch die Baukrise die Kreativität des Mühl-Chefs beflügelt wird: Je tiefer die Branche in die roten Zahlen rutscht, desto ideenreicher ist Wolf. Der Baustoffhändler will sich nun auch als Finanzdienstleister betätigen und seine klein- und mittelständischen Kunden mit Krediten versorgen. "Wenn ein Handwerker bei Mühl seine Baustoffe kauft, bekommt er bei uns auch die Möglichkeit zur Finanzierung", sagt Wolf. Denn so mancher Handwerksmeister wüsste heute nicht, wovon er morgen Ziegel und Mörtel finanzieren solle, da er erst nach Auftragserledigung bezahlt werde. "Das Finanzgeschäft ist für uns ein gigantischer Wachstumsmarkt, weil den Banken bei der Kreditvergabe oft die nötige Branchenkenntnis fehlt", sagt Wolf. Schon heute vermittelt die Mühl AG gemeinsam mit der Schweiz Diskont AG erfolgreich Bürgschaften an deutsche Handwerksbetriebe.

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