Wirtschaft : Der Osten kommt: Mit Windkraft verdient man in der Uckermark Geld

Nicole Dörr

123 riesige Windräder kann Jörg Müller mit bloßem Auge vom Hügel über dem Dorf erkennen. Mehr Windriesen als Einwohner umgeben den Ort Nechlin in der Uckermark. Mit seinem Unternehmen Enertrag erzeugt Müller Strom aus Windenergie, und zwar mit 450 Megawatt Jahresleistung so viel, dass man damit 160 000 Haushalte versorgen könnte. Von Nechlin aus eroberte der 37-Jährige mit seinen 100 Meter hohen Windkraftanlagen die Uckermark und den deutschen Markt. Im September wird Enertrag in der Uckermark den größten Windpark Europas mit 80 Windrädern einweihen.

Grafik: Nechlin Den Aufstieg verdankt Müllers Unternehmen dem Energie-Einspeise-Gesetz von 1991, dessen Neuregelung den Erzeugern von Windenergie seit April 2000 17 Pfennige für die gelieferte Kilowattstunde Strom garantiert. "Wir betreiben schon jetzt 175 Windkraftanlagen in Deutschland", sagt Müller. Jede der Windkraftanlagen ist fünf Millionen Mark wert. Beim Boom in der Windenergie-Branche verdoppelte Enertrag seinen Umsatz in nur einem Jahr knapp von 94 auf 172 Millionen Mark und zählt nach eigener Einschätzung zu den größter Unternehmen in der deutschen Windenergiebranche.

Für die angeschlagene Uckermarker Wirtschaft ist Enertrag als Investor herzlich willkommen: "Seit der Wende blieben nur eine Handvoll Betriebe im produzierenden Gewerbe übrig", so der Leiter des Amts für Wirtschaftsförderung, Dieter Tramp. Bei einer Arbeitslosenquote weit über 20 Prozent sind die 76 von Enertrag geschaffenen Arbeitsplätze fast schon eine kleine Sensation in der dünn besiedelten Region, der die Jüngeren den Rücken kehren, um andernorts Arbeit zu finden.

Angefangen hatte für Windenergie-Betreiber Müller alles mit drei Windrädern. Anfang der neunziger Jahre baute der Familienvater sein Unternehmen im eigenen Wohnhaus in Nechlin auf. Als der Platz für die modernste Computertechnik zur Verwaltung von immer mehr Windrädern nicht mehr reichte, renovierte Müllers Crew ein altes Gut im 17-Seelen-Ort Dauerthal. Von dort brausen heute die Mitarbeiter von Enertrag Energiedienst mit Geländejeeps über holprige Feldwege und kümmern sich um die Instandhaltung der Hightech-Windräder, die per Modem oder Standleitung mit dem Büro vernetzt sind. Mit dem Boom der Windenergiebranche wuchs auch Enertrag, so dass bald auch der gerade umgebaute Gutshof aus allen Nähten platzte. "Es fehlt uns an Mitarbeitern, und das, wo wir die Zahl der Windkraftanlagen verdoppeln wollen", erklärt Müller, der jetzt kurzerhand auch noch das Wohnhaus eines Nachbarn zum Büro umbaute. In einem der Räume fehlt noch der Telefonanschluss. Der Gummi im Innern der 44 gerade erst fertig gestellten Windrädern riecht genauso neu, wie der Teppich unter Müllers Füßen. "Am Anfang musste ich mir erstmal ein Buch über Gesellschaftsrecht in die Hand nehmen", sagt Müller, der in Moskau Kernenergie studierte und sich auf Reaktorsicherheit spezialisierte: "Reaktorunfälle wie Tschernobyl machen klar, dass Atomenergie ausgedient hat." Müller würde am liebsten den Gesamtstrombedarf Deutschlands aus regenerativen Energiequellen erzeugen. "Dazu bräuchte man allerdings eine Fläche von 2-3 Prozent der Bundesrepublik." Und Standortflächen für Wind-oder Solarenergieanlagen sind schon zu Hause in der Uckermark knapp, wo die Windräder wie Pilze aus dem Boden sprießen.

Enertrags Erfolg ist hier umstritten. Ganze 17 Bürgerinitiativen haben sich in der bevölkerungsarmen Uckermark gegen Windenergiebetreiber gebildet: "Diesen Unternehmen geht es allein darum, Geld zu verdienen. Sie nehmen keine Rücksicht auf die Lärmbelästigung für die Bewohner oder geschützte Vogelarten", empört sich die Vorsitzende des Uckermärkischen Umwelt- und Landschaftsschutzverbandes, Iris Drews. Der Druck der Öffentlichkeit auf Enertrag erhöhte sich so sehr, dass unlängst sogar Korruptionsvorwürfe laut wurden: "Enertrag soll einen Amtsdirektor bestochen haben, um die Genehmigung für noch mehr Standorte für Windräder zu erhalten", Umweltschützerin Drews. Müller dagegen weist die Vorwürfe zurück. Wie auch immer: Zumindest zeigt die Ausseinandersetzung, dass es nicht nur in der Uckermark, auch in der relativ dicht besiedelten Bundesrepublik enger wird bei über 10 000 bereits errichteten Windkraftanlagen. Auch wenn der Boom in der Windenergiebranche noch einige Jahre anhält, denkt die Unternehmer bereits in internationalen Dimensionen. Norbert Allnoch, Leiter des Internationalen Wirtschaftsforum Regenerative Energien an der Uni Münster hat errechnet: "Projektbetreiber wie die Enertrag verbessern ihre Bestandsperspektiven, wenn sie ihr Know-how exportieren." Genau dies plant Müller, der mit der Enertrag France SRL und der Enertrag UK Limited eigene Gesellschaften gründete und auch Projekte in Polen und Lettland am Start hat. Noch mehr Ertrag verspricht nach Allnochs Einschätzung Enertrags geplante Beteiligung im so genannten "Offshore"-Geschäft. Dabei handelt es sich um noch größere Windräder, die den Wind vor der Küste der Nordsee ausnutzen.

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