Wirtschaft : Der Osten kommt: Prost, Aufschwung Ost

Elke Bodderas<p>,Eva Bahner

Ostdeutschland zwischen Euphorie und Pessimismus: Hier Milliardeninvestitionen in der Fahrzeug- und Chipindustrie, dort Massenarbeitslosigkeit und Abwanderung. Welche Unternehmen prägen den Standort Ost wirklich? Tagesspiegel-Redakteure haben kleine Mittelständler und börsennotierte Unternehmen besucht. Ihre Reiseberichte lesen Sie montags und donnerstags. Näheres unter www.tagesspiegel.de/unternehmen-ost . Kommenden Donnerstag: Der Windradbauer Enertrag AG in Nechlin.

Schwarzbier muss man mögen. Die Thüringer lieben es sogar: Im Schnitt trinkt jeder 2,6 Liter Köstritzer-Schwarzbier jährlich, niemand in Deutschland trinkt mehr davon. Auch Diät-Pils muss man mögen. Und auch davon trinken Ostdeutsche mehr als Westdeutsche, sogar fast das Doppelte. Sie trinken es schon aus Tradition, denn das leichte Bier war zu DDR-Zeiten eine der wenigen Sorten, die ungetrübten Pils-Genuss versprachen - als das Ost-Bier nur sieben Tage lang haltbar war, die Rohstoffe minderwertig waren und die Brauer dem Reinheitsgebot keine Beachtung schenkten.

Die Schere der Trinkgewohnheiten zwischen Ost und West will Köstritzer nun schließen. Nach dem Schwarzbier wollen die ostdeutschen Brauer nun auch ihr Diät-Pils im Westen verstärkt verkaufen. Dabei nimmt es die Brauerei sogar mit bayerischem Bierstolz auf und tritt gegen den Marktführer Maisels aus Bayreuth an. "Wir sind im Osten schon jetzt die Nummer eins", verkündet Köstritzer-Geschäftsführer Alfred Pitschel selbstbewusst, "da ist es durchaus realistisch, dass wir Maisels Diät-Pils in drei bis vier Jahren den Rang ablaufen." In fünf bis acht Jahren wollen die Köstritzer rund 100 Hektoliter Diät-Pils verkaufen. Im Moment ist es noch knapp die Hälfte, das meiste trinken Frauen und Jugendliche. Pitschel setzt auf die allgemeine Fitness- und Schlankheitswelle. Seit Beginn diesen Jahres verkauft Köstritzer das Diät-Pils deutschlandweit. Zur Zeit macht das leichte Bier noch 7,1 Prozent des Absatzes der Brauerei aus. "Wir haben zwar noch keine spezielle Vermarktungsstrategie und wir werben noch nicht wie beim Schwarzbier, dafür haben wir den Verkauf über Infoprospekte unterstützt", sagt Pitschel. Bundesweit hat Diät-Bier einen Marktanteil von gerade mal 0,5 Prozent. "Aber wenn wir uns von dem kleinen Kuchen das größte Stück abschneiden, dann ist das schon ganz gut", sagt der Geschäftsführer.

Die kleine Brauerei aus dem thüringischen Bad Köstritz setzt auf die Vertriebskraft ihrer rheinland-pfälzischen Mutter Bitburger. Die hatte im April 1991 das ostdeutsche Traditionshaus übernommen, das mit rund 450 Jahren eine der ältesten Brauereien in Deutschland ist. Und auch eine der modernsten: Nach den Investitionen aus Bitburg von rund 85 Millionen Mark sind in dem kleinen thüringischen Städtchen neue Brau- und Abfüllanlagen entstanden. Knapp 200 Mitarbeiter arbeiten hier, die einen Jahresumsatz von rund 150 Millionen Mark erwirtschaften.

Das "Schwarze mit der Blonden Seele" - so der Werbespruch - ist seit September 1993 deutschlandweit im Angebot. Seitdem hat die Brauerei zahlreiche Preise kassiert, von CMA-Qualitäts- bis hin zu Werbepreisen. Bis zum vergangenen Jahr stieg der Schwarzbierumsatz stetig. Nach der Wende hatte es gar nicht danach ausgesehen: die Ostdeutschen hatten die schlechte Qualität ihres Bieres satt und probierten stattdessen Westbier, das ostdeutsche Lebensmittelregale und Kneipen überschwemmte. Während im Osten vor der Wende noch rund 25 Millionen Hektoliter pro Jahr verkauft wurden, blieben nach der Wende gerade acht Millionen übrig.

Nur 90 von ehemals 180 ostdeutschen Brauereien konnten sich damals auf dem Markt behaupten. Doch bald besannen sich die Ostdeutschen auf ihre altbekannten regionalen Marken - und entdeckten die mit Hilfe gewaltiger Investitionen verbesserte Qualität. Der Ossi trank wieder Ostbier und der Verkauf von Köstritzer Schwarzbier verzehnfachte sich innerhalb von vier Jahren. Insgesamt stieg der Absatz von rund 30 000 Hektolitern im Jahr 1993 auf gut 400 000 Hektoliter im vergangenen Jahr. Die Brauerei macht Gewinne und exportiert mittlerweile in 20 Länder, darunter USA, Österreich und Schweden. Eine richtige Erfolgsgeschichte.

Den Schwarzbiermarkt beherrscht Köstritzer mit einem Anteil von 32 Prozent. Insgesamt buhlen 150 Hersteller um die deutschen Schwarzbiertrinker. Rund ein Drittel der Flaschen von Köstritzer findet den Weg in den Westen. Doch längst wissen die Aufsteiger aus dem Osten, dass sie die neu gewonnen West-Biertrinker auf Dauer nur schwer bei der Flasche halten können, denn der Reiz des Neuen dauert nicht ewig an. Außerdem ist den Deutschen die Lust auf Bier vergangen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts ist in den ersten drei Monaten 2001 hier zu Lande mit 20,8 Millionen Hektolitern 2,7 Prozent weniger Bier getrunken worden als im Vorjahresquartal.

Die Folgen bekommt auch die ostdeutsche Brauerei zu spüren: Köstritzer Schwarzbier verzeichnete in diesem Jahr fast ein Prozent weniger Absatz als im letzten Jahr, der Gesamtabsatz von Bier ging um 1,7 Prozent zurück. "Es wird in diesem Segment vermutlich keine exorbitanten Zuwachsraten mehr geben", glaubt Pitschel, "der Markt ist gesättigt."

Doch während der deutsche Bierdurst ständig zurückgeht, erweisen sich Biermischungen wie Radler als echte Renner. Von den Mischgetränken wurden 300 000 Hektoliter abgesetzt - 10,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Von diesem Trend will auch Köstritzer profitieren: Die Brauerei wird Anfang nächsten Jahres das erste Biergemisch auf den Markt bringen. "Verbrauchergruppen testen im Moment noch verschiedene Mischungen, das endgültige Getränk steht noch nicht fest", sagt Geschäftsführer Pitschel. Es werde wohl auf ein Gemisch von Bier, Cola und einem dritten Getränk hinauslaufen. "Genaueres wird noch nicht verraten, das ist unser Geheimnis." Aber Pitschel ist zuversichtlich, dass auch die Bayern das Gebräu trinken. Prost, Aufschwung Ost!

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