Wirtschaft : "Der Pate des Kreml": Ein Pionier des russischen Kapitalismus

Alia Begisheva

Am späten Nachmittag des 7. Juni 1994 kam ein Mann aus dem Gebäude der Lada-Handelskette Logowas im Zentrum von Moskau und stieg in einen Mercedes. Wenige Minuten später, als der Wagen in eine enge Gasse einbog, explodierte ein dort abgestellter und mit Sprengstoff beladener Opel. Der Mercedes-Fahrer wurde durch die Detonation enthauptet. Der Mann, der auf dem Rücksitz saß, rettete sich, den ganzen Körper in Flammen, aus dem Wagen. Die nächsten Monate verbrachte Boris Beresowski in einer Schweizer Klinik.

Laut späteren Aussagen der Moskauer Polizei war das "die heftigste" Explosion des Jahres. Ungewöhnlich war sie nicht. 1993 und 1994 explodierte jeden Monat in Moskau oder in irgendeiner anderen russischen Stadt eine Bombe, oder es kam zu Schießereien: Rivalisierende Banden kämpften um Industriebetriebe, riesige Ölvorkommen und Bergwerke, die privatisiert werden sollten. In dieser Zeit stieg Boris Beresowski ins Autohandelsgeschäft ein - einer der kriminellsten Sektoren der postsowjetischen Wirtschaft. Er gründete das russisch-schweizerische Joint-venture Logowas, das Ladas und Nivas vom Hersteller Awtowas billig kaufte, sie teuer verkaufte und die Gewinne auf Schweizer Konten deponierte. Weil in Russland keine Geschäfte ohne eine "kryscha" (Schutz) zu machen sind, freundete sich Beresowski mit besonders waghalsigen Beschützern an - der tschetschenischen Mafia. Für den britischen Journalisten Paul Klebnikow, der zwischen 1989 und 1999 als Russland-Korrespondent für das Wirtschaftsmagazin "Forbes" tätig war, ist Boris Beresowski "einer der Pioniere von Russlands eigentümlicher Version des Kapitalismus". 1996 hatte Klebnikow einen Überblick über die Karriere Beresowskis unter dem Titel "Der Pate des Kreml?" veröffentlicht. Daraufhin verklagte Beresowski das Magazin. Der preisgekrönte Journalist ließ sich jedoch nicht einschüchtern. Zwei Jahre später schrieb er ein Buch mit dem gleichen Titel. Aber ohne das Fragezeichen.

Von einem mittellosen Wissenschaftler - er ist promovierter Mathematiker und war zu Sowjetzeiten ein Mitglied der Akademie der Wissenschaften - ist Beresowski zum reichsten und mächtigsten Geschäftsmann Russlands aufgestiegen. Und Klebnikows Buch ist ein über 400 Seiten schweres Zeugnis seiner ebenso kriminellen wie genialen Laufbahn. Beresowski ist einer von den vielen, die die Gesetzlosigkeit in Russland ausnutzten und zu dieser beitrugen. Bloß war er besonders geschickt, besonders klug, besonders schnell, besonders skrupellos und hatte dabei besonders viel Glück. Doch Russland profitierte nicht von seinem Erfolg. Klebnikow schreibt: "Im Gegensatz zu Beresowski, der am liebsten bestehende Einrichtungen übernahm, schuf Wladimir Gussinski ganz neue Unternehmen. Er erhöhte tatsächlich den Wert der russischen Volkswirtschaft."

Gussinski, der im Westen als Eigentümer der vor kurzem unter spektakulären Umständen geschlossenen Fernsehkanals NTV bekannt ist, war Beresowskis Erzfeind. Beresowski beschuldigte ihn des Anschlags vom 7. Juni 1994 und versuchte laut Klebnikow mehrmals, den Mord an Gussinski in Auftrag zu geben. Doch 1996, als die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit Jelzins Regime wuchs, die Kommunisten an Einfluss gewannen und Beresowski um seinen Machterhalt bangte, schloß er Frieden mit seinem Rivalen. Die beiden legten ihre Milliarden zusammen und finanzierten den Wahlkampf Jelzins - die ausgegebenen Summen waren um einiges höher, als die russische Verfassung es erlaubte.

Beresowskis Aufstieg wurde begleitet von spektakulären Morden an seinen Konkurrenten. Es starb unter anderem der bekannteste russische Fernsehjournalist und Chef des Öffentlichen Russischen Fernsehens (ORT), Wlad Listjew. Keine der Taten ist aufgeklärt worden. Die Macht des Fernsehens erkannte Beresowski früh: 49 Prozent des ORT gehörten nach dem Mord Listjews ihm, auch der Kanal TV-6 und die Zeitungen "Nesawissimaja Gaseta" und "Kommersant".

Mit Hilfe seines Rufes als engster Vertrauter des Präsidenten setzte sich Beresowski bei der Privatisierung der lukrativsten Industriebetriebe durch. Beresowski übernahm "die Kontrolle über die Männer, welche die Regierung leiteten, und zwang den Staat, sein eigenes Wirtschaftsimperium zu vergrößern", so Klebnikow. Die kopflose Privatisierung führte letztendlich zum Bankrott des russischen Staates und zur Finanzkrise im August 1998, infolge derer Millionen von Russen ihre geringen Ersparnisse verloren. Dagegen hat die Krise Beresowski wenig geschadet: Heute gibt es fast keine Wirtschaftsmeldung aus Russland, in der der Name Beresowski nicht vorkommt. Seine Geschäfte sind unüberschaubar. Als Mitglied der Duma genießt er parlamentarische Immunität. Er besitzt die amerikanische Green Card und die israelische Staatsbürgerschaft.

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