Wirtschaft : Der Poker um Macht und Geld

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Von Corinna Visser

France Télécom ist beim Kampf um die Kontrolle des Mobilfunkanbieters Mobilcom einen entscheidenden Schritt vorangekommen: Vorstandschef und Firmengründer Gerhard Schmid ist entlassen. Das entschied der Aufsichtsrat am Freitag. Vorausgegangen war ein monatelanger Streit um die Strategie des Unternehmens, an dem die Franzosen 28,5 Prozent halten. Dabei stand sogar die Existenz der Firma aus Büdelsdorf mit knapp 6000 Mitarbeitern auf dem Spiel.

Doch gesichert ist die Zukunft von Mobilcom damit noch nicht. Zwar hat sich France Télécom in dieser Woche bereits mit einem Konsortium von 17 Banken, die Mobilcom 4,7 Milliarden Euro für die Investitionen in die neue Mobilfunktechnik UMTS geliehen haben, grundsätzlich auf eine Umschuldung des Kredits geeinigt. Bedingung ist jedoch, dass sich die Franzosen nun auch mit Schmid einigen. Denn France Télécom will die Kontrolle über Mobilcom. Dazu braucht sie aber wenigstens einen Teil von Schmids Aktien. Er und seine Frau halten gemeinsam 49,9 Prozent der Anteile.

Bereits im März hatte Schmid angeboten, seine Anteile für 22 Euro pro Aktie zu verkaufen. Bedingung war damals jedoch, dass bis 25. Mai eine Einigung mit den Banken erzielt wird. Der Termin ist verstrichen. Seither ist die Aktie weiter auf Talfahrt gegangen. Zuletzt forderte Schmid noch 17 bis 18 Euro pro Aktie. Doch das liegt deutlich über dem Durchschnittskurs der vergangenen 90 Tage von knapp 14 Euro. Diesen Durchschnittskurs müssen die Franzosen mindestens bieten – auch allen anderen Aktionären –, wenn sie mehr als 30 Prozent der Anteile erwerben wollen. So sieht es das deutsche Aktienrecht vor. Der Machtpoker geht also noch in eine letzte Runde.

Allzu hoch kann Schmid nicht pokern. Wenn er seine Anteile nicht verkauft, platzt das Geschäft mit den Banken, dann steht Mobilcom vor der Insolvenz. Doch die will auch France Télécom vermeiden. Das stärkt wiederum Schmids Position. „France Télécom kann kein Interesse daran haben, dass Mobilcom Pleite geht“, sagt Analyst Werner Stäblein von der BHF-Bank. Die Franzosen haben bereits neun Milliarden Euro in Mobilcom investiert, und wenn Mobilcom zumacht, „hat France Télécom kein Büro mehr in Deutschland“. Dieser Markt ist aber auch für die Franzosen interessant. Nicht zu unterschätzen ist auch der hohe Imageschaden, den France-Télécom-Chef Michel Bon erleiden würde, wenn sein teures Engagement in Deutschland sich als totaler Flop erweisen sollte.

Die Zeit spielt für die Franzosen. Denn im April war die Mobilcom-Aktie noch 18 Euro wert, Anfang Juni war sie jedoch bis auf sechs Euro gefallen. Am Freitag schloss sie bei 10,08 Euro. Mit jedem Tag sinkt also der gewichtete Durchschnittskurs der vergangenen 90 Tage und damit die Schwelle für das Mindestangebot. Der gewichtete Durchschnittskurs lag am Freitag bei etwa 14 Euro. Er wird weiter sinken, wenn sich der Kurs bei zehn Euro einpendelt – das ist der Preis, der zuletzt als mögliches Angebot der Franzosen kursierte. Nach Informationen des „Handelsblatts“ will France Télécom allerdings nicht bar, sondern mit Aktien ihrer Mobilfunktochtergesellschaft Orange bezahlen.

Angenommen, France Télécom einigt sich mit Schmid und die Franzosen übernehmen die Kontrolle bei Mobilcom: Zunächst werde das Unternehmen dann mit einer weiteren deutschen Tochtergesellschaft von Orange, dem Mobilfunkanbieter Hutchison Telecom, zusammengeführt, erwartet Analyst Stäblein. Dann kämen zu den 4,9 Millionen Mobilcom-Kunden noch die etwa 700000 Hutchison-Kunden hinzu. Das Wichtigste aber: Endlich könnte France Télécom den Geschäftsplan für den UMTS-Aufbau umschreiben und sich beim Aufbau des neuen Netzes an den Mindestanforderungen orientieren: bis Ende 2003 ein Netz aufzubauen, das 25 Prozent der Bevölkerung abdeckt. Schmid hatte ehrgeizigere Pläne – das war der Grund für den Streit mit den Franzosen.

Doch auch an diesen Regeln wird France Télécom arbeiten. Dass man mit den Lizenzbedingungen in Deutschland nicht einverstanden ist, hat France-Télécom-Chef Michel Bon schon oft zum Ausdruck gebracht. Er denkt vor allem daran, mit anderen kleineren Mobilfunkanbietern zusammenzuarbeiten. In Frage kommen E-Plus und O2 (früher Viag Interkom). So eine Zusammenarbeit verbieten die Lizenzbedingungen bisher jedoch. Rückenwind erhalten die Franzosen dabei von der EU-Kommission. Dort wird bereits laut darüber nachgedacht, den Handel von UMTS-Frequenzen zuzulassen. Mit einem Partner würden sich die Chancen für Mobilcom, vom ehemaligen Vermarkter von Mobilfunkverträgen zu einem echten Mobilfunknetzbetreiber aufzusteigen, deutlich erhöhen. „Ganz allein wird es Mobilcom im Zweifel nicht schaffen“, sagt Stäblein.

Ein Netzbetreiber zu werden, das war der Traum von Mobilcom-Gründer Schmid. Er wird Mobilcom nicht mehr dahin führen. Wer dann? Der Aufsichtsrat hat am Freitag den bisherigen Finanzvorstand Thorsten Grenz zum Vorstandschef berufen. In der Branche hält man diese Besetzung für eine Übergangslösung. Als Kandidat wird immer wieder Klaus Esser, der ehemalige Chef von Mannesmann, ins Spiel gebracht. „Der wird es garantiert nicht“, sagt Stäblein. „Auf Esser kommen die Leute nur, weil er seit der Übernahme von Mannesmann keinen Posten mehr in der Branche hat.“ Ihre Wahl können die Franzosen erst treffen, wenn sie wirklich die Kontrolle bei Mobilcom übernommen haben.

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