Wirtschaft : Der Preiskampf um Gaskunden fällt aus

Wingas-Chef Rainer Seele fordert mehr Rechtssicherheit / Nach den Stromkonzernen legt jetzt auch die Erdgas-Branche Investitionen auf Eis

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Berlin (fo). Von der Regulierungsbehörde für den Energiemarkt dürfen Verbraucher keine drastischen Preissenkungen für Erdgas erwarten. Davon geht Rainer Seele, Chef des zweitgrößten deutschen Ferngasgesellschaft Wingas, aus. Der Regulierer, der im Laufe dieses Jahres seine Tätigkeit aufnehmen wird, sollte „den Boden für mehr Wettbewerb und damit auch mehr Effizienz“ in der Strom und Gaswirtschaft bereiten. „Davon könnten auch die Verbraucher etwas spüren“, sagte Seele dem Tagesspiegel. Wenn nicht der Staat wieder auf die Idee komme, zusätzliche Steuern auf den Energieverbrauch zu erheben. Langfristig, so Seele, werde die wachsende Abhängigkeit Europas von Erdgasimporten zu höheren Preisen führen. Denn die Erdgas-Quellen lägen immer weiter weg – in Nordafrika etwa. Und damit steige der finanzielle Aufwand, das Gas zum Kunden zu bringen. „Wie dann die Preise sinken sollen, das kann ich mir kaum vorstellen“, sagte Seele weiter.

Einen Preiskampf um Endkunden wie vor einigen Jahren beim Strom wird es im Gasmarkt nicht geben, meint der Energiemanager. Dafür sei das Leitungsnetz im Vergleich zum Stromnetz nicht dicht genug. Und dafür herrscht offenbar auch nicht genug Wettbewerb um Kunden. Das Interesse, preiswertes Erdgas vom Vorlieferanten einzukaufen, scheint bei Stadtwerken nicht besonders hoch zu sein. Als Beispiel nennt der Wingas-Chef den Fall Eon-Ruhrgas. Nach den Auflagen des Wirtschaftsministers für seine Fusionsgenehmigung hätten alle Stadtwerke mit Ruhrgas-Verträgen sofort 20 Prozent ihres Bedarfs bei der Konkurrenz einkaufen dürfen ohne ihre Verträge zu kündigen. Von 55 Stadtwerken im Ruhrgebiet habe nicht eines diese Gelegenheit genutzt. Das Erdgas für den deutschen Markt kommt heute zu 18 Prozent aus heimischen Quellen. Russland liefert 31 Prozent, Norwegen 25 Prozent und die Niederlande 19 Prozent. Weitere Lieferanten sind Großbritannien und Dänemark. Doch die Quellen in Westeuropa versiegen langsam, die Briten fallen schon bald ganz als Lieferanten aus. So gewinnt vor allem Russland an Bedeutung.

Das beunruhigt viele Energiepolitiker. Sie fürchten eine zu einseitige Abhängigkeit. Zumal Erdgas eine wachsende Rolle in Deutschland spielen soll. Im Vergleich mit Kohle oder Erdöl ist die Stromproduktion aus Gas emissionsarm. Das passt zu den ökologischen Zielen der rot-grünen Bundesregierung. Gaskraftwerke sollten nach den ursprünglichen Plänen von Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) sogar Messlatte für die Verteilung neuer Zertifikate im Emissionshandel werden. Auch wenn die Idee zur Zeit vom Tisch ist: Durch die Abschaltung der Atomkraftwerke und den notwendigen Ersatz veralteter Kohlekraftwerke müssen in den nächsten Jahrzehnten rund 40 000 Megawatt (das entspricht etwa 40 Großkraftwerken) Kapazitäten neu gebaut werden – da rechnet sich die Gaswirtschaft gute Chancen aus. Heute werden nur sieben Prozent der Stroms mit Erdgas produziert.

Wingas-Chef Seele glaubt allerdings nicht, dass Gaskraftwerke vor einem Boom stehen. Viel wichtiger für die Volkswirtschaft sei es, verschiedene Energiequellen zu nutzen. Nur so könne auch die Versorgungssicherheit gewährleistet werden. Gebaut werden seit einigen Jahren allerdings kaum noch Kraftwerke. Nach der Liberalisierung des Energiemarktes 1998 gab es zunächst mehr Kraftwerkskapazität als Strom gebraucht wurde. Heute vermisst die Branche vor allem Sicherheit für ihre hohen und langfristigen Investitionen. Seele befürchtet, dass sich daran vorerst nichts ändern wird.

So hatte der Stromkonzern RWE vor wenigen Tagen bekannt gegeben, den Bau eines neuen Kohlekraftwerks auf Eis zu legen. Und vom Konkurrenten Vattenfall Europe ist bekannt, dass Pläne für neue Kraftwerke in Küstennähe vorerst in der Schublade bleiben. Wingas selbst hat gerade den 500 Millionen Euro teuren Bau einer Ferngasleitung von Mannheim an die österreichische Grenze „auf unbestimmte Zeit zurückgestellt“. Grund ist nach Angaben Seeles das Hin und Her in der Energiepolitik – in Berlin wie in Brüssel. Vor allem die EU-Kommission sei mit ihrem „deutlich erkennbaren Machtanspruch“ dabei, die nationale Energiepolitik an den Rand zu drängen. Investitionen in Gaspipelines müssten aber auf 25 bis 30 Jahre kalkuliert werden, sagt Seele. „Wir wären schon froh, wenn wir 15 Jahre Rechtssicherheit hätten.“

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