Wirtschaft : Der Reisekonzern macht ein überraschendes Übernahmeangebot für Thomson Travel Group

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Mit dem überraschenden Kaufangebot für den angeschlagenen britischen Konkurrenten Thomson Travel Group PLC hat der deutsche Reisekonzern C & N Touristik AG, Oberursel, die Weichen für den Weg zum europäischen Marktführer gestellt. Bei einem genannten Preis von 130 Pence pro Aktie liegt das Angebotsvolumen bei rund vier Milliarden Mark. Als neuer Branchenriese mit einem Gesamtumsatz von 19 Milliarden Mark würde die 1997 gegründete, gemeinsame Tochter der Karstadt Quelle AG und der Deutschen Lufthansa AG die Preussag-TUI-Gruppe (14 Milliarden Mark Jahresumsatz) von der Spitzenposition verdrängen.

Das Übernahmeangebot wurde am späten Montagabend vom Aufsichtsrat und den C & N-Gesellschaftern gebilligt, die zu diesem Zweck dem Unternehmen zusätzlich rund 750 Millionen Euro als Eigenkapital und Gesellschafterdarlehen zugeführt haben. "Der Zusammenschluß von C & N und Thomson wird sich für Arbeitnehmer und Kunden vorteilhaft auswirken", sagte C & N-Vorstandssprecher Stefan Pichler. Er geht davon aus, das Thomson seinen Aktionären die Annahme des Angebots empfehlen wird. Thomson Travel bat seine Aktionäre, sich zunächst neutral zu verhalten. Der Kurs der seit 1998 an der Londoner Börse notierten Thomson-Aktien zog nach der Bekanntgabe vom Tiefststand 95 auf 123 Pence an.

Zur C & N Touristik AG, die im Geschäftsjahr 1998/99 (31.10.) einen Überschuss von 121,6 Millionen Mark erwirtschaftete, zählen Veranstalter wie Neckermann, Terramar, Aldiana und Kreutzer sowie die Ferienfluggesellschaft Condor. 1998/99 wurden vom gegenwärtig drittgrößten europäischen Reisekonzern 10,4 Millionen Gäste betreut. Ein Fünftel des Umsatzes von 9,1 Milliarden Mark stammt aus den europäischen Nachbarländern mit den Schwerpunkten Belgien, Niederlande, Österreich und Polen. Erst vor wenigen Tagen hat C & N ein Angebot für die Übernahme des größten französischen Reiseveranstalters Havas Voyages gemacht.

Zur Thomson Travel Goup gehören unter anderem Großbritanniens größter Reiseveranstalter Thomson Holidays, die Reisebürokette Lunn Poly und die Ferienfluggesellschaft Britannia Airways. Die wichtigsten Auslandsaktivitäten liegen in Skandinavien, Polen und Irland. 1999 wurden 7,7 Millionen Reisen verkauft. Trotz einer 15-prozentigen Umsatzsteigerung auf drei Milliarden Pfund (etwa 9,6 Milliarden Mark) sank der Erlös um 40 Prozent auf 56,4 Millionen Pfund (180 Millionen Mark). Der als Krisenmanager in den Konzern geholte Chief Executive Officer Charles Gurassa sprach von einem "sehr enttäuschenden" Ergebnis, das primär durch schwache Nachfrage und hohe Vertriebskosten verursacht wurde.

Für die Mehrzahl der rund 350 Beschäftigten der am Flughafen Schönefeld beheimateten, deutschen Thomson-Tochter Britannia Airways GmbH kam das Übernahmeangebot völlig überraschend, sagte Hauptgeschäftsführer Mike McTighe. Es sei zu früh, um über mögliche Auswirkungen auf das Unternehmen zu spekulieren. Als Konkurrent von Condor startet Britannia seit 1997 mit inzwischen drei Großraumjets von 14 Flughäfen in die Karibik. 1999 wurde der Umsatz um 66 Prozent auf 83,4 Milliarden Pfund (266 Millionen Mark) gesteigert, der Vorsteuergewinn lag bei einer Million Pfund (circa 3,2 Millionen DM).

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