Wirtschaft : Der richtige Zeitpunkt entscheidet beim Aktienkauf

PETER HEIN

An klugen Sprüchen, wie sich an der Börse Geld verdienen läßt, mangelt es wahrlich nicht.Das Motto "Tief einsteigen, hoch verkaufen!" zum Beispiel ist eine Binsenweisheit, die ebenso einfach wie plausibel klingt.Umso schwieriger ist es allerdings, diese Regel in die Praxis umzusetzen."Tief" und "hoch" ist nämlich eine Frage der Perspektive.Wer zum Beispiel kurz vor dem Crash im Oktober vergangenen Jahres in deutsche Aktien eingestiegen ist, hat - zumindest wenn man den Dax als Maßstab nimmt - trotz der herben Kursverluste in den vergangenen Monaten seinen Depotstand immer noch auf plus/minus Null halten können.Und wer Ende 1996 sein Geld in deutsche Dividendenwerte angelegt hat, sitzt aufgrund der guten Daxentwicklung im vergangenen Jahr, in dem der Dax um fast 50 Prozent zulegen konnte, immer noch auf einem bequemen Kurspolster.

Bitter sieht es hingegen für diejenigen Anleger aus, die auf dem Kursgipfel im Sommer diesen Jahres eingestiegen sind.Sie werden wohl noch ein Weilchen warten müssen, bis sie ihre Verluste wieder ausgleichen können.

Die Beispiele zeigen: Die Wahl des Ein- und Ausstiegszeitpunktes, das sogenannte Timing, spielt bei Aktien eine wichtige Rolle.Wer beim Kauf und Verkauf den "richtigen" Zeitpunkt verpaßt, kann unter Umständen ein Vermögen verlieren - oder gewinnen, wenn er stets im rechten Moment die richtige Entscheidung trifft.Doch das schaffen selbst Profis nicht.Kaum ein Vermögensverwalter oder ein Fondsmanager konnte bisher den Dax oder irgendeinen anderen Index auf Dauer schlagen.Und das, obwohl in den Analyseabteilungen der Banken und Brokerhäuser etliche Experten damit beschäftigt sind, das optimale Timing zu ermitteln.Doch eine sichere Methode haben sie dabei bisher noch nicht herausgefunden.Auf die technische Analyse, bei der die Kurs- und Umsatzkurven eines bestimmten Wertpapiers interpretiert werden, können sie sich ebensowenig verlassen wie auf das eigene Gespür oder langjährige Erfahrung.

Den Normalanleger wird deshalb interessieren, was Fachleute bei einer systematischen Analyse der bisherigen Daxentwicklung herausgefunden haben: Viel wichtiger als die Wahl des jeweiligen Ein- und Ausstiegszeitpunktes ist die Haltedauer.Langfristig kann nämlich keine andere Anlageform der Aktie das Wasser reichen.Der Berliner Betriebswirtschafts-Professor Richard Stehle hat ausgerechnet, daß die durchschnittliche Aktienrendite vor Steuern seit dem Jahr 1948 bei über 14 Prozent lag.Ein Blick auf die Historie zeigt dabei, daß der kurzfristig agierende Spekulant - auf Jahresbasis betrachtet - immer mal wieder Verluste einstecken mußte.Geduldige Anleger hingegen gehören zu den Gewinnern.Selbst wenn sie ihre Papiere unglücklicherweise auf dem höchsten Kursniveau unmittelbar vor einer Baisse erworben hatten, sind sie spätestens nach zwei bis drei Jahren wieder in die Gewinnzone gekommen.Und die Stiftung Warentest hat ausgerechnet, daß ein Anleger, der seit 1980 jedes Jahr Aktien entsprechend der Daxgewichtung erworben hätte, selbst im schlechtesten Fall immerhin noch auf eine Rendite von rund acht Prozent gekommen wäre.Bei perfektem Timing wären es dagegen "nur" 11,6 Prozent gewesen - das mag all die Pechvögel, die in diesem Sommer Aktien gekauft haben, trösten.

Ganz fein raus sind sowieso Anleger, die ihr Geld regelmäßig in Aktien anlegen - zum Beispiel über einen Aktienfonds.Sie machen sich nämlich damit den "cost-average-Effekt" zunutze.Ganz einfach gesagt heißt das: Wenn sie stets monatlich den gleichen Betrag anlegen, kaufen sie viele Anteile bei niedrigen Kursen und entsprechend weniger bei hohen Notierungen.Dadurch sinkt der durchschnittliche Einstandskurs, der bei der Berechnung des Anlageerfolges zugrunde gelegt wird.

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