Wirtschaft : Der Rubel rollt - Lateinamerika zittert

CARL D.GOERDELER

SAO PAOLO .Die Börsenkurse purzeln immer weiter nach unten, der Rubel rollt - ins Bodenlose.Die Finanzkrise in Asien und Rußland droht sich zu einem weltweiten Flächenbrand auszudehnen.In Lateinamerika sind die Nerven besonders angespannt.Dort fürchtet man nun, das nächste Opfer der Wirtschafts- und Finanzkrise zu werden, weil die Banken und Investoren ihr Geld jetzt aus allen "aufstrebenden Märkten" (emerging markets) abziehen könnten, um ihre Verluste in Asien und Rußland auszugleichen.

Die Länder Lateinamerikas sind extrem abhängig vom Auslandskapital, das in den vergangenen Jahren nicht zuletzt wegen der hohen Zinsen aber auch wegen der soliden Offenmarkt-Politik dorthin geflossen ist.Nun hat sich der Wind gedreht.Das Börsenbarometer zeigt südlich des Rio Grande seit Beginn der Asienkrise vor 14 Monaten stetig auf ein Tief.

Die Aktieninhaber verloren seither im Schnitt bereits die Hälfte ihres Vermögens! Nach dem ersten "Schwarzen Donnerstag", dem 20.August, nun ein zweiter: am Donnerstag fielen die Kurse in Mexiko um 6,1 Prozent, in Buenos Aires sogar um 10,2 und in Sao Paulo um 9,94 Prozent.Das "volatile" Kapital der kurzfristigen Anlagen zieht langsam ab.Statt der seit Jahren anhaltenden Devisenzuflüsse, wandern die Dollars nun wieder aus den lateinamerikanischen Ländern hinaus.

Angesichts der Börsenpanik nützt es wenig, daß die Finanzexperten nicht müde werden, herunterzubeten, daß Brasilien nicht Rußland ist, und Argentinien nicht China.Die Verdienste der lateinamerikanischen Regierungen, die die Inflation gestoppt, die Staatsfinanzen saniert und die abgeschotteten Märkte geöffnet haben, fallen jetzt kaum ins Gewicht.In dieser Krise spricht man nur noch über die volkswirtschaftlichen Schwächen der Länder.Über die Abhängigkeit Mexikos und Venezuelas vom Erdöl, dessen Preis in den Keller gesunken ist.Über die inzwischen auf fast sieben Prozent gewachsene Binnenschuld Brasiliens, über die maroden Banken in Argentinien und über die Abwertung, die selbst die Währung des lateinamerikanischen "Musterlandes" Chile, der Peso, hinnehmen muß.

Es ist die Stunde der Cassandra.Ob nun der Pessimismus begründet ist oder nicht - die Stimmung wirkt sich direkt in Prozenten aus.Die Staatsanleihen der lateinamerikanischen Länder sind nicht mehr gefragt.Die Kredite, die sie brauchen, werden teurer.Das setzt eine Spirale nach unten in Gang.Und nun erinnert man sich auch wieder daran, daß Mexiko im Jahr 1982 und Brasilien 1987 einseitige Schuldenmoratorien erließen - so wie jetzt Rußland - die die Kreditwürdigkeit der Länder auf Jahre beeinträchtigten.Könnte so etwas nun wieder passieren?

Wohl kaum, denn die Regierungen in Lateinamerika haben aus den zahlreichen Finanzkrisen der Vergangenheit gelernt.Sie sind klug genug, die internationalen Finanzmärkte nicht vor den Kopf zu stoßen.Zudem verfügen die meisten Länder Lateinamerikas (noch) über satte Devisenpolster.Gleichwohl bleibt es eine Zitterpartie - ganz besonders im Falle Brasilien, der achtgrössten Industrienation, die selbst China in den Schatten stellt.

In Brasilien wird zudem am 4.Oktober gewählt.Der jetzige Präsident Fernando Henrique Cardoso stellt sich zur Wiederwahl, und ihm werden gute Chancen eingeräumt, weil er dem tropischen Riesenreich während der vergangenen vier Jahre wirtschaftliche Stabilität beschert hat.Doch diese Stabilität wird immer kostspieliger weil Brasiliens Parlament bislang nicht bereit ist, den notwendigen gesellschaftlichen Reformen des Präsidenten zuzustimmen.Nun sinken die Exporte, steigen die Schulden, verschlechtern sich bedenklich Handels- , Leistungs- und Zahlungsbilanz.Um wenigstens bis zur Wahl über die Runden zu kommen, erlässt die Regierung fast jeden Tag neue Dekrete, die das Auslandskapital in Brasilien binden sollen.

In einer solchen Situation ist die Regierung leicht erpressbar - und angesichts der immer noch zu hoch bewerteten nationalen Währung bietet Brasilien ein verlockendes Ziel für eine Spekulation auf "Baisse".Wenn aber Brasilien ins Rutschen kommt, ist für den ganzen Kontinent kein Halten mehr.

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