Wirtschaft : Der Ruhrriese nimmt langsam Gestalt an

ANDREAS HOFFMANN

Bei der Fusion von Thyssen und Krupp sind noch viele Fragen offen / Unternehmenskonzept vorgestellt / Börse reagiert enttäuschtVON ANDREAS HOFFMANN DÜSSELDORF.An diesem Freitagmorgen im Düsseldorfer Industrieclub hatten sich die beiden Manager viel vorgenommen.Sie wollten vor den Journalisten eine Premiere geben.Knapp ein Jahr nach dem Versuch der feindlichen Übernahme gab es die erste gemeinsame Pressekonferenz des neuen Konzerns Thyssen Krupp.Damit keiner an der gleichberechtigten Führung des neuen Ruhrriesen zweifelt, saß die Doppelspitze einträchtig nebeneinander - Krupp-Chef Gerhard Cromme und Thyssen-Vorstandsmitglied Ekkehard Schulz.Im Wechsel stellten sie das neue Unternehmenskonzept vor, doch nach zwei Stunden war klar, daß das Spiel zwischen den Traditionsunternehmen noch längst nicht beendet ist. Nur eines wurde deutlich: Der Fusionszug ist nicht mehr zu stoppen."Da wird nichts mehr schiefgehen", sagt Thyssen-Vorständler Ekkehard Schulz.Inzwischen schält sich langsam die Gestalt des neuen Riesen von der Ruhr heraus.Auf fünf Beinen wird er ruhen, Stahl, Autozulieferung, Industrie, Anlagenbau und Handel.Mit einem Umsatz von 70 Mrd.DM und 186 000 Beschäftigten steigt er zum fünftgrößten Konzern der Republik auf, übertroffen nur von DaimlerBenz, Volkswagen, Siemens und Veba.Drei Fünftel der Geschäfte tätigt er im Ausland; man gönnt sich einen juristischen Doppelsitz in Essen und Duisburg, verwaltet wird hauptsächlich in Düsseldorf.Bis zum Jahr 2001 soll keinem Beschäftigten wegen der Fusion gekündigt werden; dennoch fallen weltweit 2000 Stellen weg, vor allem im Ausland, etwa bei Automobilzuliefern in Großbritannien.Die Vorteile der Fusion schätzen die Manager auf 450 Mill.DM, besonders wegen des Zusammenlegens der Stahl- und Handelsgeschäfte.Daneben versprechen sie sich Vorteile beim gemeinsamen Einkauf, bei der EDV und der Verwaltung.Etwa fünf Mrd.Umsatz wollen sie abgeben, neue Partner suchen sie etwa für die Werften bei Thyssen und Orenstein & Koppel bei Krupp - aber entschieden ist noch nichts.Den Aufsichtsratsvorsitz des neuen Konzerns übernimmt Thyssen-Aufsichtsrat Heinz Kriwet.Nur wer sonst in dem Gremium sitzt, ist offen. Das ist nicht die einzige offene Frage.Weiterhin ungeklärt ist die Mitbestimmung.Bisher unterliegt Thyssen der Montan-Mitbestimmung, Krupp der üblichen Mitbestimmung von 1976.Die Gewerkschaften wollen für den Gesamtkonzern das Montan-Modell erhalten, was nicht vorgeschrieben wäre - da der Montan-Anteil (Kohle und Stahl) unter 50 Prozent fiele.Die Montan-Mitbestimmung gibt den Arbeitnehmern weit mehr Einfluß, weil sich der Aufsichtsrat zu gleichen Teilen aus Anteilseignern und Belegschaftsvertretern sowie aus einem weiteren neutralen Mitglied zusammensetzt.Der neutrale Vertreter gibt in Patt-Situationen den Ausschlag, wie etwa im Thyssen-Aufsichtsrat bei der Fusion mit Krupp.Auf der Pressekonferenz deutete Cromme eine Lösung der Mitbestimmungsfrage an.Ähnlich wie bei Krupp könnte man ein neues Gremium schaffen, das einvernehmliche Lösungen vorbereitet.Dadurch müßte der Aufsichtsvorsitzende bei strittigen Entscheidungen nicht sein doppeltes Stimmrecht benutzen - wie es das übliche Mitbestimmungsmodell vorsieht. Aber es gibt noch weitere offene Fragen.Wie soll die Fusion tatsächlich ablaufen, wie werden die Partner bewertet, also wie werden die Aktien getauscht, und welche Macht besitzt die Krupp-Stiftung in dem neuen Konzern? Alles Punkte, die die Manager bis Ende des Jahres gelöst haben wollen, Anfang 1999 soll der neue Ruhrriese starten.Nur die Börse zeigte sich unzufrieden.Thyssen verlor 2,50 DM auf 386,00 DM, Krupp 2,50 DM auf 323,50 DM.

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