Wirtschaft : Der russische Gasversorger will seinen Einfluss in Westeuropa ausbauen

mbr

Am Dienstag ist in Weißrussland der Teilabschnitt der Gaspipeline von der nordrussischen Jamal-Halbinsel nach Deutschland eingeweiht worden. Am Donnerstag folgt die polnische Gas-Trasse. Damit steht die Inbetriebnahme der bisher größten Gasleitung aus Russland nach Deutschland kurz bevor.

Der russische Gasversorger Gazprom will damit seine Rolle in Westeuropas ausbauen. Zugleich kündigte Gazprom ein Rennen um die Gasversorgung Südeuropas an. Dazu soll in Konkurrenz zum holländisch-britischen Shell-Konzern eine Gaspipeline in die Türkei errichtet werden. Diese Frage entwickelt sich zum Wettlauf zwischen Moskau und Washington.

Gazprom-Chef Rem Wjachirew und Weissrusslands diktatorischer Präsident Alexander Lukaschenko werden heute den 209 Kilometer langen Teilabschnitt der Gasleitung vom belarussischen Neswischa zur polnischen Grenze eröffnen. Die Fertigstellung der Leitung von der russischen Grenze nach Neswischa erfolgt im Jahr 2000 (insgesamt macht der weissrussische Leitungsanteil 575 km, der polnische 682 km aus). Der Gasexport ist die einzige Gewinnquelle für Gazprom, an der die Ruhrgas AG zu 2,5 Prozent beteiligt ist. Der zweite deutsche Partner von Gazprom ist Wintershall. Gemeinsam betreiben beide Partner die Wingas als Joint Venture. Wingas vertreibt das russische Gas in Deutschland. Der russische Binnenmarkt bringt dem größten Gaskonzern der Welt, der über ein Drittel der Weltgasreserven verfügt, nur Verluste.

Zwar ist die insgesamt 4200 Kilometer lange und rund 36 Milliarden Dollar teure Gasleitung nach Westeuropa, die 51 Milliarden Kubikmeter Erdgas liefern soll, noch nicht fertiggestellt; dennoch plant Gazprom bereits den Angriff auf Europas Südflanke: Mit der 2150 Kilometer langen Pipeline "Blauer Strom" wollen Gazprom und die italienische ENI von der russischen Schwarzmeerküste russisches Erdgas ins türkische Samsun pumpen. Vom Erfolg dieses Projekts hänge entscheidend die Lage Gazproms auf dem europäischen Markt ab, hieß es in Moskau. "Derjenige, der als erster kommt, gewinnt", sagte Wjachirew.

Durch das Vorpreschen Shells geriet Gazprom hierbei in Zugzwang: Der britisch- niederländische Ölmulti gründete im vorigen Jahr zusammen mit General Electric Co. und dem Bauriesen Bechtel Enterprises Inc. das Joint Venture PSG, um für drei Milliarden Dollar eine Gasleitung von Turkmenistan über Aserbaidschan und Georgien in die Türkei zu errichten. Wjachirew verlangte daraufhin von der russischen Duma Steuervorteile für das eigene 2,5-Milliarden-Projekt, weil es sonst Verluste einbringe. Gazprom-Experten meinen, dass beide Projekte nicht parallel realisiert werden können. Entweder setze sich Gazprom oder Shell/PSG durch. Tatsächlich sind auch die USA politisch stark an der Region um Schwarzes und Kaspisches Meer interessiert und kämpfen mit Moskau um den Einfluss auf dieses Gebiet und seine riesigen Rohstoffreserven. Setze sich das Shell-Projekt mit Unterstützung Washingtons durch, hätten die USA wichtige geopolitische Punkte gesammelt und würden zu einem der wichtigen Spieler auf Europas Gasmarkt, heißt es warnend bei Gazprom.

Der für die Rohstoffe im Kaspischen Meer zuständige Sonderberater von US-Präsident Bill Clinton, John Wulf, hatte am Wochenende im georgischen Tiflis zugesagt, Washington werde alles dafür tun, dass das Erdgas ausschließlich auf der Shell-PSG-Transkaukasus-Route in die Türkei gepumpt werde.

Russland und die USA streiten darüber hinaus um die Pipeline-Führung für das im aserbaidschanischen Teil des Kaspischen Meeres geförderten Erdöls. Wegen der ungelösten Transportfrage kann die Ausbeutung von drei Offshore-Ölfeldern nicht wie geplant 2002 beginnen.

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