Wirtschaft : Der schwache Dollar erfreut Anleger im Euro-Raum

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Frankfurt (Main) (tmo/HB/dpa). Unzählige Male haben die Volkswirte ihre Modelle neu berechnet, und jedesmal blieb das Ergebnis gleich: Der Euro ist im Vergleich zum Dollar unterbewertet, er sollte steigen. Aber genau das tat die europäische Einheitswährung lange Zeit nicht – mit der Folge, dass ein Experte nach dem anderen einknickte und seine Prognosen senkte.

Ähnliches galt für Europas Aktien: Jahrelang schien es ein Naturgesetz, dass die Kurse an der New Yorker Börse an guten Tagen stärker stiegen als in London, Frankfurt oder Paris. An schlechten Tagen waren dagegen die Verluste an der Wall Street kleiner als im deutschen Xetra-Handel.

Das alles hat sich radikal gewandelt. Zwar notieren alle großen Kursbarometer derzeit „unter Wasser", also unter dem Stand zum Jahresbeginn, doch Europa schlägt sich bislang besser als die USA. Und der Euro zeigt sich trotz der weltweit angespannten Lage als sicherer Hafen. „Fundamentale Daten wie die Kaufkraft-Betrachtung deuten schon lange auf einen schwächeren Dollar hin", sagt Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Investmentbank Goldman Sachs für den Euro-Raum, „und auf lange Sicht setzen sich die Fundamentaldaten durch".

Mayer hielt länger als andere Experten an seiner optimistischen Euro-Prognose fest. Seine Bank erwartet bis zum Jahresende einen Kurs von deutlich über einem US-Dollar für die Einheitswährung. Das würde gegenüber dem aktuellen Stand ein Plus von fast zehn Prozent bedeuten.

Kein Strohfeuer

Selbst negative Nachrichten wie neue Inflationssorgen in Euro-Land stoppten den Aufstieg des Euros bislang nicht. Währungsstrategen sehen darin einen weiteren Hinweis, dass das jüngste Kursfeuerwerk diesmal nicht als Strohfeuer endet. Zwar sprechen sie lieber von einer Dollar-Schwäche als von einer Euro-Stärke. Denn viele Investoren sehen die junge Einheitswährung weiter skeptisch. Doch selbst eingefleischte Dollar-Fans wie Kermit Schoenholtz, Chefvolkswirt des Bankhauses Salomon Smith Barney, erwarten eine Aufwertung der Gemeinschaftswährung.

„Der Nimbus der USA als unumstrittenes Anlageland Nummer 1 hat gelitten“, sagt ein Devisenexperte bei HSBC Trinkaus & Burkhardt. Eine Trendwende für den Euro liege in der Luft. Auch das Ergebnis im Metalltarifkonflikt in Deutschland habe den Eurokurs etwas gestützt. Experten hätten einen höheren Abschluss und zudem meist einen insgesamt länger andauernden Streik erwartet. Derzeit sei nicht so wichtig, „wie gut die USA tatsächlich“ spiele. Im Mittelpunkt stehe vielmehr die Überzeugung, dass die USA nicht länger automatisch als das beste Anlageland der Welt angesehen werde. Und das, obwohl die Marktteilnehmer in den USA mit einer schnelleren Erholung der Wirtschaft als in Europa rechneten.

Was aber bedeutet ein stärkerer Euro für Anleger? Welche Entscheidungen sollten bei einem weiter steigenden Kurs im Depot getroffen werden? Die erste Konsequenz ist klar: „Jetzt ist es Zeit, um Europa gegenüber anderen Regionen zu bevorzugen", sagt Richard Davidson, Chef-Europastratege von der Investmentbank Morgan Stanley. Er erwartet bis zum Jahresende kräftige Kursgewinne für europäische Aktien. Zu seinen Favoriten zählen die Aktien von Banken wie der italienischen Intesa-Bci und des britisch-asiatischen Finanzriesen HSBC.

Auch den Sicherheitsdienstleister Securitas führt Davidson in seinem Musterportefeuille. „Ein steigender Euro ist genau das, was Europas Börsen brauchen, um ihren hohen Bewertungsabschlag gegenüber den USA abzubauen", sagt Europa-Fondsmanager Anko Beldsnijder von Griffin Capital. Er rechnet damit, dass US-amerikanische Investoren in Zukunft stärker in europäische Finanzanlagen investieren.

In Euro-Anleihen umschichten

Auch Anleger, die sich vor allem für Staatsanleihen interessieren, dürfen die Währungsfrage nicht ignorieren. Gerade bei festverzinslichen Papieren können Wechselkursschwankungen leicht den größten Teil der gesamten Wertentwicklung ausmachen. Wer viele Fremdwährungs-Bonds in seinem Depot hat, sollte darüber nachdenken, einen Teil in Euro-Anleihen umzuschichten.

Genau das planen große institutionelle Investoren, wie eine weltweite Umfrage der amerikanischen Investmentbank Merrill Lynch jetzt ergab. Die befragten Anlageprofis, die insgesamt 177 Milliarden Dollar verwalten, wollen ihre überdurchschnittliche Gewichtung in Dollar-Anlagen demnächst reduzieren. Zudem nannten 71 der Fondsmanager den Euro als ihre bevorzugte Währung.

Mutige Privatanleger können außerdem mit Optionsscheinen auf einen weiteren Euro-Höhenflug spekulieren. Dazu bietet sich der Kauf von Euro-Dollar-Calls an. Allerdings sind Optionsscheine komplexe und riskante Finanzinstrumente. Die Gefahr, den ganzen Einsatz zu verlieren, ist hoch.

Ein steigender Euro-Kurs bringt allerdings nicht nur Vorteile. So warnen Experten vor den Gefahren eines abrupten Dollar-Verfalls. Dieser würde europäische Waren in den USA teurer machen. Die Amerikaner würden dann womöglich weniger kaufen. Besonders für die Aktienkurse von Exporteuren hieße das nichts Gutes.

So haben der Autohersteller Porsche, der Pharmariese Glaxo-Smithkline und die Bank ABN-Amro in der Vergangenheit enorm von der Stärke des Dollar profitiert. Alle drei europäischen Konzerne sind in den Vereinigten Staaten stark, erläutert Fondsmanager Beldsnijder. Eine anhaltende Kehrtwende beim Wechselkurs würde ihre Erträge belasten.

Zudem könnte ein Währungsschock die gesamte Wirtschaft des Euro-Raums belasten, warnt Goldman-Volkswirt Mayer. Er erinnert an den Sprung der D-Mark im Jahr 1995. „Damals wertete der Dollar stark ab, was weniger Wachstum in Deutschland zur Folge hatte", sagt Mayer. Gegen solche Konsequenzen schützen sich Anleger am besten, indem sie lang laufende Euro-Staatsanleihen kaufen. Deren Kurse dürften bei einer anhaltenden Wirtschaftsflaute – ausgelöst durch einen allzu starken Euro – steigen.

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