Wirtschaft : Der Schwarze Dienstag – und ein schwarzes Jahr

Die Anschläge haben die Weltwirtschaft für immer verändert. Der Schock sitzt tief. Aber nicht alle Folgen der Konjunkturkrise haben mit dem 11. September zu tun

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Von Carsten Brönstrup

Die Broker an der Wall Street in New York hatten gerade erst ihre Kaffeebecher neben den Bildschirmen abgestellt und begonnen, sich in die Unternehmensnachrichten des Tages zu vertiefen, als der Terror begann. Nachdem die Flüge American Airlines Nummer 11 und United Airlines Nummer 175 im World Trade Center und im Pentagon explodiert waren, erlebten die Börsen einen der schlimmsten Tage ihrer Geschichte – und mit ihnen die gesamte Weltwirtschaft.

Die Börsen wurden für Tage geschlossen. Doch die Anleger rund um den Globus hatten sich längst fest gelegt. Als die Wall Street am 17. September wieder öffnete, warfen die Händler in Panik Millionen von Aktien auf den Markt. Die Angst vor einem Krieg ließ den Ölpreis um 20 Prozent in die Höhe schießen. Devisenhändler ließen den Dollar fallen und schichteten um in Euro und Gold.

Hunderte von Flügen wurden gestrichen, Meetings abgesagt, Frachtcontainer gestoppt. Supermärkte in den USA berichteten von Hamsterkäufen. Vor allem Fluggesellschaften, Versicherungen, Tourismusunternehmen und die Finanzbranche litten noch wochenlang an den Schockwellen des 11. September. Angst vor Krieg und Rezession trieb Hunderte Firmen in den Ruin, kostete Tausende Arbeitsplätze und vernichtete Milliarden Dollar Anlagevermögen.

Zwar hat sich die Weltwirtschaft in den darauf folgenden Monaten als erstaunlich robust erwiesen, und heute scheint das Schlimmste überstanden. Doch die Attacken auf das Herz der westlichen Wirtschaftswelt werden noch auf Jahre hinaus zu spüren sein – und den Wohlstand der Nationen spürbar mindern. Für die Wirtschaftsforscher sind die Anschläge klassische externe Schocks - Ereignisse solcher Dimensionen, die jede Prognose sprengen. Anders als Rohstoffpreise, Absatzzahlen und Währungsschwankungen kann niemand derartige Schocks vorhersagen.

Vergleichbare Schocks mit ähnlich katastrophalen Folgen waren der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs oder die Ölkrise in den siebziger Jahren. Die Schätzungen über die Gesamtkosten der Anschläge reichen bis zu 300 Milliarden Dollar.

Wie groß die Gefahr einer Depression nach den Anschlägen war, ahnten auch die Chefs der beiden wichtigsten westlichen Zentralbanken, Alan Greenspan und Wim Duisenberg. Wenige Tage später senkten sie beherzt die Leitzinsen und pumpten Liquidität in die Finanzmärkte. Das, so vermuten Volkswirte, war eines der wichtigsten Signale für Unternehmen und Verbraucher. Auch die US-Regierung nahm viel Geld in die Hand und gab es aus für Rüstung und Sicherheit. Bereits zwei Monate nach den Anschlägen hatten die wichtigen Börsen wieder die Indexstände vom 10. September erreicht. Und die Konsumenten zogen mit, vor allem in Amerika. Statt ihr Geld zusammenzuhalten, trugen sie es in patriotischem Trotz in die Geschäfte, angeregt auch durch radikale Rabattaktionen der Autohersteller. „Keep America rolling“ warb der US-Marktführer General Motors – und bot Autokredite zum Nullzins.

Anschläge haben die Krise verlängert

So kam die Weltwirtschaft noch einmal verhältnismäßig glimpflich davon. „Die unmittelbaren Folgen der Anschläge haben Europa und die Vereinigten Staaten erstaunlich schnell verkraftet – zu einem tiefen Einbruch ist es nicht gekommen“, sagt Joachim Scheide, Konjunkturchef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW). Wie die Statistiker vor kurzem herausfanden, war das amerikanische Wirtschaftswachstum bereits

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