Wirtschaft : Der Sohn des Stadtmöbelkönigs

Zum 1. Januar übernimmt Daniel Wall den Chefposten der Wall AG. Der Stil wird sich ändern

Daniela Martens

Berlin - Es ist nicht leicht, Daniel Wall aus der Ruhe zu bringen. Auch nicht mit der Frage, wie er sich auf seine neue Rolle vorbereitet: Trainiert er irgendwie für den Posten des Vorstandsvorsitzenden der Wall AG? Vielleicht mit einem Rhetorikseminar? Nein, bestimmt nicht, sagt der 40-Jährige leicht belustigt, der vom 1. Januar an die Stadtmöblierungsfirma leiten wird. Sein stoischer Gesichtsausdruck verändert sich dabei nur ein bisschen. Er zieht die Mundwinkel zu einem Grinsen nach hinten, nicht etwa nach oben wie andere Menschen: „So ruhig bin ich doch nun auch wieder nicht“, sagt er mit seiner leisen Stimme.

Bislang agierte Daniel Wall eher im Hintergrund. Die Wall AG – das sind die Toilettenhäuschen, Bushaltestellen, Plakatwände, aber vor allem Daniel Walls Vater, Firmengründer Hans Wall: extrovertiert, strahlend, meist braun gebrannt, stets im Mittelpunkt. Mit ungebremster Energie immer ganz vorne mit dabei, wenn es in der Stadt etwas zu tun gibt: mit Ratschlägen für Politiker oder Spenden für soziale Einrichtungen. Hans Wall – Aushängeschild, Galionsfigur der Firma. Doch nun dankt der „König der Stadtmöblierer“ ab, wenn auch nicht ganz. Er wird im Aufsichtsrat sitzen. Der Kronprinz wird zum Nachfolger im Vorstand.

Der Neue ist eigentlich ein alter Hase: Mit 16 begann der älteste Sohn im Unternehmen seines Vaters auszuhelfen. „Es war damals selbstverständlich, dass die ganze Familie mit angepackt hat“, sagt Daniel Wall. Anfang der Achtziger war das, die Wall AG war noch keine zehn Jahre alt und weit von den 140 Millionen Umsatz entfernt, die sie heute im Jahr erreicht. Kurz bevor das Unternehmen 1984 aus dem schwäbischen Ettlingen nach Berlin umzog, stieg Daniel voll beim Vater ein – mit 18, direkt nach dem Fachabitur. Mittlerweile ist er seit mehr als 20 Jahren dabei,13 Prozent der Firma gehören ihm. Zuletzt war er im Vorstand für Vertrieb und Marketing zuständig.

„Mein Vater und ich haben uns immer gut ergänzt“, sagt Daniel Wall. Er selbst tat viel im Innern der Firma, der Vater repräsentierte das Außenbild. Nun wird bei den Walls das Innere nach außen gekehrt. Was genau wird sich verändern? „Nicht viel“, wehrt Daniel Wall ab. Er sitzt in einem Ledersessel, die Ellenbogen auf den Armlehnen, die Hände gefaltet. Seine wenigen Gesten wirken ruhig und wohlüberlegt. Hastig passt nicht zu ihm. Er werde jetzt „ein bisschen mehr ins Rampenlicht“ rücken, sagt Daniel Wall. Die Betonung liegt eindeutig auf den Worten „ein bisschen“. Die Marketingstrategie der Firma werde sich ändern, wirft Pressesprecherin Beate Stoffers ein. Sie sitzt ihrem neuen Chef gegenüber und passt ganz genau auf, was er sagt – immer bereit einzugreifen. Sie hätten Hans Wall als Firmenchef mit Absicht so in der Öffentlichkeit positioniert, sagt sie. Mit dem Führungswechsel werde sich das ändern. „Mein Stil ist anders“, sagt Daniel Wall. „Ich will nicht so sehr mich als Person in den Mittelpunkt stellen, sondern das Wir, das Unternehmen mit allen Mitarbeitern, das Ganze.“

Dabei engagiert er sich wie sein Vater für soziale Projekte, allerdings stiller. Besonders kümmere er sich um die Kältehilfe, sagt die Pressesprecherin.Warum gerade diese Einrichtung? „Deren Engagement geht über das Übliche hinaus, aber sie treten in der Öffentlichkeit nicht so sehr in Erscheinung“, erklärt Daniel Wall und merkt nicht, dass er gerade sich selbst beschrieben hat. Denn auch er ist nicht nur etwas unscheinbar, sondern auch besonders engagiert. Er bleibe meist bis spätabends im Büro, erzählen die beiden Damen, die in seinem Vorzimmer sitzen mit einem Kichern. Nur selten genieße er die großartige Aussicht aus seinem Büro über die halbe Stadt, den Blick auf Reichstag und Siegessäule. Er sehe immer nur seinen Bildschirm, sagt eine der Vorzimmerdamen.

Computer sind eben wichtig für ihn. Sein Lieblingsthema und Steckenpferd. Er sorgte gleich nach seinem Eintritt in die Firma dafür, dass EDV Einzug hielt im Familienunternehmen. Seitdem ist er zuständig für technische Neuerungen: Öffentliche Computerterminals hat er eingeführt, die „Blu Spots“, an denen man Informationen über die Stadt abrufen kann, aber auch im Internet surfen. Er hat Innenstädte mit W-Lan-Internet-Zugang für jedermann ausgerüstet: neuer Wind für das bewährte Prinzip der Firma, für die Städte kostenlose Stadtmöbel aufzustellen und sie als Werbeflächen zu nutzen. In 60 Städten in sieben Ländern funktioniert die Methode inzwischen für die Wall AG. Und das liegt auch an Daniel Wall.Für den Aufbau des Tochterunternehmens in Boston war er allein verantwortlich. Gerade hat er neue Gesellschaften in Bulgarien und Rumänien gegründet.

Er habe nie das Gefühl gehabt, hinter seinem Vater in der zweiten Reihe zu stehen. Schließlich habe der sich aus den Aufgaben des Sohnes meist herausgehalten, beim Vertrieb zum Beispiel und auch bei der Produktion der Stadtmöbel im brandenburgischen Velten. „Ich konnte in der Firma immer das tun, was mir am wichtigsten ist: meine eigenen Ideen umsetzen.“ Hatte er denn niemals das Bedürfnis, den Familienbanden zu entfliehen und sein Glück in einem anderen Unternehmen zu versuchen? Nein, bestimmt nicht. Er blickt etwas ungläubig, fast als käme dieser Gedanke ihm zum ersten Mal: „Mein Job ist nicht zu toppen, er ist voller Spannung und Abwechslung. Das hätte ich so nirgendwo anders gefunden.“ Auch die enge Bindung an seinen Vater sei für ihn kein Problem. „Wir hatten nie ein Vater-Sohn-Verhältnis, sondern eher ein brüderliches“, sagt Daniel Wall.

Mit seinem eigenen Sohn verbindet ihn auch etwas Besonderes: Der Zehnjährige teilt die Computerleidenschaft des Vaters: Gemeinsam tauchen sie am Wochenende in die virtuellen Welten der Computerspiele ein. Wenn Daniel Wall von dem Spiel „World of Warcraft“ erzählt, wird er viel lebhafter. „Wir sind Fans“, sagt er mit leuchtenden Augen.

Und dann ist da noch seine 13-jährige Tochter: „Sie ist ein Energiebündel und kommt ganz nach meinem Vater.“ Wächst da also die nächste Firmenchefin heran? „Natürlich habe ich diesen Traum, dass die Firma auch in der nächsten Generation ein Familienunternehmen bleibt. Aber das ist noch weit entfernt.“

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