Wirtschaft : Der Staat spart - doch was wird aus den Staatsdienern?

KAREN WIENTGEN

BERLIN .Was haben Lehrer und Schauspieler, Ärzte und Bibliothekare gemeinsam? Die meisten von ihnen arbeiten im öffentlichen Sektor, ihr Gehalt wird vom Staat überwiesen.Damit haben sie auch ein gemeinsames Problem: Zu Zeiten sinkender öffentlicher Budgets und Stellenkürzungen finden die wenigsten von ihnen eine reguläre Stelle bei dem Arbeitgeber, auf den sie sich seit dem Studium vorbereitet haben.Und es sieht nicht so aus, als ob sich in den nächsten Jahren daran etwas ändert.Mit der früher vorherrschenden Haltung, die der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie Hans Olaf Henkel immer wieder geißelt mit den Worten "Deutsche Absolventen wollen entweder in den öffentlichen Dienst oder zu Siemens", kommt man heutzutage nicht mehr weit, zumindest nicht zu einem Job.

Zum Beispiel Ärzte.Zwar stehen sie mit einer Arbeitslosenquote von etwa dreieinhalb Prozent unter Akademikern derzeit noch ganz gut da, doch steigt die Arbeitslosigkeit zusehends: Von September 1996 bis 1997 stieg sie um 18 Prozent und sank die Zahl der gemeldeten offenen Stellen um zwölf Prozent.Gerade für junge Ärzte sieht es schlecht aus, weil Krankenhäuser, die in der Weiterbildung entscheidend sind, wegen des Gesundheitsstrukturgesetzes immer weniger Geld zur Verfügung haben.

Es sind weitere Stellenstreichungen zu erwarten, in Berlin beispielsweise droht die Schließung von sieben Krankenhäusern mit insgesamt 4000 Mitarbeitern.Die Niederlassung als selbständiger Arzt aber ist mit vielen Schwierigkeiten behaftet, so daß dies nicht unbedingt die Berufsalternative ist.Nicht nur die Kapitalausstattung einer modernen Praxis - auch die Vorgabe, daß in bestimmten Regionen keine neuen Praxen mehr eröffnen dürfen, haben die Arbeitsmarktchancen der jungen Mediziner drastisch reduziert.Deswegen versuchen sich immer mehr Ärzte in neuen Berufsfeldern, etwa im Unternehmens- und Qualitätsmanagement, in Freizeiteinrichtungen und im Medizin-Journalismus.

Schwierig ist auch die Situation für Lehrer.Auf eine offene Stelle haben sich in diesem Jahr vier Lehrer beworben.20 700 waren im vergangenen September arbeitslos gemeldet - in der Statistik der Bundesanstalt die größte Gruppe unter den arbeitslosen Akademikern.In Wahrheit dürften es allerdings noch sehr viel mehr sein.Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) schätzt sie auf doppelt so viel: 40 000.Schon immer sind Lehrer, so wie viele Geistes- und Sozialwissenschaftler auch, in die freie Wirtschaft gewandert, traditionell in Öffentlichkeits- oder Personalabteilung oder etwa in den Außendienst von Versicherungsunternehmen, weil dort die ihnen zugeschriebenen Kommunikationsfähigkeiten geschätzt wurden.

Doch ist die freie Wirtschaft nur begrenzt eine Alternative.Denn erstens besteht auch kein Mangel an Wirtschaftswissenschaftlern.Und außerdem haben viele Lehrer und Ärzte ihr Fach deshalb studiert, weil sie später auch den Beruf ausüben wollen.In der Konkurrenz um Arbeitsplätze in Firmen - abseits von Öffentlichkeitsarbeit und Personalbereich - unterliegen Lehrer ebenso wie Geisteswissenschaftler oft wegen mangelner Fachkenntnisse den Ökonomen.So erklärt die Mitarbeiterin einer Vermittlungsagentur für Manager und Fachkräfte, daß Nicht-Wirtschaftswissenschaftler keine Chance haben, bei den Stellenausschreibungen berücksichtigt zu werden, es sei denn, sie haben schon vor langer Zeit den Wechsel in die Wirtschaft vollzogen und langjährige Erfahrungen."Mit Menschen umgehen zu können, ist eine Sache; doch wenn man keine Fachkenntnisse vorweisen kann, ist das etwas dünn," sagt sie.Das gleiche gelte auch für Nachwuchskräfte.

Wollen Lehrer nicht arbeitslos bleiben, müssen sie also auch auf eigene Faust nach neuen Wegen suchen.Etwa ein Unternehmen gründen, das für Schulen die Stundenpläne entwickelt, wie Lehrer aus Berlin es getan haben.Oder in privaten Nachhilfeinstituten arbeiten.

Einiges ist schon in Bewegung; eine Langzeitstudie der Universität Konstanz ergab, daß sich die Haltung der Studenten seit Anfang der 80er Jahre gewandelt hat.Mehr Studenten als früher streben eine Beschäftigung in der Privatwirtschaft an, immer mehr suchen früh den Kontakt zur Praxis.

Bundeswirtschaftsminister Rexrodt hat gar einen Run auf die Selbständigkeit ausgemacht.Bei einem Besuch in der Universität Bayreuth, sagt er, habe er vor wenigen Wochen vor hunderten von wirklich interessierten Studenten über Selbständigkeit und Existenzgründung gesprochen.Auch Geisteswissenschaftler seien dabei gewesen.Vor Jahren, erzählt der Minister, sei er schon einmal dagewesen.Im Hörsaal hätten sich ein paar Studenten der Ökonomie herumgedrückt.Und so richtig lebendig seien nur diejenigen gewesen, die zum Stören gekommen waren."Die Studenten haben begriffen, daß sie sich nicht mehr auf den Staat als Arbeitgeber verlassen können," sagt Rexrodt.

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