Wirtschaft : Der Stern des Euro sinkt nicht

Der tiefe Fall des Euro gegenüber dem Dollar zeigt, daß die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU) ein kompletter Fehlschlag war. Wenn die Banker der Europäischen Zentralbank den Euro retten wollen, bevor es zu spät ist, müssen sie in die Devisenmärkte eingreifen. Immerhin gibt es einen Silberstreifen am Horizont: Ein schwacher Euro wird die Exporte fördern und gemeinsam mit den niedrigen Zinssätzen - die die Währung erst auf dieses bedrohliche Niveau gebracht haben - den elf Mitgliedsländern der Eurozone zu mehr Wirtschaftswachstum verhelfen.

All diese Feststellungen werden nun, da der Euro täglich neue Tiefstände erreicht, von ernst zu nehmenden Persönlichkeiten vertreten. Und auch Menschen, die weniger ernstgenommen werden können verbreiten sie. Diese Äußerungen sind allerdings bestenfalls widersprüchlich, schlimmstenfalls sind sie Trugschlüsse. Der Wertverlust des Euro gegenüber dem Dollar mag viele Gründe haben. Keiner dieser Gründe berechtigt aber dazu, den Sinn der Einführung einer gemeinsamen Währung insgesamt in Frage zu stellen.

Währungen, die nicht an einen äußeren Wert gebunden sind, wie zum Beispiel Gold, schwanken untereinander. Dabei hängen die Bewegungen davon ab, wie die internationalen Fonds anlegen und welche Geldpolitik die Regierungen und Notenbanken verfolgen. Beispiele sind der Dollar, die D-Mark, der Franc und anderen Währungen nach dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems, was die Aufgabe fester Wechselkurse bedeutete. Vorrangigstes Ziel der Europäische Zentralbank (EZB) ist nach dem Maastrichter Vertrag die Gewährung von Preisstabilität, nicht eine Bindung des Euro an den Dollar. So gesehen wird die Europäische Zentralbank ihrer Aufgabe bislang gerecht. Der Euro ist seit seiner Einführung am ersten Januar um mehr als zehn Prozent gefallen. Für die Bürger der Länder, die an der Währungsunion teilnehmen, bedeutet das, daß ihre Kaufkraft in Dollar umgerechnet um ein Zehntel gesunken ist. Aber da ein Großteil der Geschäfte innerhalb Europas abgewickelt wird, spüren die meisten Europäer diese Veränderung der Kaufkraft gar nicht. EZB-Präsident Wim Duisenberg hat kürzlich vorausgesagt, daß die Inflation den Referenzwert von zwei Prozent nicht einmal annähernd erreichen werde. Außerdem hat der Euro gegenüber Gold nur 3,5 Prozent seines Wertes verloren. Das legt den Schluß nahe, daß vielleicht einfach der Dollar im Wert gestiegen ist.

Auch wenn die Datenlage im Moment noch Lücken aufweist, zeigt sie trotzdem, daß es in den ersten fünf Monaten der gemeinsamen Währung zu einer Welle von neu ausgegebenen Unternehmensanleihen kam, die in Euro aufgelegt wurden. Dies deutet auf ein grundlegendes Vertrauen in den Euro hin.

In Großbritannien, wo die Diskussion um die Teilnahme am Euro an Schwung gewinnt, wird seine Entwicklung sehr genau verfolgt. Als der Euro in der vergangenen Woche weiter fiel, forderte der Parteichef der Torys, William Hague, die Regierung auf, ihre Beitrittspläne aufzugeben. Selbst wenn es ernsthafte Gründe für Großbritannien geben sollte, an der Währungsunion nicht teilzunehmen - die derzeitige Schwäche des Euro jedenfalls ist keiner.

Mitverantwortlich für den Wertverlust des Euro sind sicherlich die strukturellen Probleme in den europäischen Volkswirtschaften. Herr Duisenberg weiß das und hat immer wieder darauf hingewiesen. Den linken europäischen Regierungen, die es sich mit ihren Wählern nicht verscherzen wollen und deshalb eine Angebotspolitik ablehnen, wird auch eine am Boden liegenden Währung nicht helfen. Schneller als sie denken, werden sich die Preise anpassen - ein Auto aus Detroit entspricht nun einmal einer bestimmten Anzahl Bordeaux-Kisten, unabhängig davon, welchen Wert die Währung hat. Dem freien Fall des Euro muß Beachtung geschenkt werden. Er eignet sich aber nicht dazu, das Experiment der Europäischen Währungsunion anzugreifen - oder zu verteidigen.

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