Wirtschaft : "Der Steuerzahler trägt null Risiko"

JOBST-HINRICH WISKOW

HELMUT WERNER (61) zählt zu den profiliertesten deutschen Managern.Er war Vorstandsvorsitzender des Reifenherstellers Continental Gummi-Werke in Hannover und des Autoherstellers Mercedes-Benz in Stuttgart.Im Juli 1994 wurde er Aufsichtsratsvorsitzender der EXPO 2000 Hannover GmbH, die die Weltausstellung plant und durchführt.Außerdem sitzt er in den Aufsichtsräten von Alcatel Deutschland und der Metallgesellschaft - jeweils als Vorsitzender - und in denen von BASF, Gerling-Konzern Versicherungs-Beteiligungs-AG, IBM Deutschland und SKF Göteborg.Mit Werner sprach Jobst-Hinrich Wiskow.

TAGESSPIEGEL: Herr Werner, der Steuerzahler muß für die Expo in Hannover viel Geld zahlen, obwohl sie ihn bis jetzt kaum interessiert.Lohnt sich die Expo für uns?

WERNER: Diese Expo ist äußerst lukrativ.Sie sorgt für 17,6 Mrd.DM Wertschöpfung, 6,8 Mrd.DM Investitionen, 4,5 Mrd.zusätzliche Steuereinnahmen, 100 000 Arbeitsplätze.Schon heute schafft die Expo 19 000 Arbeitsplätze, davon 13 000 auf dem Bau.Das ist eines der besten Geschäfte, die Deutschland je gemacht hat.

TAGESSPIEGEL: Das kann man doch erst beurteilen, wenn man sieht, ob das Unternehmen Expo insgesamt gut gewirtschaftet hat.

WERNER: Nein, kann man jetzt schon sehen.Wir, das Unternehmen Expo, sind ja nur die Organisatoren mit jetzt 227 Mitarbeitern und einem Kosten- und Einnahmerahmen von drei Mrd.DM.Wir schaffen die Voraussetzungen für die gesamte Veranstaltung.Wir sind bemüht, weniger als drei Mrd.DM zu kosten und mehr als drei Mrd.DM einzunehmen.Wenn ich weiß, daß der Staat 4,5 Mrd.DM zusätzliche Steuern erhält, dann spielt das Ergebnis der kleinen Expo GmbH nur eine kleine Rolle.Da stört niemand, ob die ein paar Millionen DM Gewinn oder Verlust macht.

TAGESSPIEGEL: Wieso macht man dann denn nicht jedes Jahr eine Expo, wenn das so ein gutes Geschäft ist?

WERNER: Weil es schwierig ist, jedes Jahr 40 Millionen Leute nach Hannover zu bringen.

TAGESSPIEGEL: Es ist offenbar auch schwierig, die Menschen zu begeistern.Expo-Generalkommissarin Birgit Breuel schimpfte schon über das "mürrische Deutschland".Nervt Sie das auch so?

WERNER: Ich habe auch nichts gegen harte Kritik.Aber ich bin auch nicht damit einverstanden, daß wir bei guten Nachrichten nachher was Schlechtes lesen.Übrigens ist uns die Auslandspresse sehr wohl gesonnen und weit optimistischer als die Journalisten in Deutschland.Im Ausland heißt es: Die Deutschen mit ihrem Organisationstalent, ihrer Präzision, ihrem Darstellungsvermögen, die machen etwas aus der Expo.In Deutschland sind viele reservierter, und darüber hat sich Frau Breuel aufgeregt.Aber wir wollen bringen, was international von uns erwartet wird.

TAGESSPIEGEL: Auch Berlin ist ja inzwischen Expo-Stadt geworden.Warum eigentlich?

WERNER: Berlin hat die Expo sehr intensiv für sich genutzt, sich clever Veranstaltungen und Ausstellungen geholt.Wer aus dem Ausland kommt, kann Sammeltickets für alle Expo-Orte erhalten - auch für München und Hamburg.Die Besucher sollen schließlich nicht nur nach Hannover kommen, sondern nach ganz Deutschland.So verstehen wir Standortwerbung.

TAGESSPIEGEL: Man muß kein großer Pessimist sein, um die Führungsrolle einer ziemlich reformunfähigen, verkrusteten Volkswirtschaft in Zweifel zu ziehen.

WERNER: Wir sind eine äußerst wohlhabende Nation und haben sehr viel in die europäische Idee investiert.Deshalb gibt es einen großen Markt in Europa, künftig unterlegt durch eine gemeinsame Währung.Deshalb sollten wir auch nicht über die Nettozahler-Leistung in der Europäischen Union herziehen, sondern unseren Beitrag zur Stabilität leisten.Von dem profitieren wir nachhaltig.

TAGESSPIEGEL: Bleiben wir erstmal skeptisch.Privatwirtschaft und Staatswirtschaft vermengen sich bei dieser Expo.Wieso muß der Steuerzahler das unternehmerische Risiko tragen?

WERNER: Der Steuerzahler trägt null Risiko.Im Unterschied zu allen Weltausstellungen bisher, die vom Staat finanziert und subventioniert worden sind, machen wir etwas anderes.

TAGESSPIEGEL: Bei der Expo in Sevilla 1992 mußte aus Steuermitteln ein Fehlbetrag von 1,6 Mrd.DM ausgeglichen werden.

WERNER: Wir machen das anders.Mit uns nimmt der Steuerzahler 4,5 Mrd.DM ein.Sie und ich würden, wenn wir könnten, die Expo sofort machen.Ein besseres Geschäft gibt es ja gar nicht.

TAGESSPIEGEL: Aber Bund und Länder mußten die Bürgschaften erhöhen.Das Risiko wird offenbar immer größer?

WERNER: Die Bürgschaften sind doch keine Ausgaben.

TAGESSPIEGEL: Aber potentielle Ausgaben.

WERNER: Wenn ich ein Auto baue, muß ich so viel investieren.Dazu benötige ich einen Kredit, im Falle der Expo ist dies eine Bürgschaft.Wie oben dargelegt wurde, ist die Kapitalverzinsung unglaublich gut.Es geht um die gesamte Expo, nicht nur um die Expo GmbH.Glauben Sie, wir - der Aufsichtsrat, die Geschäftsführung und die gesamte Mannschaft - würden uns in dieser Art engagieren, nur um für die Expo GmbH eine schwarze Null zu holen? Dies ist eine kleine Firma.Die Mannschaft wäre total unterfordert, wenn es nur um diese Frage ginge.

TAGESSPIEGEL: Wobei es ja schwierig genug ist, schon dieses Ziel zu erreichen.

WERNER: Neben den gesellschaftlichen und politischen Aufgaben geht es um die großen Zahlen, um Investitionen, Steuereinnahmen, Arbeitsplätze.

TAGESSPIEGEL: Ihre Rechnung enthält aber nicht die Verdrängungseffekte, wenn der Staat den Flughafen ebenso ausbaut wie S- und Autobahnanschlüsse.Dafür muß der Staat andere Investitionen lassen oder kann die Steuern nicht senken.Also: Verdrängen die Expo-Investitionen andere Investitionen - auch private?

WERNER: Nein, die Investitionen der öffentlichen Hand - beispielsweise in die Infrastruktur - waren alle bereits vor der Expo geplant und sind nur teilweise vorgezogen worden.Der Staat investiert dazu 3,7 Mrd.DM, um 4,5 Mrd.DM zu erwirtschaften.So ein rentables Projekt kenne ich nicht.

TAGESSPIEGEL: Wieso wird es dann nicht ganz privat gemacht?

WERNER: Weil der Staat ein Monopol auf den Zugang zu den Steuereinnahmen hat.

TAGESSPIEGEL: In Hannover ist viel zu tun, etwa der Bau der S-Bahn vom Flughafen zum Messegelände.Ist Hannover überhaupt der richtige Standort, wenn die Voraussetzungen so schlecht sind?

WERNER: Gewiß, für eine Expo allein in München oder Berlin hätten wir mehr Beifall bekommen.In Hannover können wir noch richtig was bewegen.

TAGESSPIEGEL: Die Sponsoren lassen sich ja noch Zeit.Selbst VW ist immer noch nicht Weltpartner der Expo.

WERNER: VW ist höchst engagiert ...

TAGESSPIEGEL: ...aber hat noch nicht die 30 Mill.DM bezahlt, die Sie wollen.

WERNER: Da sind wir noch nicht so weit.Wir verhandeln mit denen.

TAGESSPIEGEL: VW hält Sie hin, auch andere Unternehmen halten sich sehr zurück.Was ist denn im Management alles falsch gelaufen?

WERNER: Wir haben Fehler gemacht, aber wir haben aus den Fehlern gelernt.Deshalb stehen wir heute gut da.

TAGESSPIEGEL: Was ist verloren worden?

WERNER: Das ist schwer zu sagen.Aber Geld haben wir wohl gar nicht verloren.

TAGESSPIEGEL: Zumindest haben Sie einen Blauen Brief vom Bundesrechnungshof bekommen.Kann der Aufsichtsrat voll und ganz seine Kontrollaufgabe wahrnehmen, wenn sein Vorsitzender Mandate in weiteren Unternehmen hat und außerdem für ein New Yorker Investmenthaus arbeitet?

WERNER: Die Expo hat die absolute Priorität.Ich wende die Hälfte meiner Zeit auf die Expo, verstehe mich als Aufsichtsrats-Vorsitzender und als Dienstleister der Geschäftsführung.Ich habe viel gemacht in meinem Leben und kenne viele Leute.Mit denen rede ich und öffne Türen.

TAGESSPIEGEL: Auf der Expo in Lissabon geht es um ein einziges Thema: die Ozeane.In Hannover dagegen ist alles ein Thema.Biodiversität und Global Village, Seuchen und Arbeitslosigkeit.Lassen Sie diese Themenvielfalt als Unentschiedenheit durchgehen?

WERNER: Die Politik hat uns das Thema vorgegeben: "Mensch - Natur - Technik".Es geht um die Zukunft des Menschen in elf Themen.Wir wollen das beste von dem vorstellen, was die Menschheit heute denkt.

TAGESSPIEGEL: Ein hehres Ziel.

WERNER: Wir werden nicht auf alle Fragen alle Antworten geben.Aber wir wollen Wissen vermitteln, und vor allem unterhalten.Wir wollen 40 Millionen fröhliche Besucher.

TAGESSPIEGEL: Noch 23 Monate bis zur Eröffnung der Expo.Wie ist der Stand der Dinge heute?

WERNER: Wir starten pünktlich, aber wir stehen unter erheblichem Zeitdruck.In den nächsten Monaten ist die Stadt total auf den Kopf gestellt, manche ärgern die 300 Baustellen in der Stadt.Am Ende kommt ein neues Hannover heraus - und eine Expo, von der wir alle profitieren.

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben