Wirtschaft : Der Stoff, der aus der Kälte kommt

Die Temperaturen sind brutal, die Lebensbedingungen auch: 40 Kilometer nördlich des Polarkreises fördert die russische Gasprom Energie für Deutschland

Bernd Hops

Novy Urengoi - Der Hubschrauber fliegt über eine gesichtslose, weiße Weite. Halb ertrunken gucken hier und da Baumspitzen aus meterdicken Schneeschichten. Das Auge ermüdet langsam durch die fehlenden Konturen. Plötzlich tauchen aus dem Nichts Werkshallen und Pipelines auf. Es ist eine Gasförderstelle des russischen Energiekonzerns Gasprom, 40 Kilometer nördlich des Polarkreises. Hier führt keine Straße hin. Die Besatzung der Station in Westsibirien ist auf Helikopter angewiesen – wie ihre Kollegen auf einer Bohrinsel auf hoher See, nur dass das Wasser hier gefroren ist. In der Eiseskälte läuft keiner der Arbeiter draußen herum. Das Werk Pestsowaja liegt verwaist da – als grauer Klecks auf einer weißen Fläche.

27 Milliarden Kubikmeter Erdgas werden allein durch diese Anlage jedes Jahr aus der Erde geholt – das entspricht rund 70 Prozent der Menge, die Gasprom an Deutschland, den größten europäischen Kunden, verkauft. Hier in Westsibirien liegen die größten Felder, mit deren Gas Europa versorgt wird. Doch seit dem Gasstreit mit der Ukraine im Januar dieses Jahres ist das Image Russlands als zuverlässiger Energielieferant stark angekratzt.

Die Bedingungen, unter denen Erdgas gefördert wird, sind oft extrem. Mensch und Material ertragen in Sibirien Temperaturen von bis zu minus 60 Grad im langen Winter – „Metall kann da brechen wie Glas“, erzählt ein Manager – und plus 40 Grad im kurzen Sommer. Dafür ist der Boden bis in mehrere hundert Meter Tiefe permanent gefroren. Und das, worauf man es abgesehen hat – nämlich auf Gas und Öl –, befindet sich 1400 Meter unter der Erdoberfläche, wenn das Unternehmen Glück hat, oder auch erst bei 4000 Metern.

Die Zahl der Länder, die russisches Gas wollen, wächst trotzdem ständig. Schließlich ist Erdgas bei der Verbrennung sauberer als Kohle oder Öl. Russlands Präsident Wladimir Putin und die Gasprom-Führungsspitze versuchen, alle Zweifel daran zu zerstreuen, ob das Land überhaupt mit der wachsenden Nachfrage mithalten kann – und will. „Es ist genug Gas für alle da“, heißt es regelmäßig. Das sieht die Internationale Energie-Agentur in Paris anders und warnte vor kurzem, dass Russland unter Umständen bestehende Lieferverträge in einigen Jahren nicht mehr einhalten könne – geschweige denn neue Verpflichtungen.

Die russische Rolle bei der Energieversorgung ist kaum zu überschätzen. Allein Gasprom hat einen Anteil von 16 Prozent an den weltweit nachgewiesenen Erdgasvorkommen, alle Unternehmen in Russland zusammen mehr als 23 Prozent. Gerade erst wurde ein Vertrag über den Bau einer neuen Pipeline nach China abgeschlossen. Auch Indien hat Interesse an dem Energiespender angemeldet. Nach Nordamerika soll irgendwann in den kommenden Jahren verflüssigtes Erdgas per Schiff transportiert werden. Und natürlich wächst auch der Bedarf in Europa. Russland will in Großbritannien eine wichtigere Rolle spielen, sobald die Gasvorräte aus Nordsee-Quellen aufgebraucht sind und umfangreichere Importe nötig werden. Wichtiges Verbindungsglied ist die geplante Ostsee-Pipeline, die bisher vor allem durch den Aufsichtsratsposten für Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder Schlagzeilen macht.

Der Faktor Mensch spielt im Werk Pestsowaja nur im Hintergrund eine Rolle, das meiste läuft vollautomatisch. In einer Halle strömt das frisch geförderte Gas mit großem Lärm durch ein Wirrwarr aus kleinen und großen Rohren. Hier wird das Gas gereinigt. Außerdem muss der Druck für den weiteren Transport per Pipeline gesenkt werden. Wie bei einem frisch angestochenen Bierfass drängt es das Erdgas unaufhaltsam raus aus der Enge der Erde an die Oberfläche. Beobachtet wird das Ganze lediglich von einem Mann – mehrere hundert Meter entfernt auf einer Reihe von Flachbildschirmen.

Pestsowaja ist erst 2004 eröffnet worden. Arbeiter sind nur für Routinewartungen da und um zu kontrollieren, dass die Maschinen auch das machen, was sie sollen. Es gehört zu dem Modernsten, was Gasprom derzeit zu bieten hat. Die Bilder von verrosteten Anlagen und verseuchten Landschaften, die man in den vergangenen Jahren mit Russlands Rohstoffförderung verbunden hat, gibt es zumindest hier nicht. Gasprom will den Anschluss an internationale Standards. „800 Millionen Dollar wurden in die Infrastruktur und die Förderanlage investiert“, sagt Alexander Dudov, der stellvertretende Direktor für die Produktion von Urengoigasprom, der lokalen Gasprom-Tochter.

Bis zu 250 Menschen arbeiten auf Pestsowaja. Für sie gibt es ein eigenes Wohnheim – Billardzimmer und eine Sporthalle, die noch nach frischem Linoleum riecht, inklusive. Viel Zeit, um die Einrichtungen zu nutzen, haben sie allerdings nicht. Die Schicht dauert zwölf Stunden, sechs Tage die Woche. Nach 30 Tagen werden die Arbeiter ausgewechselt und dürfen für 30 Tage aus dem Schneemeer nach Hause, um sich teilweise einige tausend Kilometer entfernt von den Strapazen zu erholen.

Damit auch die nächsten Jahrzehnte wie versprochen genügend Erdgas in das wachsende Pipelinenetz gedrückt werden kann, müssen Gasprom und die anderen Gasfördergesellschaften Tausende von Menschen davon überzeugen, in unwirtliche Gegenden zu ziehen, die sonst nur von wenigen einheimischen Rentierzüchtern bevölkert werden. Die Löhne, die hier für die Gasarbeiter bezahlt werden, sind für russische Verhältnisse überdurchschnittlich hoch. Auf den abgelegenen Feldern gibt es laut Gasprom im Schnitt umgerechnet etwa 2000 Euro. In der wichtigsten Stadt der Region – Novy Urengoi – sind es 1500 Euro, 110 000 Menschen werden allein durch den Energiehunger der Welt ernährt. Eine Hochschule sorgt für den nötigen Expertennachwuchs.

Novy Urengoi, gerade einmal rund 30 Jahre alt, ist eine Ansammlung von scheinbar planlos verteilten nüchternen Plattenbauten. Selten stiehlt sich Farbe in das Bild – etwa dank der Leuchtreklame eines kleinen Lebensmittelgeschäfts, das sich etwas missverständlich „Rosa Flamingo“ nennt. Die Architektur ist genauso kalt wie das Wetter, das bevorzugte Fortbewegungsmittel im Winter ist selbst für kurze Strecken das Auto. Bei 16 Grad minus wagen sich einige Menschen mehr auf den Gehsteig. „Das ist für uns Frühling“, sagt einer. Will man da nicht lieber doch weg und woanders nach Arbeit suchen? Die regelmäßige Antwort auf diese Frage ist eindeutig: „Nein.“ Schließlich ist die Bezahlung gut.

Dass die Bewohner Novy Urengois nicht arm sind, sieht man an der Kleidung. Pelzmäntel und teure Stöckelschuhe gehören zur Grundausstattung der Frauen. Selbst Arbeiter in den Gasförderanlagen tragen zum Blaumann Schuhe, die auch in Mailand Abnehmer finden würden.

Nur wenige Kilometer vor den Toren Novy Urengois liegt die älteste Förderanlage der Region, die „Nummer 1“. Seit 27 Jahren strömt hier Gas aus der Erde. Die Straße dorthin wird regelmäßig von Schneeräumfahrzeugen vom Eis befreit. Sie liefern sich einen Wettlauf mit der unwirtlichen Natur. Komplett eisfrei ist die Straße nur im Sommer. Chef von Nummer 1 ist Pavel Kuskow. „Sollte die Anlage einmal komplett von der Außenwelt abgeschnitten werden, dann haben wir Vorräte, um die Förderung noch einen Monat aufrecht zu erhalten“, sagt der 47-jährige, unscheinbar wirkende Mann. Er sei seit sechs Jahren auf diesem Feld, sagt Kuskow, aber einen wirklich schlimmen Vorfall habe er bisher nicht erlebt. „Einen totalen Stopp der Förderung gibt es nur, wenn die Anlage gewartet wird.“ Seit Generationen lebt Kuskows Familie davon, dass in der Erde nach Energiequellen gesucht wird. Kuskows Großvater war Chefingenieur für die Ölförderung in Tschetschenien. Nun arbeitet Kuskow selber in Sibirien – und sein Sohn könnte ihm nachfolgen. Der 21-Jährige lässt sich gerade zum Ingenieur ausbilden.

In dem Kontrollraum von Nummer 1 sitzt Swetlana Aksjonowa vor vier Bildschirmen. Der größte Teil der Kontrollgeräte stammt noch aus der Sowjetära und soll im kommenden Jahr durch modernes Material ersetzt werden. Die 54-Jährige arbeitet seit 24 Jahren auf diesem Gasfeld. Auch in postsowjetischer Zeit wird stolz auf ihren Titel „Veteranin der Arbeit“ verwiesen. In einem Jahr werde sie in Rente gehen, sagt Aksjonowa. Dann wird sie nach Tyumen ziehen, eine Flugstunde südlich von Novy Urengoi. Sobald es nicht mehr ums Geldverdienen geht, verliert die Gasstadt schnell an Reiz. Es gibt kaum alte Menschen.

Nachfolgende Generationen werden aber weiter zum Wohle der Energieverbraucher weltweit in Novy Urengoi frieren können. „Die gefundenen Vorkommen reichen noch für 30 bis 40 Jahre“, sagt Produktionsdirektor Dudov. „Es ist aber für uns ein Grundgesetz, dass wir immer neue Lagerstätten erschließen.“ Erst Kuskows und Aksjonowas Urenkel werden sich Gedanken darüber machen müssen, ob aus Novy Urengoi eine Geisterstadt wird oder ob es auch ohne Gasvorräte einen Grund gibt, hier zu leben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar