Wirtschaft : Der Streber legt nach

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Berlin - Der Klassenprimus trumpft auf. So zumindest könnte das Konzept, das Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) am Dienstag vorstellte, aus französischer Perspektive gesehen werden. Eine Woche, nachdem Brüderle von der französischen Finanzministerin Christine Lagarde ans Herz gelegt wurde, die Binnennachfrage zu stärken, stellte der Exportstreber eine Außenwirtschaftsoffensive vor. Brüderle will sich von seinem französischen Banknachbarn nichts zuflüstern lassen, er rechnet anders. In Deutschland sieht der Minister noch keine „selbstragenden Aufschwungtendenzen“. Für den Weltmarkt allerdings prognostiziert der Internationale Währungsfonds in diesem Jahr sechs Prozent, für 2011 sogar acht Prozent Wachstum. Besonders in den Schwellenländern wächst der Wohlstand und damit die Nachfrage nach hochwertigen Produkten. Von diesen Märkten soll die deutsche Wirtschaft, besonders der Mittelstand, ein Stück abbekommen, und zwar ein möglichst großes.

Das Programm, das der Wirtschaftsminister präsentierte, greift auf Bewährtes zurück, das verbessert oder erweitert wird. Das Ministerium will die Handelskammern stärker über Fördermöglichkeiten aufklären. Kleinere Unternehmen sollen bei der Bewerbung um internationale Ausschreibungen unterstützt werden. Von internationalen Sportveranstaltungen sollen Unternehmen profitieren, überhaupt sieht der Minister Politiker in der Pflicht, auf Auslandsreisen Unternehmern die persönliche Kontaktpflege zu ermöglichen. Das Außenhandelsrecht soll entschlackt, Zollverfahren entbürokratisiert, das Netz der Außenhandelskammern ausgebaut und der Schutz geistiger Eigentumsrechte gestärkt werden. Auch bilaterale Freihandelsabkommen sollen geschlossen werden, solange die Welthandelsgespräche im Rahmen der WTO nicht abgeschlossen seien. Mit einem Seitenhieb auf den US-Großauftrag für Tankflugzeuge, bei dem sich der europäische Konzern EADS benachteiligt fühlt, sicherte Brüderle zu, sich energisch gegen Protektionismus einzusetzen.

Nein, als Provokation sei das keinesfalls gemeint, sagte der Minister auf die Nachfrage eines französischen Journalisten. Die Debatte erinnere ihn an seine Schulzeit. „In Wirklichkeit wollten doch alle genauso gut sein wie der Klassenprimus.“ Anna Sauerbrey

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