Wirtschaft : Der Streit über "Frankenstein Food" spitzt sich zu

WASHINGTON . Der transatlantische Konflikt über Hormonfleisch und genetisch veränderte Lebensmittel aus den USA gewinnt an Schärfe. Frankreichs Agrarminister Jean Glavany solle besser "hetzerische Äußerungen" unterlassen, warnte sein US-Kollege Dan Glickman. Glavanys Vergehen: Er hatte amerikanische Lebensmittel als "die schlechtesten der Welt" bezeichnet, nachdem Washington im Streit um hormonhaltiges Fleisch Strafzölle auf europäische Agrarwaren wie Senf, Gänseleberpastete, Trüffel und Fruchtsäfte verhängt hatte. Vor der Ministerkonferenz der Welthandelsorganisation WTO, die Ende November in Seattle stattfindet und auf der wichtige Weichenstellungen erwartet werden, droht ein regelrechter Handelskrieg.Nicht nur Glavany zieht kräftig vom Leder. US-Regierungsmitglieder sprechen offen an, für wie absurd und hysterisch sie die Weigerung der Europäer halten, Hormonfleisch und genetisch veränderte Nahrung einzuführen. "Ich halte das Mißtrauen für wissenschaftlich unbegründet", sagte Glickman. Das meint auch die Agrarindustrie, die in biotechnologischer Nahrung den Exportschlager der Zukunft sieht.Offizielle in Washington mögen nicht glauben, daß die Angst europäischer Verbraucher die Europäische Kommission zu ihrer Haltung treibt. Auch in Talkshows werden eher die ohnehin für ihre Mauertaktik berüchtigten Eurokraten als die Bürger verantwortlich gemacht. Sie sollten eher im eigenen Haus aufräumen und eine effektive Kontrollbehörde nach dem Muster der amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) aufbauen, statt ihre Schützlinge mit immer neuen Skandalen wie dem Rinderwahnsinn in Großbritannien und den Dixin-Hühnern in Belgien zu verunsichern.Doch es gibt inzwischen auch andere Signale. US-Korrespondenten berichten nach Hause, daß es in Europa eine wachsende Sorge über die biotechnologische US-Kost gebe. Das Thema sei so explosiv, daß sich US-Regierung und amerikanische Firmen ihm offen und einfühlsam stellen müßten. Und auch in den USA rührt sich langsam Widerstand.Lange Zeit nahm die Öffentlichkeit den starken Anstieg genetisch veränderter Nahrung kommentarlos hin. 40 Prozent des Mais-Anbaus und 44 Prozent der Sojabohnen sind genetisch behandelt, bei Kartoffeln und Südfrüchten wie Papayas nimmt der Anteil zu. In fünf Jahren soll es so gut wie kein Nahrungsmittel mehr ohne einen genetisch veränderten Bestandteil geben. Wenn es nach der Industrie geht, wird der Konsument dies - wie bisher - nicht durch einen Hinweis auf der Packung erfahren.Darauf führen Kritiker das öffentliche Schweigen zurück. Seit eine Studie der Cornell-Universität ergab, daß genetisch veränderter, gegen Schädlinge resistenter Mais den Tod der bedrohten Monarch-Schmetterlinge auslöst, ist es mit der Ruhe jedoch vorbei. Einige umweltbewußte Investmentfonds erwägen sogar inzwischen, Biotech-Agrarfirmen zu boykottieren. Verbrauchergruppen weisen auf ihrer Meinung nach völlig unabsehbare Risiken für die Tier- und Umwelt hin. Sie fordern Tests und Kennzeichnung der Biotech-Nahrung.Agrarminister Glickman ist bisher das einzige Regierungsmitglied, das öffentlich die Verbraucherstimmung ins Kalkül zog: Unwillige Konsumenten könne man nicht dazu zwingen, Lebensmittel zu kaufen. Aus diesem Grunde forderte er, "die Ärmel aufzukrempeln und den Konflikt auf der Grundlage des freien Handels, vernünftiger Wissenschaft und unter Beteiligung der Verbraucher zu lösen".Doch auch Glickman hält die Nahrung, die von ihren Gegnern "Frankenstein Food" genannt wird, für sicher. Sein Ministerium, das bisher 50 genetisch veränderte Arten von Pflanzen zuließ, will die Genehmigungen beschleunigen. "Die Biotechnik kann uns helfen, den Einsatz von Pestiziden und Wasser zu senken, die Erträge zu erhöhen und den Nährwert zu verbessern."Wenn die Europäer nicht zur Kooperation bereit seien, werde Washington "energisch für seine legitimen Rechte kämpfen", kündigte der Minister an. Bis zum Jahr 2002 hat die EU vorerst ein Moratorium für die Zulassung der umstrittenen Lebensmittel erlassen.

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