Wirtschaft : „Der Supermarkt hat ein Image-Problem“

Fritz Ammann, Chef der Handelsgruppe Spar, über seinen Kampf gegen die Discounter und den Ausweg aus der Konsumkrise

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Herr Ammann, glaubt man neusten Umfragen, ist die Stimmung der Verbraucher im Oktober wieder schlechter geworden. Trauen die Menschen dem Aufschwung nicht?

Die Verbraucher glauben nicht mehr an die Vorhersagen. Die Politiker versuchen zwar, mit Ankündigungen wie dem Vorziehen der Steuerreform die Stimmung der Konsumenten ein wenig zu verbessern. Die Bürger sind aber verunsichert, weil sie eine Kürzung der Renten oder höhere Ausgaben für die Gesundheit fürchten.

Was sollte die Politik tun?

Regierung und Opposition müssen zu einer gemeinsamen Haltung finden, um die Probleme zu lösen. Werden die politischen Entscheidungen getroffen, wissen die Menschen endlich, was auf sie zukommt. Die Verbraucher in Deutschland werden aber erst dann wieder mehr konsumieren, wenn die Investitionen anziehen und neue Arbeitsplätze entstehen. Haben wieder mehr Leute Arbeit, verbessert sich nicht nur die Stimmung, sondern sie haben auch wieder mehr Geld in der Tasche.

Wird das Weihnachtsgeschäft die Wende bringen?

Ich bin optimistisch, dass das Weihnachtsgeschäft gut läuft. Große Steigerungsraten sehe ich aber nicht. Im Lebensmittelhandel erwarte ich Umsätze auf dem Niveau des Vorjahres.

Der Boom der Discounter ist ungebrochen. Ist der klassische Supermarkt ein Auslaufmodell?

Nein. Die Supermärkte müssen nur ihre Stärken stärker hervorheben. Der Supermarkt bietet einfach mehr als das Standardangebot des Discounters. Ein Spar-Markt hat rund 10 000 Artikel im Angebot, Aldi rund 700. Ich glaube nicht, dass sich die Konsumenten in Deutschland mit einem Miniangebot zufrieden geben, das an sozialistische Zeiten erinnert. Der zweite große Vorteil des Supermarkts ist seine Kundennähe. Persönlichen Service wie Lieferdienste oder Partyservice bieten die Billigketten nicht. Zudem können selbstständige Supermarktbetreiber wie wir sie haben, aber auch Rewe oder Edeka, ihr Angebot an die regionalen oder lokalen Kundenbedürfnisse anpassen. Letztlich entscheiden aber die Kunden mit ihrem Einkaufsverhalten darüber, ob es morgen noch einen Supermarkt gibt.

In den vergangenen Jahren haben sich die Kunden immer häufiger gegen den Supermarkt entschieden.

Die Supermärkte bieten nicht nur Vielfalt und Service, sondern sie können auch bei den Preisen mit den Discountern konkurrieren. Wir haben mit der Handelsmarke „Die Sparsamen" 330 Produkte im Angebot, die genauso günstig sind wie die Artikel bei den Discountern. Sie werden aber von den Kunden nicht so wahrgenommen. Der Supermarkt hat ein Image-Problem. Deshalb haben wir gerade eine eigene Image-Kampagne gestartet und planen für das kommende Jahr eine Werbekampagne gemeinsam mit der Markenartikelindustrie, in der wir die Stärken des klassischen Supermarktes hervorheben wollen. Ich hoffe, dass sich daran auch unsere Konkurrenten Rewe und Edeka beteiligen werden.

Den Trend zum Discounter gibt es seit Jahren. Kommen Sie damit nicht etwas spät?

Spät ja, aber noch nicht zu spät. Die Handelskonzerne haben lange geglaubt, die Discounter könnten nur einen bestimmten Marktanteil gewinnen, dann sei Schluss. Mir haben Experten vor zehn Jahren gesagt, mehr als 30 Prozent erreichen die Billigketten nie. Heute sind es fast 40 Prozent und niemand kann vorhersagen, wann dieses Wachstum aufhört.

Sie wollten Ihre Verbrauchermärkte auf ein Qualitätskonzept umstellen: Schönes Ambiente, gute Qualität, hoher Preis. Lässt sich damit in Deutschland kein Geld verdienen?

Richtig ist, dass die Lust auf Vielfalt beim Essen in Deutschland nicht so ausgeprägt ist wie zum Beispiel in Frankreich oder Italien. Dort ist die Esskultur weiter entwickelt und für den Einzelnen wichtiger. Viele Deutsche glauben, Essen ist ein notwendiger Vorgang, dem man aber keine größere Bedeutung beizumessen braucht. Die Standardküche reicht ihnen meist. Wir sind mit dem Intermarché-Konzept aber nicht daran gescheitert, dass wir zu hohe Qualitätsansprüche hatten. Es gab dafür auch interne Gründe. Eigenständige Supermarktbetreiber zu beliefern und Geschäfte in Eigenregie zu betreiben, sind unterschiedliche Dinge. Das hat nicht funktioniert.

Der Preiskampf unter den Händlern ist hart. Leidet darunter auch die Qualität der Produkte?

Wenn der Druck auf die Hersteller immer stärker wird, die Preise zu senken, kommt irgendwann der Punkt, wo an der Qualität der Zutaten gespart wird.

Sind Markenartikel besser als die No-Name- Waren der Discounter?

Die Marken müssen eine bessere Qualität bieten, um bestehen zu können. Nicht immer gelingt ihnen das. Es sind aber die Markenartikelhersteller, die viel Geld in die Entwicklung neuer Produkte und in neue Produktionsverfahren investieren. Zudem bieten sie eine größere Vielfalt an Produktvarianten an. All das rechtfertigt höhere Preise.

Viele Marken werden auch bei den Discountern angeboten. Machen sich die Markenanbieter damit die Preise selbst kaputt?

Die Preispolitik der Markenhersteller muss nachvollziehbar bleiben. Der Preisabstand zwischen Discounter und Vollsortimenter darf nicht zu groß sein. Sonst sind die Kunden nicht mehr bereit, für eine Marke einen höheren Preis zu zahlen.

Würden Sie Marken aus dem Sortiment werfen, die bei den Discountern verscherbelt werden?

Wir ersetzen bereits jetzt schwache Marken durch unsere eigenen Handelsmarken. Die Markenartikelhersteller müssen aber insgesamt umdenken. Nehmen wir die Einführung neuer Produkte, die immer über die Supermärkte läuft. Ein Discounter würde nie das Risiko eingehen, dass ein innovatives Produkt ein Flop wird. Ist der Artikel im Supermarkt dann aber ein Erfolg, verkaufen ihn viele Markenanbieter zu besseren Konditionen an die Discounter, und der Supermarkt steht mit höheren Preisen da.

Die Discounter nehmen große Mengen ab. Rechtfertigt das nicht die hohen Rabatte?

Das ist aber zu kurz gedacht. Die Supermärkte übernehmen nicht nur die Rolle von Innovatoren, sondern bieten den Markenanbietern auch die Plattform, um ihre gesamte Produktpalette zu präsentieren. Die Hersteller sollten den Supermarkt-Betreibern einen Rabatt dafür gewähren, dass sie eine große Auswahl bieten - eine Art Vielfaltsrabatt.

Spar hat auch einen Discounter im Portfolio. Soll der weiter wachsen?

Netto wird sehr eigenständig mit einer eigenen Zentrale in Süddeutschland geführt. Pro Jahr eröffnen wir zwischen 50 und 80 neue Filialen.

Ist in Deutschland Platz für sechs Discounter?

Ja. Der Konsument will es so. Aldi wird seinen Marktanteil weiter ausbauen. Durch ihr kleineres Sortiment haben die Discounter einfach die besseren Kostenstrukturen.

Spar schreibt seit Jahren hohe Verluste. Was ist der Grund für die Krise?

Die Spar-Gruppe ist in den 90er Jahren völlig unkontrolliert expandiert. In Ostdeutschland wurden 1500 HO-Läden übernommen und weitere Ketten dazugekauft. Darunter waren viele unattraktive Standorte. Die Integration der neuen Märkte hat nicht funktioniert. Das waren schwere Managementfehler.

Wie wollen Sie aus dieser Situation herauskommen?

Wir konzentrieren uns auf unsere Stärken. Das sind der Großhandel und die selbstständigen Einzelhändler. Die rund 380 Märkte, die wir in Eigenregie geführt haben, geben wir auf. Das heißt, wir schließen, verkaufen sie, oder ein selbstständiger Einzelhändler übernimmt sie. Das soll bis Mitte 2004 abgeschlossen sein.

Wie hat sich das Dosenpfand auf die Umsätze ausgewirkt?

Die Umsätze bei Einwegverpackungen sind um 40 Prozent eingebrochen und konnten nur zum Teil durch Mehrweg ersetzt werden. Für mich ist das ökonomischer Unsinn. Die Politik hat das Dosenpfand vor mehr als zehn Jahren erfunden und inzwischen hat sich das zu einem Monster entwickelt.

Das Gespräch führte Maurice Shahd.

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