Wirtschaft : Der Tagesspiegel „35 Stunden sind zu wenig“

Vattenfall-Chef Lars Josefsson über Arbeitszeit, Mitbestimmung und Pläne in Europa

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Herr Josefsson, Wirtschaftsminister Clement hat jetzt festgestellt, die Deutschen haben zu viele Feiertage, machen zu lange Urlaub und arbeiten zu wenig. Finden Sie das auch?

Urlaub muss der Mensch schon machen. Das ist wichtig für seine Balance. Aber 35 Stunden Arbeitszeit pro Woche sind eindeutig zu wenig. Die Schweden arbeiten im Durchschnitt fünf Stunden mehr.

Deutschland will seine Sozialsysteme reformieren. Können wir von den Schweden lernen?

Wer den Sozialstaat umbauen will, muss bereit sein, heilige Kühe zu schlachten. Das geht nur, wenn über die Parteigrenzen hinweg ein Konsens über grundlegende Reformen vorhanden ist. Ich hoffe, dass Gerhard Schröder seine Agenda 2010 umsetzen kann und zwar möglichst schnell. Wichtig ist auch, dass der Kanzler das zu seiner persönlichen Sache gemacht hat.

Kennen Sie solch eine heilige Kuh, die in Deutschland noch geschlachtet werden muss?

Das Rentensystem zum Beispiel. Früher hatten die Schweden eine feste Rentenzusage. Heute spielt die Eigenvorsorge eine große Rolle. Wer früher in Rente geht, muss mit deutlichen Abschlägen rechnen.

Vattenfall hat aus Bewag, HEW, Laubag und Veag ein völlig neues Unternehmen konstruiert. Wo hat es besonders geklemmt?

Bei der Mitbestimmung. Ich will mich nicht beklagen, weil wir letztlich zum Ziel gekommen sind. Ich glaube sogar in Rekordzeit für deutsche Verhältnisse, und das hatte natürlich entscheidend damit zu tun, dass in unserem Unternehmen die Arbeitnehmerseite wichtige Entscheidungen partnerschaftlich mitgetragen hat. Aber etwas dynamischer könnte es schon gehen. Es gibt zu viel Bürokratie und zu starre Regeln. Das ließe sich alles beschleunigen, ohne die Rechte der Arbeitnehmer wirklich einzuschränken. Die Schweden haben die Mitbestimmung erfunden, die Deutschen haben sie perfektioniert.

Warum entscheidet sich ein schwedischer Energiekonzern für Berlin als Zentrale für Mitteleuropa?

Ein kleiner Hauptstadtbonus ist schon dabei. Berlin ist eine schöne Stadt und wir fühlen uns hier willkommen. Aber wir wollten ganz bewusst zur Entwicklung Berlins als Industriestandort beitragen. Die Stadt hat es dringend nötig.

Bislang kostet ihr Konzept der „dritten Kraft“ neben Eon und RWE auf dem deutschen Strommarkt nur Arbeitsplätze. Kommen bessere Zeiten?

Wir wollen ja wachsen, nicht schrumpfen. Neue Jobs dürfen Sie erst in einigen Jahren erwarten. Noch stecken wir in der Umbauphase und da müssen wir abbauen.

Vattenfall ist in drei Jahren auf die dreifache Größe gewachsen. Geht das in diesem Tempo weiter?

Vattenfall soll auch in zehn Jahren zu den führenden europäischen Energiekonzernen gehören. Erwarten Sie jetzt von mir keine genaue Vorhersage, was wir in drei oder in sieben Jahren machen werden. Die Gruppe hat jetzt elf Milliarden Euro Umsatz, in fünf Jahren können es vielleicht schon 20 oder 25 Milliarden Euro sein.

Bleiben Sie auf Einkaufstour in Deutschland? Eon will gerade den Regionalversorger EWE und in Ostdeutschland die VNG verkaufen.

Zur Zeit gibt es keine interessanten Angebote. Wir sind keine Bank, die sich mit Minderheiten zufrieden gibt. Wir sind ein Industrieunternehmen und wollen langfristig bei unseren Beteiligungen das Sagen haben. Deshalb bieten wir bei EWE und VNG nicht mit.

In Deutschland stehen Dutzende von Stadtwerken zum Verkauf.

StadtwerkeBeteiligungen sind seit der Liberalisierung sehr teuer geworden, weil die Kommunen zu hohe Preisvorstellungen haben. Wir sind aber nicht in Eile. Zur Zeit haben wir in Deutschland einen Marktanteil von 15 Prozent, den können wir selbst durch den Zukauf von vier oder fünf Stadtwerken nicht entscheidend steigern. Unser Interesse hält sich deshalb in Grenzen.

Also bleibt nur das Ausland?

Deutschland ist zwar unser Kernmarkt in Mitteleuropa. Künftiges Wachstum sehe ich jedoch vor allem durch unser verstärktes Engagement in den Nachbarländern, im Westen etwa in den Niederlanden oder im Osten natürlich besonders in Polen.

Haben Sie überhaupt genug Geld dafür? Vattenfall hat fast acht Milliarden Euro Schulden.

Unsere Verschuldung hatte ihren Höchststand im dritten Quartal 2002; seither führen wir die Schulden dank unseres starken Cash flows zurück. Die absolute Höhe der Schulden ist nicht entscheidend, sondern die Kreditwürdigkeit. Wichtig ist für uns, dass wir unser Rating im Single A-Bereich halten.

Europas Staaten wollen alle Energiemonopole abschaffen. Was haben die Kunden davon?

Sie werden billigeren Strom bekommen.

Das gilt offenbar nicht für Deutschland: Die Monopole sind seit fünf Jahren abgeschafft, und der Strom kostet heute so viel wie damals.

Nicht der Strom, sondern die Endkundenpreise! Nach dem Start der Liberalisierung gab es erst einmal einen rasanten Preisverfall. Es gab ja auch zu viele Kraftwerke, die zu Monopolzeiten gebaut worden waren. Die Politiker haben dann die einmalige Gelegenheit für Steuererhöhungen erkannt und genutzt, um die Staatskassen zu füllen. Das war in Deutschland nicht anders als bei uns in Schweden.

Das gibt wenig Hoffnung auf sinkende Preise in Zukunft.

Die Politiker wissen genau, dass Stromrechnungen in den Haushaltsbudgets nur eine kleine Rolle spielen. Massive Proteste gegen höhere Abgaben sind nicht zu erwarten. Der eigentliche Vorteil der Liberalisierung liegt aber darin, dass die Energieversorgung effektiver und damit die Wettbewerbsfähigkeit Europas in der Welt gestärkt wird.

Einige Ihrer Kollegen sagen, Strom sei eben Strom und deshalb gebe es auch keinen richtigen Wettbewerb auf dem Strommarkt.

Das ist Unsinn. Sehen Sie sich die extremen Preisschwankungen an den Strombörsen in Leipzig oder Oslo an. Stromhandel ist ein riskantes Geschäft für die Energieunternehmen. Dem Endkunden verkaufen wir dagegen Sicherheit. Er hat Festpreise und die freie Entscheidung, wann und wie viel er verbrauchen will.

Beweisen so genannte Billigstromanbieter nicht, dass der Konkurrenzkampf auch um Privatkunden funktioniert?

Billiganbieter konkurrieren ausschließlich über den Preis. Das reicht nicht zum Überleben. Der Kunde fragt sich doch, wie lange gilt der Preis? Und da kann niemand Garantien abgeben.

Werden Sie sich von Ihrer Billig-Tochter Best Energy verabschieden?

Damit haben wir bereits begonnen.

Ab 2004 soll es trotz heftiger Proteste der Branche eine Regulierungsbehörde für den Strom- und Erdgasmarkt geben. Eine gute Idee?

Das ist sinnvoll. Ein Regulierer schafft Vertrauen in den Markt. Er darf jedoch nur kontrollieren und keine Preise festsetzen. Kalkulieren sollen die Unternehmen schon selbst.

Das Gespräch führte Dieter Fockenbrock.

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