Wirtschaft : Der Tagesspiegel „Deutsche haben Angst vor dem Internet“

Lastminute.com-Chefin Martha Lane Fox über den Reisemarkt, Billigangebote und die Zukunft der New Economy

-

Frau Fox, Sie gelten als die Queen des EBusiness.

Bloß nicht! Ich finde, die Monarchie gehört abgeschafft. Es ist eigentlich ein Witz, dass Queen Elisabeth uns quasi in die Fenster gucken kann, weil wir unseren Sitz gegenüber dem Buckingham Palast haben. Aber im Ernst: Wir haben in der Internetwirtschaft eine sehr gute Stellung. Wenn ich daran zurückdenke, wie ich vor fünf Jahren mit meinem Geschäftspartner Brent in seinem Wohnzimmer saß und er die Idee für lastminute.com hatte, dann finde ich es unglaublich, dass ich heute mehrmals pro Woche zu unseren Filialen nach Frankreich, Deutschland oder Italien reise. Unser Umsatz ist im letzten Quartal um 126,4 Prozent gestiegen.

Sars, Konjunkturschwäche und die Angst vor dem Krieg haben sich auf Ihr Geschäft nicht ausgewirkt?

Nicht stark. In unserem wichtigsten Markt, Großbritannien, haben wir das kaum gespürt, in Frankreich schon mehr, denn die Franzosen fahren gerne in arabische Länder. In Deutschland spüren wir die Kaufzurückhaltung schon. Bisher haben wir hier auch noch keinen Gewinn gemacht. Ein großes Problem in Deutschland ist die Angst vor dem Internet.

Sind die Befürchtungen um die Sicherheit bei Internet-Buchungen denn unbegründet?

Ja. Wir haben eine sehr sichere Software und einen eigenen Sicherheitsexperten. Ein Team checkt das System immer wieder nach Betrügereien. Bei höchstens einer von 10 000 Transaktionen gibt es mal ein Problem. Es ist bestimmt nicht unsicherer, bei uns mit der Kreditkarte zu buchen, als im Restaurant damit zu bezahlen.

Und warum kapieren das die Deutschen nicht?

Es müssen in Deutschland mehr Kreditkarten unter das Volk. In Großbritannien hat eigentlich jeder eine. Zudem sind die US-Online-Reisebüros schon länger hier präsent. Und auch die Billigflieger gibt es hier schon seit Jahren. Die haben viele Menschen mit ihren günstigen Angeboten ins Netz gelockt – und davon profitieren auch wir. Der direkte Markt wird aber ganz sicher auch in Deutschland kommen.

Steht Lastminute vor allem für billig?

Nein. Es bedeutet, einen guten Deal zu bekommen. Die Preise sind niedriger, aber nicht unbedingt an sich billig. Zum Beispiel haben wir übrig gebliebene Tickets vom Fußballspiel Manchester gegen Juventus in Kombination mit Hotel und Flug verkauft – für 400 Pfund. Wir waren die einzigen, die überhaupt noch Tickets angeboten haben. Man kann aber auch einen Wochenendtrip mit Flug und Vier-Sterne Hotel europaweit für 150 Pfund bekommen.

Geht es den Deutschen vor allem um Billigangebote?

Das Problem in Deutschland ist, dass der Begriff „Lastminute“ ausschließlich mit billigen Reisen verbunden ist. Das ist aber nicht unser Konzept. 40 Prozent unserer Kunden kaufen gar keine Reisen, sondern Konzertkarten oder buchen ein Restaurant. Wir sehen uns nicht nur als Online-Reisebüro, sondern als Verkäufer von Freizeitprodukten, die man kurzfristig bucht. In London zum Beispiel verleihen wir auch DVD oder liefern Essen aus. 65 Prozent unseres Umsatzes kommt von Reisen, 35 Prozent generiert der Rest.

Aber DVD gibt es in Deutschland noch nicht.

Erstmal nicht. Das direkte E-Commerce-Geschäft in Deutschland hat sich viel langsamer entwickelt, als wir dachten. Deshalb müssen wir in Deutschland auch noch zusätzlich den Weg über die Reisebüros gehen.

Wie machen Sie das?

Im März haben wir den Mietwagen-Broker Holiday Autos gekauft, der Zugang zu 12000 Reisebüros hat. Ab Herbst wollen wir dann zusammen in den Reisebüros unter dem Namen „Holiday and More“ unsere Produkte vertreiben. Und auch dort nicht nur die Reisen, sondern auch Theatertickets oder Geschenke. Außerdem halten wir 20 Prozent an LCC24.com, dem Online-Portal der Lufthansa City Center. Wir gestalten den Web-Auftritt und die verkaufen in ihren Reisebüros unsere Reisen.

Nachdem lastminute.com im Sommer 2002 das erste Mal Gewinne gemacht hat, sind Sie wieder in die Verlustzone gerutscht.

Das hatten wir erwartet, in der ersten Jahreshälfte läuft es immer etwas schlechter. Im Sommer erwirtschaften wir dagegen 40 Prozent unseres Umsatzes. Im dritten und vierten Quartal und im Gesamtjahr werden wir Gewinne machen und beim Umsatz die Milliardenschwelle überschreiten. Dieses Jahr werden wir auch zum ersten Mal in Deutschland profitabel sein.

Warum geht es Ihrem Unternehmen besser als anderen Reisekonzernen?

Unser Geschäft kann man nicht mit Tui oder der Lufthansa vergleichen. Wir verkaufen ja deren Restposten. Und davon gibt es in Krisenzeiten mehr. Und sie werden billiger. Die Leute reisen auch viel kurzfristiger – und das ist auch gut für uns.

Die Konkurrenz im Netz wächst: Billigflieger verkaufen übers Internet und Lufthansa oder Tui auch. Werden Sie da nicht überflüssig?

Die werden immer an uns interessiert sein, weil wir diese enormen Vertriebsmöglichkeiten haben: Sieben Millionen Menschen empfangen unseren Email-Newsletter weltweit. Wir haben jetzt eine Größe, bei der die Lieferanten und die Kunden nicht auf uns verzichten können.

Und die sieben Millionen Abonnenten kaufen auch alle bei lastminute.com?

Soweit sind wir noch nicht. Erstmal wollen wir, dass die Besucher unseren Email-Service abonnieren. Vor einem Jahr haben zwölf Prozent der Abonnenten was gekauft, jetzt sind es 20 Prozent. Wir müssen es noch unkomplizierter machen, im Netz einzukaufen. Vor allem aber müssen wir die Angebote personalisieren, um mehr Käufer zu finden.

Wie soll das funktionieren?

Bei uns kann man sich sein Paket ganz individuell zusammenschnüren. Man ist seine eigene Reiseagentur. Nehme ich diesen Flug und kombiniere ich ihn mit diesem Hotel, sehe ich sofort den Preis meiner Kombination auf dem Computer. Dieses „Dynamic Packaging“ wird es noch in diesem Jahr auch auf unserer deutschen Seite geben.

Werden überhaupt noch Reisebüros gebraucht?

Ja. Die Technologie wird zwar eine größere Rolle spielen, doch die Büros werden nicht verschwinden – genauso wenig wie die Zeitungen. Aber wer will, der kann man sich im Netz alles selbst zusammenstellen. Und für uns gilt vor allem: wir werden künftig viel mehr über unsere Kunden wissen. Ihre Vorlieben und ihre Herkunft verraten uns, was wir ihnen für maßgeschneiderte Angebote machen können. Wenn ein Angebot in ihrem Lieblingshotel gerade günstig ist, schicken wir eine SMS. Das ist in zwei, drei Jahren soweit. Schon jetzt haben wir 300 Versionen unseres wöchentlichen Mailings.

Lastminute.com ist seit einem Jahr ständig dabei, sein Portfolio zu erweitern. Wann kommt die nächste Expansion?

Erstmal nicht. Mit Holdiday Autos sind wir jetzt eine Zeit lang ausgelastet.

Warum hat lastminute.com die Internet-Krise überlebt?

Das war keine Krise. Es ist ganz normal, dass die Mehrzahl von neu gegründeten Geschäften pleite geht. Das ist auch bei klassischenUnternehmen so. Es dachte bloß jeder, dass alle gewinnen würden. Das Ganze war dann ein enormer Rückschlag mit der Folge eines sinkenden Vertrauens gegen die gesamte Internet-Economy. Und das ist falsch. Denn die Technologie hat noch immer unglaublich viel Potenzial.

Was muss ein gutes E–Business-Geschäftsmodell vorweisen?

Es muss natürlich die Technologie nutzen. Ein Geschäft, das es auch ohne Internet geben könnte, einfach online zu stellen, funktioniert nicht. So könnte es lastminute.com offline einfach nicht geben. Tausende von Produkten gleichzeitig mit Tausenden Kunden zu verbinden, geht nur online.

Wird es noch einmal einen New-Economy-Boom geben?

Unsere Aktie ist von 17 Pence letztes Jahr auf gegenwärtig 1,30 Pfund gestiegen. Es gibt ein neues, aber vorsichtiges Vertrauen. Wir wollen auch gar nicht, dass die Märkte wieder durchdrehen. Wir arbeiten hart und liefern jedes Quartal die richtigen Zahlen ab – deswegen verdienen wir auch Vertrauen.

Sie sind 30 Jahre alt, seit fünf Jahren Vorsitzende eines Unternehmens und eine Frau. Ist das manchmal problematisch?

Die Öffentlichkeit interessiert sich dafür – und das habe ich für lastminute.com ausgenutzt. Oft deprimiert es mich aber auch, dass ich wegen meines Alters und Geschlechts mehr beachtet werde. Und ich wünsche mir dann, dass ich mehr mit Frauen zusammen arbeiten könnte. Ernst genommen werde ich inzwischen – nach fast sechs Jahren .

Das Gespräch führte Flora Wisdorff.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben