Wirtschaft : Der Telefonmarkt ist außer Rand und Band

DANIEL WETZEL

Auf dem US-Telefonmarkt ist der Teufel los.Konzerne, von denen in Europa bisher kaum jemand gehört hat, betreiben Übernahmen und Fusionen, die die Milliarden-Ehe zwischen Daimler und Chrysler wie eine Zwergenhochzeit aussehen lassen: Worldcom kauft MCI für 37 Mrd.Dollar, Bell fusioniert mit GTE für 53 Mrd.Dollar, SBC bietet für Ameritech 62 Mrd.Dollar.Der Konsolidierungsprozeß ist ohne Beispiel: Die Fusionen summieren sich inzwischen auf einen Gesamtwert von über 200 Mrd.Dollar.Es handelt sich um die größten Zusammenschlüsse der bisherigen Wirtschaftsgeschichte.

Für die Endkunden bedeutet die Fusionitis nichts Gutes.Ursprünglich war ihnen versprochen worden, sie würden von der Liberalisierung der Telefonmärkte in Form von niedrigen Tarifen profitieren.Setzt sich der Konzentrationsprozeß jedoch in diesem Tempo fort, dürfte es mit Anbietervielfalt, Wettbewerb und Tiefstpreisen bald vorbei sein.Diese besonders von amerikanischen Verbraucherschützern formulierte Sorge ist umso berechtigter, als daß eine "Welt-Regulierungsbehörde" für den globalen Telefonmarkt zum jetzigen Zeitpunkt noch völlig illusorisch ist.

Allerdings zeigt das Beispiel Einzelhandel, daß sich auch eine geringe Zahl von Anbietern durchaus noch schwer Konkurrenz machen kann.Das Kalkül der Telekommunikations-Manager ist betriebswirtschaftlich zudem völlig einleuchtend: Die Globalisierung der Wirtschaft setzt die Globalität der Kommunikation voraus.Der Siemens-Konzern etwa beschäftigt 400 000 Mitarbeiter an 400 Produktionsstätten in 190 Ländern der Erde.Nur durch die effektive Vernetzung und Koordination der Bereiche können jene internen Synergie-Effekte entstehen, die den gigantischen Weltkonzernen erst ihre Existenzberechtigung geben.Die Telekom-Konzerne bieten den "Global Players" nun globalen Service aus einer Hand.Der Siemens-Mitarbeiter in München kann mit der Kurzwahltaste seines Telefons sofort den Kollegen in Tokio erreichen.Die Computerfirma SAP kann ihre Software abwechselnd von Teams in den USA und in Indien bearbeiten lassen, ohne sich täglich mit einem dutzend unterschiedlicher Netz-Betreiber herumschlagen zu müssen.Branchenexperten sind sich daher einig, daß globale Zusammenschlüsse in der Telekommunikation, anders als in anderen Industriezweigen, fast immer Sinn machen.

Die Deutsche Telekom kann sich zugute halten, den Trend früher als andere Weltmarktteilnehmer erkannt und geschäftlich umgesetzt zu haben.Zusammen mit der France Telecom und dem US-Anbieter Sprint formte sie mit Global One den ersten weltweiten Komplettanbieter.Doch die Fusionswelle hat nun eine Größenordnung und Dynamik erreicht, die den Deutschen und Franzosen tiefe Sorgenfalten auf die Stirn treiben müßte: In der vergangenen Woche schlossen AT &T und British Telecom eine Allianz, um Global One überall auf der Welt direkt Konkurrenz zu machen.

Statt den Wettbewerber ernst zunehmen, wiegelte die Telekom-Tochter erstmal ab: AT&T und die Briten kopierten lediglich ihre Geschäftsidee.Der Vorsprung von Global One sei nicht aufzuholen.Der Optimismus entbehrt jeder Grundlage.Branchen-Experten warnen, daß Global One große Schwierigkeiten haben dürfte, neue Kunden in den von AT&T und BT dominierten Märkten hinzuzugewinnen.Die entscheidende Auseinandersetzung wird sich außerdem direkt vor deren Haustür abspielen: Ein Drittel des weltweiten Telefon-Umsatzes von 650 Mrd.Dollar entfällt auf die USA, dem Heimatmarkt des Branchenführers AT&T.

Die Deutsche Telekom wäre also gut beraten, sich von allen sanierungsbedürftigen Geschäftsfeldern "Global One" als erstes vorzunehmen.Anlaufverluste von über 750 Mill.DM sind nicht länger hinzunehmen.Übertriebene Rücksichten braucht der Konzern dabei nicht zu nehmen.Denn auch die Telekom-Aktionäre wissen, wohin der gegenwärtige Konzentrationsprozeß führt: Mittelfristig werden weltweit höchstens noch ein Dutzend Telekom-Anbieter übrig bleiben.Wer das sein wird, darüber entscheidet allein die Performance im internationalen Geschäft.

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