Wirtschaft : Der Telefonmarkt setzt Anleger unter Hochspannung

UWE K.FROHNS (DM)

Telekommunikations-Aktien sind aber keine sichere Bank: Kursbestimmend sind die Wachstumsraten an Neukunden und MarktanteilenVON UWE K.FROHNS (DM)

"Liebling Kreuzberg" verpaßt Ron Sommer nie.Seinem T-Aktien-Promoter und Handy-Dandy Manfred Krug hält der Telekom-Chef auch vor dem Bildschirm die Treue."Schimanski" dagegen ist bei Sommer unten durch.Wollte der Duisburger Schmuddel-Fahnder in der November-Folge einem Verdächtigen doch glatt zwei Groschen zum Telefonieren mit seinem Anwalt borgen.Schließlich weiß ein Jahr nach der erfolgreichen Börseneinführung der Zukunftsaktie Telekom jedes Kind, daß Groschentelefone out sind. Szenen dieser Art beschäftigen den TV-Zuschauer Ron Sommer aus grundsätzlichen Erwägungen.Ob die Telekom als modernes oder antiquiertes Unternehmen dargestellt wird, beeinflußt unmittelbar den Kurs der T-Aktie.Und die hat es seit dem 1.Januar ohnehin schwer.Die privaten Wettbewerber Mannesmann Arcor, Otelo und Viag Intercom nutzen jede Gelegenheit, den ehemaligen Monopolisten Telekom alt aussehen zu lassen.Nach einem Blitzstart von 28,50 DM bis auf 43 DM in der Spitze rutschte das Papier, je näher der Start des freien Marktes rückte, wieder in Richtung 30 DM.Wenn die Konkurrenten nur annähernd so erfolgreich wie ambitioniert sind, kann es für den Platzhirsch Telekom noch weiter bergab gehen.Wer weiß, ob die Börsianer sich nicht eines Kursziels von 23 DM erinnern, das die Analysten des Privatbankhauses SMH vor Jahresfrist schon anvisierten. Dabei bezogen sie sich auf Erfahrungen aus den USA.Als dort Mitte der 80er Jahre der Telekommunikationsmarkt liberalisiert wurde, hatte der bis dahin unangefochtene Marktführer American Telephone & Telegraph (AT & T) das Nachsehen.Seitdem verlor "Ma Bell" rund ein Drittel seines Geschäfts mit Privatkunden.Neue Firmen wie MCI, Sprint und Worldcom verdarben dem bis dahin mit traumhaften Renditen operierenden Monopolisten die Margen.Noch herber waren die Marktanteilsverluste im Telefongeschäft mit Geschäftskunden.AT & T hält heute auf diesem Gebiet nur noch einen Anteil von 40 Prozent. Einen Vorgeschmack darauf bekam die Telekom schon 1997 zu spüren.Hoechst, Karstadt, Metallgesellschaft sowie Bilfinger & Berger sprangen ab, weil sie von den Newcomern mit niedrigeren Preisen und flexiblerer Technik hofiert werden.Auch ausländische Anbieter stoßen auf den deutschen Markt vor.Erstes Ergebnis: Die Telekom ist gezwungen, preislich nach unten mitzuziehen. Für Anleger bieten Veränderungen dieses Kalibers eine Fülle interessanter Möglichkeiten, andererseits sind aber auch die Risiken nicht zu unterschätzen.Zwar ließen die Zerschlagung der Telefonmonopole, die Globalisierung der Märkte und nicht zuletzt die Verschmelzung von Computer- und Telefontechnik den größten Wachstumsmarkt der Welt entstehen.Bessere Kurs-Chancen als die ehemaligen Monopole bieten derzeit die Newcomer, sowohl bei den Netzbetreibern als auch bei den Zulieferern.Vor allem Fusionen, Übernahmen, Beteiligungen und strategische Allianzen heizen das Kursfieber immer wieder an. Das jüngste Highlight im Network-Geschäft ist die Übernahme des Riesen MCI durch den Nicht-Mehr-Zwerg WorldCom, Bernard J.Ebbers, Chef von WorldCom, gelang der Beweis, daß in der Branche inzwischen alles möglich ist - zumal er nebenbei auch die mächtige British Telecom aus dem Rennen warf.Andererseits darf aber nicht vergessen werden, daß Kommunikation total zunächst einmal Milliarden-Investitionen in Kabelstränge und Satelliten erfordert.Das gilt auch für MCI und WorldCom, die selbst so mächtige Wettbewerber wie AT & T nervös machen. Deshalb ist es für den Anleger nicht damit getan, aktuelle Umsatz- und Gewinnzahlen der Wettbewerber miteinander zu vergleichen - zumal bei den meisten Newcomern zwangsläufig noch keine Gewinne zu sehen sind.Kursbestimmend sind im Moment vielmehr die Wachstumsraten an Neukunden und Marktanteilen - Anhaltspunkte für die Gewinne der Zukunft.Aktien der Telekommunikations-Industrie sind also keineswegs eine sichere Bank.Beispiel Deutsche Telekom: Für die Aktie sprechen Kapitalkraft und bisherige Marktstellung.Die Margen werden aber selbst bei erfolgreichem Kampf gegen die Konkurrenz zurückgehen. Beispiel Mannesmann: Der ehemalige Röhrenkonzern erzielt in der Sparte Mobilfunk, die erst zehn Prozent vom Gesamtumsatz ausmacht, bereits die Hälfte der Erträge.Die Mannesmann-Tochter Arcor gilt als aussichtsreichster Telekom-Konkurrent.Allianzen in Frankreich und Italien (Cegetel, Infostrada) stützen diese Einschätzung.Für Anleger, die einen aussichtsreichen Standardwert der Branche suchen, ist Mannesmann erste Wahl.Nachteil: Ein Großteil der Telekom-Phantasie steckt im Kurs schon drin.Deshalb sollte ein Kauf in schwächeren Phasen vorgenommen werden. Beispiel Cable & Wireless: Der britische Anbieter machte schon mehrfach von sich reden - positiv wie negativ.Mitte 1997 verkaufe C & W einen Großteil seines wichtigsten Assets, der Beteiligung an Hongkong Telecom, an die staatliche China Telecom und erhielt dafür den Zugang zum riesigen chinesischen Zukunftsmarkt."Ein phantastisches Geschäft", lobte das Invstmenthaus HSBC James Capel.Was es wirklich wert ist, wird man sehen.Im Moment ist die Börse wieder skeptischer, weil Probleme in Südostasien negativ auf C & W durchschlagen können.Näherliegende Kurs-Phantasie schöpft die Aktie aber ohnehin aus einer möglichen Übernahme. Beispiel France Telecom: Das französische Pendant der Deutschen Telekom wird es in den kommenden Jahren ähnlich schwer haben wie andere nach wie vor teilstaatliche Anbieter.Nachgebende Margen und ein allenfalls langsamer Abbau des Personals dürften eine ähnlich verhaltene Kursentwicklung mit sich bringen wie bei der in den 80er Jahren privatisierten British Telecom (BT).Um so unverständlicher ist die Begeisterung der Anleger, die beim Verkauf eines 25-Prozent-Anteils im Herbst 1997 herrschte.Merke: Eine 17fache Überzeichnung zur Emission besagt wenig über die Kurs-Chancen.Die sind allenfalls durchschnittlich. Beispiel AT & T: Frische Abwehrkräfte wittert die Börse dagegen jetzt wieder beim US-Telekom-Klassiker.Mit dem neuen Vorstands-Chef Michael Armstrong sollen die Management-Probleme der Vergangenheit endgültig gelöst sein.Armstrong gilt als jemand, der "keine Skrupel hat, auch heilige Kühe zu schlachten", bejubelt die "Financial Times" den Start des Managers, der jetzt vielleicht gegen den Aufsteiger Ebbers sein Meisterstück abliefern muß.Auch ein markttechnischer Faktor spricht derzeit für AT&T: Mit dem Abbau von Positionen in südostasienlastigen Titeln wächst an der Wall Street die Lust auf Blue Chips, die dann doch stärker heimatbezogen sind. Beispiel BCE: Bei deutschen Anlegern ist die Aktie noch ziemlich unbekannt.Doch Bell Canada Enterprises (BCE) ist nicht nur der größte kanadische Telekommunikationskonzern, sondern er gehört auch zu den hochkarätigen Vertretern der Branche mit Beteiligungen an Bell Canada (Netzbetreiber), BCE Mobile (Mobilfunk) Northern Telecom (Ausrüster) sowie diversen Auslandsbeteiligungen.Die Liberalisierung erlaubt es Unternehmen wie BCE jetzt zusätzlich, ins Rundfunkgeschäft einzusteigen.Die Gesellschaft erwartet auch in den kommenden Jahren zweistellige Gewinnzuwächse.Der Kurs besitzt nach einer Verdoppelung in zwei Jahren weiter Spielraum nach oben. Beispiel LHS: Die US-Firma LHS Group, deren Entwicklung seit Mitte 1997 am Neuen Markt in Frankfurt zu verfolgen ist, besitzt zwar keine eigenen Netze.Dafür hat sie etwas, auf das die mit der neuen Freiheit des Marktes investierenden Wettbewerber in keinem Fall verzichten können: Know-how für die Kunden-Kommunikation und die Abrechnung von Telekom-Diensten.Denn Liberalisierung bedeutet zunächst einmal Kuddelmuddel.Der Kunde hat die Wahlmöglichkeit zwischen verschiedenen Anbietern, zum Teil in Kombination miteinander.All dies ist ein riesiges Marktpotential für Spezialisten wie LHS.Sogenannter Customer Care Software werden für die kommenden Jahre Wachstumsraten von jeweils mindestens 30 Prozent prognostiziert.Die Konkurrenz unter den meist noch kleinen Anbietern ist groß, entsprechend hoch ist der Druck auf die Preise.Das gibt auch einem Engagement in der LHS-Akie eine hochspekulative Note.Der Vorteil: Am Neuen Markt notierte Unternehmen sind verpflichtet, ihre Aktionäre zeitnah und umfassend über den Gang der Geschäfte zu informieren.Außerdem hat LHS mit der Börsennotierung bereits einen Vorsprung gegenüber den Wettbewerbern gewonnen.Der Kurs hielt sich auch in den Herbst-Turbulenzen relativ stabil.Wenn sich die Wachstumsaussichten der Telekomindustrie erfüllen, könnte in ein paar Jahren die Erwartung der Aktionäre Realität werden: daß nämlich LHS mit Telekom-Software zu dem wird, was SAP mit Betriebs-Software heute schon ist. In diesem Fall müßte sich wahrscheinlich, laut Drehbuch, sogar Tatort-Kommissar Schimanski auf seine alten Fernsehtage noch den Griff zu den Groschen abgewöhnen.

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