Wirtschaft : Der teutonische Patient

Warum der deutsche Weg in der Wirtschaftspolitik vom Modell- zum Krisenfall in Europa geworden ist

Christopher Rhoads

Die Traditionsdruckerei Kühlen aus Mönchengladbach hat in ihrer langen Geschichte schon einiges durchgemacht: Den Geschäftseinbruch im Ersten Weltkrieg hat sie überlebt, die Inflation der zwanziger Jahre verkraftet und selbst, als im Zweiten Weltkrieg Dach und Maschinenpark zerbombt wurden, ging es weiter. Doch im letzten Jahr wurde es für das Familienunternehmen in dritter Generation zu viel. Nach 177-jähriger Firmengeschichte musste Inhaber Norbert Neuenhofer Insolvenz anmelden. „Die alten Kunden blieben weg, neue fanden wir nicht, wir gerieten in einen Teufelskreis “, sagt Neuenhofer.

Letztlich fiel das Unternehmen genau den Prinzipien zum Opfer, die dem verwüsteten Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg wieder gesellschaftlichen und ökonomischen Zusammenhalt gegeben haben: ein dichtes soziales Netz, Konsens-Politik und strenge Regeln für das Wirken von Marktkräften. Zu Beginn der Bundesrepublik waren das Erfolgsgaranten. Heute sind sie zur Fessel für die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt geworden.

Das Land rechnet für dieses Jahr mit mehr als 37000 Unternehmenspleiten, so vielen wie nie seit Kriegsende. Einer von zehn Deutschen im erwerbsfähigen Alter ist arbeitslos. Das drückt den Konsum und beschwört Deflationsängste. Beim Wirtschaftswachstum hinkt Deutschland mit erwarteten 0,2 Prozent allen großen Volkswirtschaften hinterher, vom kraftlosen Japan einmal abgesehen. Vor einem Jahrzehnt noch Schrittmacher der europäischen Wirtschaft, hat das Land so weit nachgelassen, dass es zur Last für Europa und zur Sorge der Weltwirtschaft geworden ist.

Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund hat die Europäische Zentralbank in der vergangenen Woche die Zinsen gleich um einen halben Prozentpunkt auf 2,75 Prozent zurückgedreht. Was vor den Deutschen liegt, scheint aber noch schlimmer zu werden: Rückläufige Geburten und eine steigende Zahl von Arbeitslosen und Rentnern schaden nicht nur der ökonomischen Dynamik. Sie steigern auch die Belastungen der Sozialsysteme stetig. Auf über 40 Prozent des Einkommens sind die von Arbeitnehmern und Arbeitgebern gemeinsam aufzubringenden Lohnnebenkosten angeschwollen. Das ist doppelt so viel wie vor dreißig Jahren. Die weltweit höchsten Lohnkosten werfen Firmen wie die Druckerei Kühlen aus dem Wettbewerb. Sie treiben vor allem kleinere Unternehmen in die Insolvenz, weil die ihre Produktion nicht mal eben ins Ausland verlagern können.

Zuletzt haben alle deutschen Regierungen wirkliche Reformen gemieden und das brüchige System lieber mit Steuererhöhungen über Wasser gehalten. Inzwischen aber kann nicht einmal mehr die hohe Steuerlast die Risse in den Sozialkassen kitten. Für viele Deutsche vollzog sich der Abrutsch zu allmählich, um lautstark Änderungen einzufordern. Die Städte sind sauber, Bürogebäude modern, und die Straßen sind voll von teuren Autos. Ein Großteil dieses Reichtums verdankt das Land allerdings der Wirtschaftskraft vergangener Jahrzehnte. Inzwischen verhindert das verkrustete System von Spitzensteuern, Kündigungsschutz und Tarifbindung das Entstehen neuer Firmen und Jobs in Wachstumsbereichen wie Informationstechnik, Biotechnologie und Dienstleistungen.

Experten glauben, dass es erst dann einen Konsens für Reformen geben wird, wenn die Zeiten noch härter werden – ähnlich wie in den siebziger Jahren in Großbritannien. Damals hatte Margaret Thatcher leichtes Spiel, Deregulierung, Privatisierungen und die Entmachtung der Gewerkschaften durchzuhämmern. Nur schweren Herzens gestehen sich die Deutschen ein, dass die Methoden, mit denen das Land lange Zeit so gut gefahren ist, ausgedient haben.

Deutschlands relativ späte Industrialisierung hatte den Vorteil, dass man aus den Fehlern anderer Länder lernen konnte, so von Großbritannien, wo der industrielle Aufstieg von sozialem Aufruhr begleitet wurde. Der deutsche Weg lag in der Gewährung von Sozialleistungen, mit denen man die Bürger an den Staat band. Was damals unter Reichskanzler Otto von Bismarck entstand, war ein gewaltiges System staatlicher Sozialleistungen, dessen Grundzüge später von Frankreich, Schweden und den USA übernommen wurden. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg hat Westdeutschland eine Mischung aus Marktfreiheit und sozialen Traditionen gefunden, die dem Land als „soziale Marktwirtschaft“ die wichtige Stabilität und gleichzeitig dynamisches Wachstum bescherten. Die hohen Kosten erzwangen, dass Deutschlands Unternehmen international beim Preis nicht mithalten konnten, sondern in der Qualität überzeugen mussten.

Für die Druckerei Kühlen verhieß dies Aufschwung. Nach dem Krieg erschloss die kleine Firma das Zeitungsgeschäft und zog wertvolle Aufträge im Magazin- und Kataloggeschäft an Land. Die Zahl der Angestellten schoss zu Beginn der siebziger Jahre auf 400. Nach Rückzug des Großkunden Axel Springer 1973 konnten zwar nur 150 Arbeitsplätze erhalten bleiben, doch das Unternehmen blieb profitabel. Um die steigenden Lohnkosten unter Kontrolle zu halten, verzichtete man trotz gestiegener Nachfrage auf Neueinstellungen und setzte auf Innovation: Alle vier Jahre wurde die Technik auf den neuesten Stand gebracht.

Konkurrenz durch Globalisierung

„Die hohen Personalkosten zwangen die Wirtschaft zum Modernisieren“, sagt Wolfgang Streeck, Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln. Doch mit den Jahren sahen mehr und mehr Firmen von der Schaffung neuer Stellen ab, was Arbeitslosigkeit und den Druck auf die Sozialsysteme ansteigen ließ. Irgendwann musste die Rechnung zusammenbrechen. Mit dem Fall der Mauer, der Einführung von Euro und neuen Technologien verschwanden die nationalen Grenzen der Wirtschaft. Der globale Markt brachte Kapital und Menschen fast schrankenlose Mobilität. „Nur solange der Staat auch seine Märkte kontrollierte, war das System plausibel“, sagt Gerhard Lehmbruch, emeritierter Politikprofessor der Universität Konstanz.

Bis Anfang der 90er Jahre waren die Wettbewerber der Druckerei aus Mönchengladbach auf eine übersichtliche Fläche in Deutschland verteilt. Die Firmen mussten mit denselben hohen Personalkosten arbeiten wie die Druckerei Kühlen, bei der sie zuletzt fast 65 Prozent der Gesamtausgaben ausmachten. Doch dann kamen neue Anbieter aus Spanien, Ungarn oder Asien. Bei deren Preisen konnte Kühlen nicht mithalten und verlor viele Kunden. „Wir mussten besser, schneller und billiger als unsere Konkurrenz sein“, sagt Neuenhofer, während er durch die leeren Fabrikhallen geht, in denen er als Kind spielte, als sein Vater die Firma leitete. „Dazu waren wir nicht in der Lage.“

Deutschland scheint unfähig, grundlegende ökonomische Reformen durchzusetzen. Das Verhältnis-Wahlrecht macht die Alleinregierung einer Partei fast unmöglich, weshalb schwerfällige Koalitionen die Regel sind. Die Bundesländer haben gehörigen Einfluss auf die Politik, nichts scheint ohne jedermanns Zustimmung, etwa die der Gewerkschaften, zu funktionieren. Der deutsche Drang nach Gleichheit, so glauben Streeck und andere Akademiker, wird ohnehin an den damit verbundenen Kosten scheitern. „Wenn der jetztige Trend anhält“, so Streeck, „wird es schnell zwei Gruppen geben: eine reiche Elite und diejenigen, die vollständig auf den Sozialstaat angewiesen sind.“ Die Einkommensunterschiede würden bald eine Gesellschaft schaffen, die „der amerikanischen sehr ähnlich ist“, fügt er hinzu.

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